Das gescheiterte Denkmal

Ein neues Buch und eine Ausstellung erinnern an einen der bedeutendsten Kunstwettbewerbe der Nachkriegszeit, der ganz im Zeichen des Kalten Krieges stand.

Berlin.

Es gab in Chemnitz vor einigen Jahren einen Wettbewerb um einen neuen Marktbrunnen, den Tim Ullrichs gewann. Gebaut wurde der Brunnen nie. Das hat er mit einem anderen Gewinner eines anderen Wettbewerbs gemeinsam: Es war wohl der bemerkenswerteste Kunstwettbewerb nach 1945 überhaupt, der Wettbewerb für ein "Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen", der 1952 vom in London ansässigen Institute of Contemporary Arts ICA ausgerufen wurde. Preisgelder in Höhe von 11.500 Britischen Pfund standen zur Verfügung, umgerechnet etwa 135.000 D-Mark. Knapp 1500 Bildhauerinnen und Bildhauer reichten Entwürfe ein, jeweils ein bis zu 50 Zentimeter hohes Modell. Realisiert wurde kein einziger. Obwohl sich der damalige Westberliner Bürgermeister Ernst Reuter den Siegerentwurf gut hätte in der geteilten Stadt vorstellen können - auch als Gegenbild zum sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow.

An den von Anfang an umstrittenen Wettbewerb erinnern eine zurzeit geschlossene Ausstellung im Kunsthaus Dahlem, aber auch ein jederzeit zugängliches, sehr informatives Buch, beide namens "Der unbekannte politische Gefangene". Sie rekonstruieren anhand erhaltener Entwurfsmodelle den Wettbewerb, der die Kunst in den Dienst des Kalten Krieges stellte, aber am Ende selbst diesem Kalten Krieg zum Opfer fiel. Offiziell war das ICA Sponsor des Wettbewerbs, doch verweisen die Autorinnen des Bandes, Petra Gördüren und Dorothea Schöne, darauf, dass die Gelder aus privaten Quellen in den USA und wahrscheinlich auch vom Geheimdienst CIA stammten. Die Ausschreibung formulierte nur vage, welcher politischen Gefangenen mit dem Skulpturenwettbewerb gedacht werden sollte - der Häftlinge in den faschistischen Konzentrationslagern oder der Verbannten in den sowjetischen Gulags - weshalb die Sowjetunion und die osteuropäischen Länder den Wettbewerb boykottierten. Ursprünglich war zumindest ein sowjetisches Jurymitglied vorgesehen, das der Veranstaltung aber fernblieb. Ansonsten ließ die Zusammensetzung der Jury schon ahnen, dass rein figürliche Arbeiten bei dem Wettbewerb kaum gefragt waren, abstrakte Kunst hingegen bevorzugt werden würde.

Angesichts der gewaltigen Zahl von Einsendungen gab es in einigen Ländern nationale Vorentscheidungen, so auch in der Bundesrepublik. Unter Vorsitz des renommierten Kunstwissenschaftlers Will Grohmann wählte eine Jury aus 262 deutschen und 46 Schweizer Entwürfen zwölf deutsche und fünf Schweizer Arbeiten für den Endausscheid, der mit einer Ausstellung in der Londoner Tate Gallery verbunden war. Unter den deutschen Finalisten waren Karl Hartung, der einen Gefesselten hinter Gittern vorschlug, ähnlich der Figur von Fritz Koenig. Der 1925 in Erfurt geborene Franklin Pühn beschränkte sich auf ein Kreuzmotiv. Erich F. Reuter, der nach dem Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit in einem Atelier in Dresden gearbeitet hatte, schlug einen auf dem Boden hockenden, vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes niedergeschlagenen Mann vor, der auf einem weitläufigen Platz sicher eindrucksvoll gewirkt hätte. Bernhard Heiliger, der bei Arno Breker studiert hatte und später in dessen Atelier, dem heutigen Kunsthaus Dahlem, arbeitete, reichte einen geschundenen, sich aufrichtenden Torso zwischen Dornen ein. Für die Schweiz wurde unter anderem der Bauhaus-Absolvent Max Bill nominiert, der eine abstrakt-geometrische Architektur aus Stahlsäule und Kuben vorschlug.

Den Wettbewerb gewann jedoch der britische Bildhauer und Architekt Reg Butler mit einer ebenfalls abstrakten Metallkonstruktion, die insgesamt etwa 60 Meter hoch werden sollte, an einen Antennen- oder Wachturm erinnerte, unter dem drei Frauenfiguren fragend, erinnernd nach oben blickten. Butler wollte sein offen und fragil wirkendes Objekt eher als ein Sinnbild der politischen Freiheit verstanden wissen, weshalb er auf die Darstellung eines Gefangenen verzichtete. So sehr die Jury diesen Entwurf favorisiert hatte, so wenig kam er beim Publikum und bei der Kritik an. Von einem "fast vollständigen Scheitern" des Wettbewerbs schrieb der "Manchester Guardian", der Londoner "Observer" urteilte, der "abstrakte Stil sei noch unfähig, erfolgreich auf ein Gemeinschaftsgefühl" zu wirken. Obwohl das "Subjekt" des Wettbewerbs, der "politische Gefangene" doch "tiefe Gefühlsbewegung" hervorrufe, würden die Objekte in der Tate Gallery allenfalls "milde negative Gefühle" hervorrufen. Bei einigen Betrachtern riefen sie sogar Aggressionen hervor. Am 15. März 1953 zerstörte der ungarische Bildhauer Laszlo Szilvassy den Sieger-Entwurf und begründete dies damit, dass er selbst in kommunistischer Gefangenschaft gewesen sei, doch der "Schrott" könne "das dort Erlittene auch nicht ansatzweise zum Ausdruck bringen". Auch die deutsche Presse haderte mit dem Wettbewerb. Der "Weser-Kurier" fasste die Vorbehalte vielleicht am besten zusammen: "Es handelt sich doch um ein Denkmal, das jeden ansprechen, zutiefst ergreifen soll. Diese intensive Wirkung ist weder aus der totalen Primitivität zu erwarten, ... noch aus einer rein abstrakten Darstellung." Tatsächlich konnte man den Eindruck gewinnen, dass vielen Künstlern politische Gefangene eben einfach "unbekannt" waren.

Nichtsdestotrotz bemühte sich insbesondere Westberlins sozialdemokratischer Bürgermeister Ernst Reuter um die Realisierung des Siegerentwurfs. Mehrere Standorte wurden in Erwägung gezogen, jeweils so, dass der Turm auch vom Osten aus zu sehen gewesen wäre. Letztendlich scheiterte das Projekt an den fehlenden Finanzen und wurde 1964 endgültig zu den Akten gelegt. Damals hatte Berlin nach dem Bau der Ulbrichtschen Mauer andere Probleme und die Kunst spielte als Waffe im Kalten Krieg eine weniger große Rolle.

Andere Projekte zu jener Zeit hatten es leichter. Zum Beispiel Franklin Pühns 1961 eingeweihtes Denkmal für den umstrittenen Generalfeldmarschall Rommel in Heidenheim, das der Nazi-Wehrmacht ein sauberes Image verpassen sollte. Erst in diesem Jahr wurde es mit einer zusätzlichen Skulptur versehen, die an eine kritische Auseinandersetzung mit Rommel mahnt. Die Entwürfe für ein Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen blieben allesamt unrealisiert.


Buchtipp Der unbekannte politische Gefangene, Herausgeber Kunsthaus Dahlem, Verlag Wasmut & Zohlen, 300 Seiten,

Preis: 38 Euro.

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