Das Kunstschwellenland

Galerien in den neuen Bundesländern verkaufen zusehends mehr Malerei und Grafik an Kunden aus der Region. Aber das Geschäft bleibt mühsam.

Leipzig/Chemnitz.

Doppelt so groß sind die neuen Räume, die Arne Linde mit ihrer Galerie ASPN vor einigen Monaten auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei bezogen hat. Der Umzug auf 200 Quadratmeter bedeutet nicht nur eine höhere Miete und neue Ausstellungsmöglichkeiten. Er ist auch ein Bekenntnis der 44-Jährigen zum Standort Leipzig. Im Jahr 2005, als Malerei aus Leipzig besonders in den USA in aller Munde war und entsprechend viel Geld durch die Hände der sächsischen Galeristen ging, gründete sie ihre Galerie. Leipziger, die regelmäßig Kunst kauften, konnte man damals an einer Hand abzählen. Heute kommen gut 25 Prozent ihrer Käufer aus der Region. Und war es vor Jahren eher der kleinstellige Bereich, so sind es jetzt alle Preislagen, die Linde verkauft. 2010 waren 4000 Euro noch die Obergrenze, 2017 gingen auch Arbeiten für 15.000 bis 20.000 Euro an Kunden aus der Region. Ein später Aufschwung Ost?

Die innerdeutsche Grenze hat sich deutlich eingeschrieben in die Galerienlandschaft: Nur zehn Prozent aller deutschen Galerien sind in den neuen Bundesländern verortet - Berlin, wo ein Drittel davon ihren Sitz haben, ausgenommen. Laut einer Studie des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) gibt es rund 1000 Galerien in Deutschland. Mit 50 Galerien in Leipzig und Dresden machen diese sächsischen Standorte die Hälfte aller im Osten aus, nach Köln/Düsseldorf (25 Prozent) oder München (etwa acht Prozent) fünf Prozent aller deutschen Galerien.

Leipzig boomt, hat westdeutsche Regionen in puncto Wirtschaftskraft zum Teil überholt. Einer, der bei Arne Linde kauft, ist Alexander Usunov. 1990 geboren, kam seine Familie in den 90ern aus Bulgarien nach Leipzig, hatte hier ein Haus geerbt. Heute ist er mit eingestiegen ins kleine Immobilienunternehmen der Familie, betreibt eine Bar und macht Caterings. "Das Versprechen" (2013) von Neo-Rauch-Schüler Robert Seidel war das erste Gemälde, das er bei Linde kaufte. Kein Investment, sondern hart ersparte 5000 Euro. Zwei, drei Werke kauft er im Jahr. "Was auf dem Kunstmarkt sonst passiert, ist mir ziemlich Wurst." Mit seinen Eltern war er früher oft bei Vernissagen auf dem Gelände der Baumwollspinnerei - zum Gucken, nicht zum Kaufen.

Von vielen Besuchern wurde die Spinnerei lange als städtische Ausstellungsfläche, nicht aber als kommerzieller Ort wahrgenommen. Das hat sich gewandelt - sicher auch durch die Kontinuität der Rundgänge: An diesen Wochenenden eröffnen die Galerien wieder neue Ausstellungen, und Tausende werden über das backsteinrote Industrieareal schlendern, das längst als Must in jedem Reiseführer steht. Vor drei Jahren eröffneten Katharina und Ulrich Thaler einen Mini-Raum, in dem sie Grafiken von 45 Künstlern anbieten, von 100 bis 6000 Euro. Hier kauft auch mal jemand spontan. "Als wir angefangen haben, kamen vor allem Leute aus dem Ruhrgebiet und Süddeutschland. Jetzt finden auch Ärzte, Anwälte, Akademiker und Start-up-Unternehmer aus Sachsen den Weg zu uns."

Eine Entwicklung, die Gerd Harry Lybke bestätigt: Er gründete seine Galerie Eigen+Art noch zu DDR-Zeiten, startete nach der Wende international durch, vertritt heute Malerstar Neo Rauch und ist als einzige ostdeutsche Galerie auf allen international relevanten Messen zu finden. Rund 50 Prozent seiner Käufer kommen aus dem Ausland, 30 Prozent leben ihm zufolge in direkter Nähe der Galeriestandorte Leipzig und Berlin, 20 Prozent woanders in Deutschland. Auch 30 Prozent der Rauch-Gemälde aus den letzten Jahren hängen seines Wissens nach im Osten.

Einer, der Rauch an der Wand hat, ist Immobilienunternehmer Steffen Hildebrand. Er gilt als wichtigster Sammler in den neuen Bundesländern, kam Mitte der 90er-Jahre aus dem Westen nach Leipzig, sammelt vor allem Leipziger Künstler. Vor drei Jahren eröffnete er die G2 Kunsthalle. Wer sich anmeldet, bekommt im Leipziger Stadtzentrum eine Führung durch Teile seiner Sammlung, ergänzt um Sonderausstellungen. Eine Handvoll vergleichbar relevanter Sammlungen kennt Galerist Gerd Harry Lybke im Osten. Und ja, die Eröffnung der G2 Kunsthalle habe das Bewusstsein für die Möglichkeit, dass man in Leipzig Kunst kaufen könne, sicher noch einmal gestärkt. Ein Bewusstsein, das auch aufgrund des quasi nicht existenten Kunstmarktes zu DDR-Zeiten kaum verankert war.

Mehr als 600 staatlich sanktionierte Galerien zeigten damals vor allem Grafik, Malerei und Plastik, die dem Sozialistischen Realismus verpflichtet waren. Nur wenigen gelang es, ein eigenständiges Profil zu entwickeln. Mindestens 43 private Galerien zeigten zwischen 1949 und 1989 Kunst in Wohnungen, Ateliers und Abrisshäusern. Da ging es nicht ums Verkaufen, da ging es darum, Kunstformen wie Video-Aktionen und Performances zugänglich zu machen, die offiziell nicht erwünscht waren. Auch Gerd Harry Lybke hat in seiner Leipziger Privatgalerie nichts verkauft, obwohl er schon damals neben Aktionskunst auch Malerei und Fotografie zeigte.

Wer zu DDR-Zeiten Kunst kaufte, tat dies oft aus persönlicher Verbundenheit zum Künstler. Und Kunst von Freunden gab es zum Freundschaftspreis oder wurde gegen eine Leiter getauscht, fand ihren Weg direkt aus dem Atelier in die Wohnzimmer. Ein Graumarkt, der zum Teil noch immer funktioniert, gibt Galerist Jörk Rothamel zu bedenken: "Es gab auch vor 1990 eine rege Sammlergemeinde. Doch die wurde erschüttert, weil eine Grafik plötzlich nicht mehr 20 Mark kostete." Er hat mit seiner Galerie Rothamel in Erfurt Aufbauarbeit geleistet, die Künstler Hans-Christian Schink und Moritz Götze etabliert. Als er 1996 begann, war der ostdeutsche Kunstmarkt an einem Tiefpunkt: "Die alten Sammler hatten sich weitgehend zurückgezogen, und neues Vertrauen in den Marktwert von lokal verankerten Kunstwerken musste erst mühevoll etabliert werden." In Frankfurt am Main, wo er 2005 eine Dependance eröffnete, ist Kunstsammeln hingegen fest verankert, und das Geld sitzt spürbar lockerer: Bis heute überwiegt dort die Zahl der spontanen Kunstkäufe. Doch der Osten ziehe allmählich nach.

Eine umfassende Studie zum Kunstkauf in den neuen Bundesländern sollte sowohl die Käuferschichten in den Blick nehmen und untersuchen, ob neben Leipzig und Dresden andere Ost-Städte aufholen. Chemnitz etwa ist seit der Eröffnung des Museum Gunzenhauser (das die Privatsammlung des Münchner Sammlers Alfred Gunzenhauser zeigt) fest auf der deutschen Kunstlandkarte verortet. In einer Jugendstilvilla unweit des Museums klingeln Besucher heute bei der "Galerie oben", einem Sonderfall: 1973 in Karl-Marx-Stadt gegründet, war sie zwar offiziell Teil der Verkaufsgenossenschaft bildender Künstler des Bezirks, jedoch finanziell autonom sowie im Programm auffällig unabhängig und von Staatsseite entsprechend unter Beobachtung. Künstler wie Michael Morgner und Thomas Ranft stellten damals aus und gehören noch zu denen, die die heutige Inhaberin Kathrin Lahl vertritt. Eine Auswertung aller in der Adressdatei vermerkten Käufer seit 2006 ergab, dass diese zu jeweils 50 Prozent aus den neuen und den alten Bundesländern kommen.

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