Chemnitzer Trio Blond: Kirschen und Keule

Das Chemnitzer Trio Blond hat sich für seine neue EP "Trendy" eine kapitale Nische im Kuschelpop freigeprügelt.

Chemnitz.

Es kommt nur selten vor, dass Bands in ihren Eigenwerbetexten den Nagel auf den Kopf treffen. Das Chemnitzer Trio Blond hat dafür allerdings den richtigen Hammer in der Hand: "Menschen, die sich auf einem missglückten Abiball wohlfühlen, die mit Interesse beobachten, wie ein Lampionumzug von Rowdies überfallen wird, werden diesen Tonträger mögen und vielleicht sogar trendy finden."

Das bringt "Trendy", die ab sofort erhältliche neue EP von Blond, auf den Punkt - und dieser liegt so haarscharf absichtsvoll wie kirschkuchenkernig süß neben dem Trend, dass man sich wünscht, es möge dieser Band doch gelingen, den ölig trägen Mainstream nach ihrem frechen Gusto in ihre schillernden, frischen Gewässer umzuleiten. Bestand bei der Debüt-EP "Blond" im Frühjahr 2016 die Hörfreude noch im Wesentlichen darin, dem zweiten Kummer-Geschwisterpaar und ihrem Fabel-Bassisten Johann Bonitz bei ihren beherzt-schrulligen Popabtastungen im Forschermodus beizuwohnen, so haben die Chemnitzer bei ihrem Zweitwerk ordentlich Schneid bekommen - nicht zuletzt dank eines deutschlandweiten Live-Trainingsprogramms, das man in kleinen Cafés ebenso absolvierte wie als Vorband von Größen wie Annen May Kantereit oder Von Wegen Lisbeth. Das Spartanische der Songs ist jetzt weniger notgedrungene Tugend, sondern rotzig angeschliffenes Stilmittel. Mit grobem Knüppel wagt man sich an filigrane Feinzeichnung - und schafft es, damit tief zu berühren.

Die gitarrespielende Sängerin Nina Kummer hat ordentlich was von Dolores O"Riordan (The Cranberries) in der Kehle, gelegentlich schimmert eine Prise Eva-Briegel-Gänsehaut (Juli) durch. Die Attitüde ist ausgesprochen eigen, eine Mischung aus Marilyn Monroe, Jen Bender (Grossstadtgeflüster) und Pippi Langstrumpf. Doch eh jemand schnüffzt vor lauter 90er-Abba-Diskokugel-Revival, wird in den Randale-Modus hochgeschaltet und der White-Stripes-Nachbrenner gezündet: Schlagzeugerin Lotta Kummer hat sich in nur einem Jahr einen ziemlich derben Höllengroove draufgeschafft, Tanztee trifft da auf Berserker, und im Nebenjob rappt die junge Frau auch noch beängstigend bissig: Das mit der Seife zum Frühstück glaubt man sofort!

Im Duo würden die Kummer-Sisters daher eventuell Gefahr laufen, als eine Art moderne Rosenstolz der blutigen Nasen aufzufallen - doch da ist Keyboarder und Bassist Johann Bonitz zur Stelle, der das überschäumende Entertainment in einen elegant-geschmackvollen Indie-Rahmen kleidet und zudem furztrockenen Bilderbuch-Humor beisteuert: Immer, wenn Blond musikalisch auf die ernsthafte Popkunst-Schiene einbiegen, kippt das Geschehen ins Skurrile - und kaum holpert die Bahn genüsslich neben den Gleisen, gelingt der Band jederzeit ein verblüffend ernsthafter Rückbesinnungs-Move in Sachen sinnlicher Naivität. Näher kann man Anspruch und Freude kaum aneinanderrücken - in einzelnen Songs zumal: Mit "Book", "It-Girl" oder "Don"t Bug Me" sind Blond ausgefeilt eindrückliche Kompositionen gelungen, die sowohl live als auch unterm Kopfhörer zünden. Und mit "Spinaci" hat man den ersten potenziellen Tophit der Bandgeschichte in der Trommel. Feuer frei!

Im Konzert Blond spielt am Samstag im Atomino Chemnitz die Record-Release-Show zur neuen EP "Trendy". Danach geht es auf Deutschland-Tour. In der Nähe ist das Trio wieder am 25. Oktober im MUZ-Club Nürnberg, am 26. Januar in der Groovestation in Dresden und am 27. Januar in der Engelsburg Erfurt.

 

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