Das Großhirn

Gerhard Albert Jahn hat sieben Berufe, studierte zweimal, schrieb Bücher, konzipiert Ausstellungen, forscht - und zaubert. Nur eine Sorge hat der 82-Jährige mittlerweile: die Nachlassverwaltung!

Es war die Zwölf: Wann immer sie im Tele-Lotto aus 35 Zahlen gezogen wurde, trat sonntags ab 19 Uhr im DDR-Fernsehen Zauberquax auf den Plan und zeigte eines seiner Kunststücke: Dahinter verbirgt sich Gerhard Albert Jahn, Jahrgang 1937, examinierter Magier. Außer im Fernsehen trat er jahrelang in Kulturhäusern, Kinderferienlagern und auf Festen auf, ein Vierteljahrhundert lang ist Kinderfernsehstar Heinz Fülfe alias Taddeus Punkt ebenso sein Duopartner wie etwa Gunther Emmerlich im Dresdner Kulturpalast.

Bis heute unterhält Jahn sein Publikum unter seinem Künstlernamen, liebt das Rampenlicht. "Immer wenn ich irgendwo bin, scharen sich die Kinder um mich - ob bei Familienfeiern oder in der Straßenbahn. Der Applaus ist herrlich!" Doch die Zauberei ist nur einer von nicht weniger als sieben Berufen, die der in Dresden geborene, universalgelehrte Senior sich aneignete: Nach dem Achtklassenabschluss lernt er Dreher, während der Armeezeit im brandenburgischen Sand Flugzeugmechaniker. Mit 21 holt Jahn sein Abitur nach, studiert in Leipzig Pädagogik und wird bis zum Vorruhestand Kinder und Berufsschüler hauptsächlich in Mathematik und Physik ausbilden. In der Lausitz lernt er als Soldat und späterer Unteroffizier seine erste Frau kennen, bleibt hier hängen. Weil die Steckdosen in der Cottbuser Wohnung völlig marode sind, hängt er den Elektromonteur hinten dran. Im Starkstromanlagenbau unterrichtet er seine Mitschüler - und weil es ihm Spaß macht, studiert er nebenbei, um Elektroingenieur zu werden, denn: "Was die konnten, das wollte ich auch können!"

Heimatgefühle treiben Jahn 1971 nach Dresden zurück, wo ein Schulinspektor gesucht wird, der die Einhaltung der Lehrpläne beaufsichtigt. "Doch weil ich nicht einsehen wollte, dass man ständig Offiziersbewerber gesucht hat, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch und musste aufhören." Dazu trägt auch bei, dass die erste Ehe kriselt - und während eines Kuraufenthalts im Harz lernt Jahn seine heutige zweite Frau kennen. Mit ihr fängt er im damaligen Karl-Marx-Stadt neu an, wird Lehrer an mehreren Schulen, zuletzt im erzgebirgischen Burkhardtsdorf, wo die Eheleute ein Haus renovieren, das später im Hochwasser versinken und sie nach Chemnitz zurücktreiben wird. 1992 geht das Multitalent schließlich in den Vorruhestand - und in diesem Jahr beginnt sein zweites Leben.

Gerhard Jahn sitzt auf seinem Stammplatz in seiner Wohnung, draußen auf dem Balkon baden die Spatzen, für die seine Frau Annemarie sorgt. Vor sich ausgebreitet hat er diverse Aktenordner, prall gefüllt mit seinen Wissens- und Forschungsgebieten. Sie umfassen so unterschiedliche Themenfelder wie die Musik- und Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts, die Erfindung der Nachhaltigkeit durch den Chemnitzer Hans Carl von Carlowitz, das Judentum, die moderne Literatur und Philosophie, Naturwissenschaften oder die Frage, warum die Eisdiele heißt, wie sie heißt. Jahns Lieblingswort ist "übrigens" - er kommt leicht vom Hundertsten ins Tausendste, mäandert zwischen lexikalischem und selbst erarbeitetem Wissen, das er gar zu gern vermittelt. Sein verschmitztes Lächeln verrät den Schalk, aber auch die unbändige Lust am Entdecken - aus Ehrgeiz, nicht aus Eitelkeit oder um anzugeben. Zwischendurch ein kleiner Kartentrick? Kein Problem. Den Faden findet er trotzdem meistens wieder. "Ich könnte noch so viel erzählen." Das bleibt keine Phrase.

Früher hätte man Gerhard Albert Jahn vielleicht einen Universalgelehrten genannt, doch das weist er zurück: Die Zeit von da Vinci, Leibniz oder Goethe sei vorbei, seit sich die Wissenschaften so ausdifferenziert haben, dass Experten nicht mal auf ihrem Spezialgebiet alles wissen können. Und Jahn bleibt auf dem Teppich: Seine Studien betreibt er ja nicht zum Zwecke der Berufsausübung, sondern aus Spaß am Wissen. "Ich bin der Meinung, dass man sich ein Urteil nur erlauben darf, wenn man das nötige Wissen selbst erarbeitet hat, möglichst an den Originalquellen. Natürlich braucht das ganz viel Zeit, Hartnäckigkeit und Fleiß."

Doch erklärt das schon die Motivation? "Ich komme väterlicherseits aus einer Handwerkerfamilie, meine Mutter war hochkünstlerisch veranlagt, so schlagen zwei Seelen in meiner Brust." Vom Hauptschulabschluss zum Generalisten - eine nie enden wollende Erfahrungskarriere. Durch einen Zufall entdeckt Gerhard Jahn nach der Wende, dass sein Urgroßvater ein berühmter Dirigent war: Otto Dessoff besorgte nicht nur die Uraufführung der ersten Sinfonie von Johannes Brahms, sondern verhalf den Wiener Philharmonikern als ihr erster langjähriger Chefdirigent auch zu ihrem Weltruf und war ein europaweit geachteter Kapellmeister mit internationalen Referenzen und Korrespondenzen - bis sein Ruf wegen der jüdischen Herkunft verblasst, ja fast ausradiert wird. In New York dagegen, wohin Jahn die erste Leserreise der "Freien Presse" führt, existieren sogar die "Dessoff Choirs", mehrere nach dem Kapellmeister benannte Chöre. Seitdem befasst Jahn sich mit seiner prominenten Familie: Elf Ausstellungen über seinen berühmten Vorfahren stellt Jahn für verschiedene Städte selbst zusammen, gibt sogar ein Buch über den vergessenen Komponisten und Dirigenten heraus.

Dabei betreibt Jahn die Genealogie nicht zum Selbstzweck. "Wenn ich wissen will, wo ich hinsteuere, muss ich doch wissen, wo ich herkomme." Ihn interessiert einfach alles, und das Erstaunliche ist dabei, dass er das Wissen nicht enzyklopädisch auf Knopfdruck abspult, sondern Zusammenhänge herstellen kann, wo man sie nicht vermutet. Er wühlt in Archiven, Bibliotheken, Nachlässen, entdeckt zahlreiche Querverbindungen zu Malern, Schauspielern, anderen Musikern und nicht zuletzt zum Komponisten Albert Lortzing, für den er eine Gesellschaft mitbegründet. Es bleibt nicht die einzige. Auch die sächsische Carlowitz-Gesellschaft begründet er zu Ehren des berühmten Freiberger Oberberghauptmanns mit, setzt ebenfalls eine Buchedition durch. Daneben ist er Mitglied in der Robert-Schumann-Gesellschaft und im Magischen Zirkel von Deutschland, der Berufsvereinigung aller Zauberer. Nein, seinen Kalender füllen nicht nur die allfälligen Besuche beim Augenarzt.

Doch bei allem Wissensdurst weiß Gerhard Albert Jahn natürlich auch, dass die Zeit nicht stehenbleibt. Daher treibt ihn nun vor allem eines um: "Ich bin jetzt 82, aus meiner Familie interessiert sich außer meinem studierenden Enkel eigentlich niemand für meinen Nachlass. Ich muss vor allem mal sortieren, aussieben und bestimmen, wo ich was hingebe." Neue Forschungsgebiete will Jahn deswegen nicht mehr annehmen. Sagt er. Dann legt er, was selten ist, eine Pause ein. "Obwohl..." Da ist wieder das verschmitzte Lächeln: "Eigentlich kann ich das nicht versprechen!"

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