Das Japan aus dem Erzgebirge

Mit schrulligen Insider- Gags und bemerkenswerter Zeichenkunst hat sich der Mini-Verlag Delfinium Prints aus Chemnitz zu einer wichtigen Säule der deutschen Untergrund-Manga-Szene entwickelt.

Chemnitz.

Abschlussfahrten erzgebirgischer Schulklassen, in eine ausländische Großstadt gar, sind, wenn sie gut sind, organisierte Ausnahmezustände. Dort passieren dem Zeichentalent David Füleki und seinem Klassenkumpan Roy Seyfert so klasse krude Comic-Geschichten, dass der junge Erzgebirger sie eigentlich nur noch nachkritzeln und an das Schwarze Brett des Zschopauer Gymnasiums pinnen musste: Der grölende Applaus seiner Mitschüler war ihm sicher.

Elftklässler, zumal vollgepumpt mit mehreren Jahresrationen greller RTL-II-Animé-Filmchen, entwickeln mitunter einen kruden Humor, der sich nur dem Gegenteil von jedermann erschließt und es in den allermeisten Fällen höchstens in die Abschlusszeitung schafft. Doch in Fülekis Fall gehört der Pennäler-Vorspann in Zschopau zu den kultigen Gründungsmythen eines der aktuell wichtigsten deutschen Underground-Manga-Verlage mit Sitz in Chemnitz: Delfinium Prints. Seit 2008 hat die kleine Firma rund 200 Comichefte in Auflagen von 100 bis 3000 Stück herausgebracht, womit sie ein wesentliches Standbein einer noch relativ jungen Comic-Subkultur darstellt, die deutschen Humor mit japanischer Manga-Kunst verbindet.

Jeder Besucher der Leipziger Buchmesse kennt das Phänomen von der Spitze des Eisberges, die dort in Form wild kostümierter Besucher längst zum Flair gehört: Manga, die fernöstliche Variante des Comics, ist auch hierzulande ein riesiger Markt. Rund 40 Millionen Euro werden in Deutschland jährlich mit den Heftchen umgesetzt, große Verlage wie Carlsen oder Egmont Ehapa bringen jeweils rund 200 neue Bände pro Jahr heraus. Zwar sackte die Manga-Euphorie nach dem bisher besten Jahr 2005 mit einem Rekordumsatz von 70 Millionen Euro etwas in sich zusammen, doch das sah nur von außen wie ein Ende des Hypes aus. Immerhin war das Phänomen der japanischen Comics ja quasi aus dem Nichts über Deutschland hereingebrochen, noch 1995 etwa war der Carlsen-Verlag für nur 400.000 Euro Manga-Hefte losgeworden. Top-Serien wie "Dragon Ball" (bisher acht Millionen verkaufte Exemplare bei 42 Bänden), "One Piece" (4,5 Millionen Exemplare von bisher 78 Bänden) oder "Naruto" (über vier Millionen Exemplare, 72 Bände) erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, und in den letzten Jahren ist der deutsche Mange-Markt wieder kontinuierlich um zehn Prozent jährlich gewachsen. Einen Haken hat die Sache aber: "Die Manga-Kultur ist uns Europäern so fremd, dass wir sie nie zu hundert Prozent verstehen können. Selbst den richtig japanophilen Kids erschließt sich nur ein gewisser Teil", sagt Füleki, der selbst einige Zeit in Japan war. "Das liegt zum einen daran, dass der japanische Humor häufig auf Wortspielen basiert. Das ist kaum zu übersetzen. Zum anderen funktioniert Mimik in der asiatischen Kultur oft ganz anders als bei uns, wir verstehen die Zeichnungen oft anders als sie gemeint sind." Deutsche Untergrund-Zeichner wie er versuchen daher, den Manga-Zeichenstil mit einheimischem Humor zusammenzubringen. Und mit grafischem Qualitätsbewusstsein: Den oft leicht krakeligen Mangas setzt Füleki einen ausgesprochen gekonnten, ausgefeilten Stil entgegen, mit dem er die Schwächen der japanischen Comics spielerisch um- tanzt und sogar ironisch nutzt: So ein großes Szenetalent hat es in Deutschland seid Ulf Graupner und Mawil nicht gegeben. Nur, dass Füleki hemmungslos im Untergrund infantiler Erwachsenen-Geschichten festhängt und genüsslich spleenig Insider-Gags zelebriert: In den Heften von Verlagen wie Delfinium Prints oder Tokyopop, die deutschem Nachwuchs Raum geben, bricht über den Leser daher eine aberwitzige Bilderflut herein, die für Außenstehende nur schwer zu verarbeiten ist. "Wir wissen, das manche Gags von nur jedem 50. Leser verstanden werden, sagt Verlagschef Roy Seyfert. "Aber dieser eine fühlt sich dann auch voll verstanden. Und die Hefte sind so voll mit Anspielungen, dass das dann entsprechend häufig passiert."

Ein großer Reiz der Deutsch-Mangas liegt auch darin, dass die Macher sich und ihre Leser mit der gemeinsamen Liebe zu skurrilen Manga-Sujets gnadenlos auf den Arm nehmen. Denn wie in Japan sind Manga-Comics längst kein reines Kinder-Thema mehr, neben lustigen Heftchen für Heranwachsende gibt es auch Reihen mit derber Pornografie, fiesem Horror und oft über alle Maßen überzeichnete Gewalt mit übergroßen Waffen und hemmungslosen Superkräften. Der Dreh der Originale besteht meist darin, diese Spirale gekonnt einen Klick weiterzudrehen, ohne sie zu überdrehen. Delfinium Prints mixt diesem popkulturellen Wahnsinn in seinen Comic-Reihen noch einen Schuss derben Humor samt ironischer Selbstreflexion hinzu, was in traurigen fleischfressenden Elefanten auf Kinderspielplätzen, Gymnasial-Comedy mit Killerroboter-Lehrern oder pornografischen Neuauslegungen von Klassikern wie "Struwwelpeter" oder "Rotkäppchen" endet. Denn bei allem Ulk nehmen die Untergrund-Verleger ihr Handwerk ernst. "Deutschland ist immerhin das Mutterland des Comics", sagt Füleki: "Reihen wie ,Vater und Sohn' hatten einmal Millionenauflagen. So gesehen haben wir hier etwas den Anschluss verloren."

Die "Aufholjagd", die Delfinium Prints aktuell startet, begann dabei eher unbeabsichtigt. Nach dem Abitur 2004 in Zschopau begann Seyfert in Chemnitz ein Geschichtsstudium, Füleki eines der Medienkommunikation. Parallel ließ ihn aber seine krude Abschlussfahrt-Geschichte vom Gymnasium nicht los. Der Hamburger Szeneverlag Tokyopop lehnte seine "78 Tage auf der Straße des Hasses" zwar als "zu klamaukig, zu brutal und zu referenziell" ab, doch: "Roy hat sich vor Lachen weggeschmissen. Da dachten wir, so schlecht kann das ja nicht sein." Die beiden Studenten, als Roy und Def auch Hauptfiguren der Geschichte, kratzten 120 Euro zusammen, stellten in einem Chemnitzer Copyshop selbst eine Handvoll Comichefte her und führen damit zur Frankfurter Buchmesse, wo sie ihre Erzeugnisse reißend loswurden. Seyfert übernahm das Kaufmännische: "Wir hatten 300 Euro eingenommen, sodass uns der Trip nach Leipzig am Ende nichts gekostet hat. Und die Leute haben sich scheckig gelacht. Noch auf dem Heimweg haben wir in einem Burgerking den Verlag gegründet." Mittlerweile betreut Delfinium Prints eine Handvoll Stammzeichner und sind so erfolgreich in der Szene, dass selbst Tokyopop neben der "Straße des Hasses" auch Füleki-Comics wie "Blutrotkäppchen" gern druckt.

www.delfinium-prints.de

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1Kommentare
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    Abdiel
    07.09.2016

    www.seid-seit.de



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