Comic-Roman "Eine Schwester": Wenn's einfach nur beginnt

Der Comic-Roman "Eine Schwester" beschreibt auf einmalige Weise die Verpuppung zweier Kinder zur Jugendlichkeit.

Chemnitz.

Es ist ja nun nicht so, dass heutzutage nicht allerorts und jederzeit frei und offen über Sexualität gesprochen würde: Von Pornosucht bis Anmachtipps, von Tinder bis #MeToo, von Debatten über Frühsexualisierung bis zum Orgasmus im Alter, von 50 Shades Of Gray bis Kamasutra kommt man medial kaum dran vorbei. Aber wann wurde sich dabei jemals dem geheimnisvollen und doch so wesentlichen Kern genähert, mit dem fast jeder Mensch auf die eine oder andere Weise lebenslang ringt? Vielleicht ist der gezeichnete Roman "Eine Schwester" des französischen Comickünstlers Bastien Vivès deshalb so bemerkenswert - weil er jenes Erwachen auserzählt, in das einen Sängerin Tamara Danz 1986 in Werner Karmas Text zum Silly-Klassiker "Bataillon d'amour" so eindringlich tief getunkt hat: "Verführn sich in die Liebe / wie in ein Labyrinth / Wir können uns nicht wehren / wenn's einfach nur beginnt".

Der Comic-Roman begibt sich einfühlsam in das seltsam verpuppte Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein, schaut dabei aber auch auf poetische gnadenlose Weise so detailliert hin, wie es selbst großer Literatur bisher nur ganz selten gelungen ist. Er erkundet damit jene Zone größter Potenziale wie Empfindlichkeit, in der der Mensch in seinem Leben einerseits am empfänglichsten, aber eben auch besonders verletzlich ist - weil nun jeder der ersten eigenen Schritte lebenslange Folgen hat: Man will ohne das schützende Fangnetz der Erwachsenen aufs Drahtseil - und braucht dabei doch so dringend jemanden, der einem dabei die Hand reicht.

Für den 13-jährigen Antoine tritt dieser Jemand überraschend in sein Leben, weiß er doch noch gar nicht, dass er an der Schwelle zum Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein steht: Er fährt nur wie jedes Jahr mit seinen Eltern ins Sommerferienhaus ans Meer, zeichnet, passt auf seinen kleinen Bruder Titi auf - und spürt eine erste Langeweile. Doch eine Freundin der Familie hat Probleme in der Partnerschaft und erleidet eine Fehlgeburt - kurzfristig zieht sie mit ihrer Tochter für ein paar Tage in das Haus, und plötzlich wacht Antoine neben Hélène auf. Das 16-jährige Mädchen, nur optisch schon Frau, glaubt, die Zwischenwelt eigentlich längst verlassen haben zu müssen: Sie schämt sich für ihre Jungfräulichkeit, ist überfordert vom Werben der älteren Jungen mit den Pornovideos auf dem Handy und versteckt all das hinter cooler Fassade. Bei Antoine hat sie dagegen die Oberhand, kann plötzlich selbst das Tempo vorgeben, und wagt so mit ihm die ersten Schritte zaghaft ins Labyrinth der Liebe, die doch schon so drängend sind. Die Eltern, beschäftigt mit ihren Problemen, lassen den Ferienkindern jene Freiräume, von denen kein Vater und keine Mutter genau weiß, wie klein oder wie groß sie wirklich sein müssen: Das Loslassen, das passieren muss, lässt das Leben passieren. Heimliches Rauchen, eine halbe Flasche Wein und der aufblühende Reiz der eigenen Körper: Antoine wird von Hélène aus einer Kindheit gerissen, mit der er fertig ist, ohne ihrer aber überdrüssig zu sein. Autor und Zeichner Bastien Vivès spielt dabei großartig die Möglichkeiten des Mediums aus: Sein leichter Zeichenstil, der Details mal nur als sanfte Kurve andeutet, mal scharf fokussiert, schafft immer die richtige Distanz. Die erotischen Momente des Buches werden deutlich gezeigt, auch durchaus explizit - jedoch so natürlich, als Ausschweifung, ohne voyeuristische Gier oder erotisierende Pose, dass die Darstellungen nie selbstzweckhaft von der Geschichte wegführt.

Das ist wirklich ganz große Kunst, denn der Franzose trifft damit das Erwachen, das jeder Mensch nunmal durchleben muss. Hier wird die junge Sexualität als der schwierige, schöne, schmerz- wie rätselhafte und doch so faszinierend und für jede Seele notwendige Teil des Lebens skizziert, der sie ist. Und das tut gut zwischen all den hyperventilierten Debatten, die in der Öffentlichkeit der letzten Jahre rund um das Thema tobten. Zumal Vivès durchaus auch die schwierigen Grenzverläufe des Themas anreißt: Hélène ist durchaus eine Verführerin, die Antoines hilflos aufkeimende Lust für sich zurechtmacht. Doch deutet sie eben nicht nur die Geliebte an, sondern auch die schützende Schwester: Bei der Abschlussparty am Strand wollen drei 17-Jährige durch einen 200 Meter breiten Meeresarm schwimmen, um Zigaretten zu holen - und Antoine fühlt sich genötigt mitzukommen. Zu beweisen, dass auch er dieses symbolische Meer der Möglichkeiten leicht queren kann. Hélène hält ihn ab, bringt den Jungen nach Hause - und rettet so sein Leben: Im Nachtwasser verbirgt sich eine Strömung, die die Jugendlichen in den Tod reißt.

Das Buch Bastien Vivès: "Eine Schwester"; Reprodukt-Verlag, 216 Seiten, 24 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...