City Kids mischen die Branche auf

Die Leser der "Freien Presse" haben beim diesjährigen Wettbewerb "Tradition und Form" des Kunsthandwerkerverbandes ein klares Votum abgegeben. Sie waren damit zum wiederholten Mal ganz anderer Meinung als die Experten. Heute wird das Geheimnis um die 2017er Preisträger gelüftet.

Riechberg.

Peter Wagner würde man auf der Straße wohl nie mit erzgebirgischer Volkskunst in Verbindung bringen. Flippig und mit zig Tätowierungen auf dem rechten Arm kommt der 27-Jährige daher. Er hat, obwohl er nicht im Erzgebirge lebt, nach der 10. Klasse als erster Lehrling im väterlichen Betrieb Spielzeugmacher gelernt, 2016 dann seinen Meister gemacht. Er arbeitet in jener Firma, mit der sich sein Vater Volkmar Wagner 1989, noch vor der Wende, in dem kleinen Dorf Riechberg bei Hainichen in Mittelsachsen selbstständig machte und einen Traum erfüllte.

Aus dem Ein-Mann-Unternehmen ist mit den Jahren ein florierender Handwerksbetrieb mit heute 19Beschäftigten geworden, dessen Markenzeichen Schneemänner sind. Jahrein, jahraus werden die Gute-Laune-Gesellen mit ihren lachenden Gesichtern in mittlerweile 70verschiedenen Varianten aus Naturholz und in Größen zwischen 12 und 85 Zentimetern gedrechselt. Der Firmenchef müsste eigentlich schon zum dritten Mal anbauen, und er könnte weitere Leute, auch Lehrlinge, einstellen, wenn er denn welche finden würde.

Trotzdem wollten seine Söhne Peter (27) und Tony (33), beide schon Familienväter, raus aus dem Schneemanntrott. Ihnen sei aufgefallen, dass oft Großeltern mit ihren Enkeln in die Werkstatt kämen und die Steppkes dann orientierungslos im Laden stünden, wenn Oma fragt: "Was möchtest du gern haben?" Da sei in ihm die Idee gereift, man müsste das Sortiment aufpeppen, mit flippigen Produkten, die die junge Generation ansprechen. "Mein Bruder und ich haben dann in hunderten Stunden alles Mögliche probiert, bis klar war, dass wir richtige Charaktere schaffen wollten."

Die stehen nun in der Werkstatt, sind 15 Zentimeter groß und haben sogar Namen: Stella, Sam und Jayson. Als Gruppe der City Kids hat die Drechslerei Wagner sie für den diesjährigen Wettbewerb "Tradition und Form" des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller eingereicht. Der Mut wurde gleich doppelt belohnt. Peter und Tony Wagner erhielten dafür den Nachwuchspreis des Verbandes. Und sie heimsten auch den zum neunten Mal ausgelobten Publikumspreis der "Freien Presse" ein.

An der Abstimmung beteiligten sich 1895 Leser. 400 erklärten die City Kids zum gelungensten unter den 14 nominierten Wettbewerbsbeiträgen. Im Unterschied zum extrem knappen Ergebnis im Vorjahr entschieden diesmal die City Kids das Rennen mit deutlichem Vorsprung für sich. Sie erhielten 117 Stimmen mehr als der Zweitplatzierte: die Wichte-Serie aus Näumanns Galerie in Seiffen. Den Publikumspreis bekommt damit erneut eine Arbeit, die von der Jury nicht mit einem Hauptpreis bedacht wurde.

Die Wagner-Brüder können weder ihre Überraschung noch ihre Freude darüber verbergen. "Das Ergebnis sagt uns, dass wir mit diesen Produkten richtig liegen", meint Tony Wagner, der zunächst Koch und dann Betriebswirt gelernt hatte. Schon im vergangenen Herbst hätten sie auf der Geschenkemesse Cadeaux in Leipzig ein gutes Gefühl gehabt, als sie ihre drei Geschöpfe erstmals dem Fachpublikum präsentierten. 92 Prozent der Händler hätten Stella & Co. bestellt.

Die drei lustigen Gesellen fallen gleich aus mehreren Gründen aus dem Rahmen. Dass ihr Grundkörper an den des Schneemanns angelehnt ist, erkennt der Laie kaum. Erstmals kommt dafür in der Firma Farbe zum Einsatz: blau beziehungsweise orange für die Sneakers an den Füßen und die Snapbacks auf dem Kopf - eine Variante der Baseballkappe. Stella trägt Pink. "Sie ist unsere Shopping Queen", meint Peter Wagner. Keck lugt ihr Zopf unter der Kappe hervor. Schwungvoll liegt ein Schal aus Tuch um den Hals, und die Einkaufstüten baumeln am Arm. Ganz anders Jayson, der den Skatertyp verkörpert: mit Skateboard unterm Arm und Daumen-hoch-Geste. Sam trägt sein Snapback mit dem Schild nach hinten, hat Rucksack und Kopfhörer dabei. "Wir wollten zum ersten Mal auch Mimik rüberbringen, bei Stella mit einem Wimpernschlag", sagt Tony Wagner. Und noch etwas ist den jungen Männern wichtig: "Wir möchten nicht vordergründig in Läden für erzgebirgische Volkskunst, sondern die Städte und Szeneläden erobern, zum Beispiel Skaterclubs und Klamottenläden", sagt Peter Wagner.

Vater Volkmar sieht's mit Freude: "Das war zwar alles gewöhnungsbedürftig. Aber mit ihren Ideen haben sie ganz schön Schwung in die Firma gebracht", sagt er stolz. "Viele Arbeitsprozesse wurden verbessert, effektiver gemacht." Das eigene Projekt sei für sie auch ein Motivationsschub gewesen. "Bisher haben wir ja eher unter der Fuchtel des Vaters gearbeitet", meint Peter Wagner scherzhaft. Dass Jung und Alt jeden Tag auf engstem Raum zusammen arbeiten, funktioniere gut, auch wenn über vieles erst einmal gestritten werde.

Seit einem Jahr sind die Brüder beim Online-Dienst Instagram unterwegs. "Da funktionieren Marketing und Kontakte, die für unsere Branche enorm wichtig sind, ganz anders. Alles verbreitet sich mit rasender Geschwindigkeit." So kam es auch, dass die Brüder den Auftrag für eine exklusive Edition für das XS-Car-Night-Treffen in Dresden erhielten. Dafür ergänzten sie die City Kids um lustige Autopfriemler.

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