Cornelia Funke: «Ich bin zu Hause in meinen Lesern»

In mehr als 50 Sprachen wurden Bücher von Cornelia Funke übersetzt, auch nach Jahren in ihrer US-Wahlheimat schreibt sie fast alle Geschichten auf Deutsch. Dass ein Übersetzer englische Texte von ihr in ihre Muttersprache überträgt, ist noch ungewohnt für sie.

Hamburg/Malibu (dpa) - In Amerika hat Schriftstellerin Cornelia Funke seit langem ihre Wahlheimat gefunden. 2005 war Deutschlands international erfolgreichste Kinder- und Jugendbuchautorin («Drachenreiter», «Tintenherz», «Reckless») von Hamburg nach Los Angeles gezogen, seit 2017 lebt sie auf einer Farm in Malibu.

Als einen Monat vor ihrem 60. Geburtstag, den sie am Montag (10. Dezember) begeht, dort die Feuer wüteten, musste auch Funke ihr Haus verlassen. Im nächsten Jahr will sie sich ein zweites Haus zulegen, in England. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht sie über das Gefühl von zu Hause und ihre englische Stimme.

Frage: Sie planen schon länger, sich ein Haus in Cornwall in Südengland zuzulegen, im nächsten Jahr soll es so weit sein. Wollen Sie Amerika dauerhaft verlassen?

Antwort: Auf keinen Fall! Meine Avocadofarm, ganz nah beim Pazifischen Ozean, wird immer ein magischer, ein ganz besonderer Ort für mich bleiben, mit all den Geschichten bis hin zum heldenhaften Gärtner, der mein Haus vor den Flammen gerettet hat. Cornwall soll ein Zweit-Wohnsitz werden - mein Regenhaus gewissermaßen, für all meine Notizbücher, für meine Zeichnungen und Arbeiten auf Leinwand, die ich dann lieber dort aufbewahren würde als im Feuerland. In erster Linie aber möchte ich meine beiden Häuser zu Orten machen, wo meine Leser und junge Künstler aus aller Welt Gelegenheit haben, einander zu begegnen und miteinander zu arbeiten.

Frage: Bis 2005 lebten Sie in Deutschland, seitdem in den USA, nun planen Sie das Haus in Großbritannien. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Antwort: Da ich in mehr als 50 Sprachen veröffentlicht werde, darf ich mich als Weltbürgerin fühlen. Ob mir in Indien Kinder um den Hals fallen, weil sie «Drachenreiter» lieben, oder in Neuseeland Jugendliche jeden Satz aus meinen Büchern kennen - in diesen Momenten fühle ich mich durch sie genau da zu Hause. Ich bin zu Hause in meinen Lesern, das hat etwas unglaublich Berührendes. Wenn man an anderen Orten eine solche Begeisterung und Herzlichkeit erlebt, will man sich nicht mehr über eine bestimmte Nationalität definieren. Inzwischen habe ich so viele Freunde in aller Welt. Natürlich habe ich meine Wurzeln in der deutschen Sprache und Kultur - aber wohin der Baum dann wächst, ist etwas anderes.

Frage: Schreiben Sie Ihre Geschichten noch immer auf Deutsch?

Antwort: Ja, erste Ausnahmen habe ich jetzt aber gemacht. Das erste große Buch, das ich auf Englisch geschrieben habe, ist «Das Labyrinth des Fauns». Es ist die Romanfassung meines Lieblingsfilms, die ich auf Wunsch seines Regisseurs Guillermo del Toro geschrieben habe. Ein spanischer Film mit englischen Untertiteln - da wollte ich nicht noch eine dritte Sprache hinzufügen. Die zehn Kurzgeschichten über Schlüsselelemente des Films, die das Buch auch enthält, habe ich ebenfalls auf Englisch geschrieben. Es war eine neue Erfahrung, Übersetzungsproben in Deutsch zu lesen.

Frage: Und Sie waren nicht zufrieden?

Antwort: Doch, aber ich musste mich daran erinnern, dass meine englische Stimme anders klingt als meine deutsche und sich das auch in der Übersetzung zeigen wird. Ein kanadischer Freund nennt meine englische Stimme «erwachsener». Man sagt ja, dass alle emotionalen Erinnerungen in einer Sprache auf jene Jahre zurückgehen, in denen man die Sprache erlernt hat. Meine frühkindlichen Erinnerungen finden sich im Deutschen wieder, während ich das Englische erst mit zehn angefangen habe zu lernen.

Frage: Welche Rolle spielt deutsche Literatur in Amerika?

Antwort: Die Amerikaner haben durch den weltweiten Gebrauch der englischen Sprache den Vorteil, dass sie Literatur aus vielen Ländern ohne Übersetzung lesen können. Australien, Neuseeland, Kanada, Großbritannien ... Da ist übersetzte Literatur immer noch rar, während sie in Deutschland der Normalfall ist. Aber ich habe den Eindruck, es tut sich etwas. Ich sehe immer häufiger übersetzte deutsche Titel, und ich finde, gerade Kinder brauchen Literatur aus anderen Ländern. Als ich nach Schweden kam, war ich sofort dort zu Hause - dank Astrid Lindgren. England fühlte sich gleich wie Heimat an - dank Charles Dickens, C.S.Lewis und Rudyard Kipling.

Frage: Sie arbeiten ja immer an mehreren Geschichten parallel. An welchen Büchern schreiben Sie gerade?

Antwort: Am vierten Band von «Reckless», an «Drachenreiter 3» und an einem Bühnenprojekt mit einem Cellisten. Im nächsten Jahr komme ich hoffentlich noch dazu, das nächste «Tintenherz»-Buch zu Ende zu schreiben. Und ich wünsche mir, dass das, was ich mir momentan in meinem Kopf alles ausmale, was ich an Büchern noch plane, irgendwann Wirklichkeit wird. Sicherlich werden sich auch die Erfahrungen, die ich durch die Flammenbedrohung und ein paar Wochen Exil gemacht habe, in meiner Arbeit widerspiegeln. Vielleicht wird es nun öfter Figuren geben, die ihr Leben zurücklassen müssen, ohne zu wissen, ob sie es noch vorfinden, wenn sie zurückkommen. Ich habe mit Sicherheit noch mehr Mitgefühl und Respekt vor den Flüchtlingen dieser Welt.

ZUR PERSON: Cornelia Funke wuchs in Dorsten (Nordrhein-Westfalen) auf, nach dem Abitur ging sie nach Hamburg, studierte Diplompädagogik und ließ sich zur Buchillustratorin ausbilden. Seit ihrem ersten eigenen Bilderbuch «Die große Drachensuche» (1988) hat sie nach Angaben des Dressler Verlags mehr als 60 Bücher veröffentlicht, in über 50 Sprachen wurden ihre Titel übersetzt und weltweit mehr als 26 Millionen Exemplare verkauft. Zu ihren größten Erfolgen gehören «Die wilden Hühner», «Drachenreiter», «Herr der Diebe», die «Tintenwelt»-Trilogie und die «Reckless»-Reihe.

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