Clowns und andere Helden

Puppenspiel - das tun viele Theatergänger noch pauschal als "Kinderkram" ab. In Zwickau wird gegen derlei Vorurteile in den nächsten Tagen mit einem internationalen Festival ein womöglich einmaliges Zeichen gesetzt. Aus nicht ganz alltäglichem Anlass.

Zwickau.

Monika Gerboc stehen anstrengende Tage bevor. Hinter ihr liegen sie sowieso. Nicht nur, dass bei der 38-Jährigen, die seit drei Jahren als Direktorin die Geschicke des Zwickauer Puppentheaters lenkt, alle Fäden zu dem Internationalen Puppentheaterfestival zusammenlaufen, das am heutigen Donnerstag in der Robert-Schumann-Stadt eröffnet wird. Nicht nur, dass sie in den vergangenen Wochen en gros und en détail mit den Vorbereitungen zu diesem im Zwickauer Maßstab Großereignis beschäftigt war, das bis Montag 26 Veranstaltungen umfasst: Neben sächsischen Inszenierungen Produktionen aus Tschechien, Großbritannien, Israel und Frankreich nebst Koproduktionen aus Spanien und Argentinien sowie Italien und der Slowakei.

Zwar lässt die studierte Theaterregisseurin und Puppenspielerin während dieser fünf Tage nicht selbst die Puppen tanzen. Dennoch ist von ihr Dauerpräsenz und -konzentration gefragt. Denn das Festival, zu dem abwechselnd und eng getaktet an sechs Spielorten Programm ist, stellt für die gebürtige Slowakin zugleich eine große Versuchsreihe dar: Wie reagiert das Publikum auf welche Darstellungsformen? Was kommt an, was weniger, bei welcher Altersgruppe? Was folgt daraus für die Arbeit vor Ort? Und was sagen Beobachter und Kritiker der Szene, die sich aus der Schweiz, Frankreich, Italien, Bulgarien und Polen angesagt haben? Und: Funktioniert das Puppentheater an der Gewandhausstraße so, wie es jetzt ist?

Denn das ist der eigentliche Anlass, jetzt und hier ein solches Event auszurichten: Seit 2017 war der langgezogene Bau hinter dem Zwickauer Gewandhaus wie zurzeit ebendieses eine Baustelle. Mit dem Festival wird das Haus wiedereröffnet. Das 1987 nach Maßstäben der DDR-Planwirtschaft von der Stadt Zwickau quasi als Schwarzbau errichtete Puppentheater war nach drei Dekaden Dauerbetrieb in die Jahre gekommen. Von der Erneuerung der Besuchertoiletten im Jahr 2008 abgesehen, befand sich das Haus, vor allem der nicht öffentliche Bereich, in kaum mehr zumutbarer Verfassung. So hatte auch, als die Puppentheatersparte 2016 aus dem Theater Plauen-Zwickau aus- und in die stadteigene Kultur-, Tourismus- und Messegesellschaft, Kultour Z., eingegliedert wurde, deren Geschäftsführer Jürgen Flemming der Stadt die grundlegende Sanierung des Hauses zur Bedingung für die Übernahme gemacht. Das war schon insofern nötig, als die Trennung des Theaters vom Puppentheater in dessen Räumen baulich noch gar nicht vollzogen war.

Am Ende hat das Puppentheater davon profitiert. Zusätzliche Obergeschossflächen ermöglichten die Einrichtung eines Probenraumes und einer Bühnenwerkstatt von ernst zu nehmender Größe. Hinzu kamen die Umgestaltung des Foyers zum theaterpädagogisch nutzbaren Multifunktionsraum, die Runderneuerung des Bühnensaals inklusive zeitgemäßem Licht, digitaler Technik, lautloser Bühnenzüge sowie Schallschutzjalousien - im Rücken des Publikums verkehrt die Straßenbahn. Erstmals stehen dem Haus- sowie Gastspielensembles nun nach Geschlechtern getrennte Garderoben inklusive Duschen zur Verfügung.

Was auch dem Umstand Rechnung trägt, dass Puppentheater heute ein sehr weiter Genrebegriff ist: Oft agieren Menschen mit vollem Körpereinsatz auf der Bühne - auch beim Festival. Das Ensemble Pickled Image aus England etwa. Dessen Stück "Coulrophobia" erzählt die Odyssee zweier panischer Clowns durch eine surreale Pappkartonwelt - mit inseltypisch schrägem Humor. Den zu verstehen, verspricht Monika Gerboc, scheitert ebenso wenig an der Sprache wie bei anderen Inszenierungen aus dem Ausland. Nicht alles bei diesem Festival eigne sich für jeden, aber: "Für jeden ist etwas dabei", sagt sie. Unter anderem die (ausverkaufte) Puppen-Inszenierung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen, Kafkas "Prozess" von den Landesbühnen Sachsen, Theater gespielt mit verkleideten Füßen, mit Papier, auf der Wandtafel, für Große, für Kleine.

Es fällt auf, dass dem Festival die Ordnungszahl "1." fehlt. - "Wir wissen nicht, ob wir irgendwann ein zweites Festival auflegen können", sagt Monika Gerboc mit Blick auf den enormen Aufwand und darauf, dass sie alles in allem zwölf Mitarbeiter von Dramaturgie bis Technik hat, die eigentlich schon das Tagesgeschäft auslastet. "Es kann sein, aber dann sicher nicht gleich nächstes Jahr." Auf entsprechend reges Interesse des Publikums hofft sie dafür in den kommenden Tagen.

www.puppentheater-zwickau.de

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