Das Neueste von gestern

Wer effizient wirtschaften will, muss den Handel und die Arbeitsteilung fördern. Und die Erfinder! Das tat die DDR auf berechnende und bürokratische Weise. Mit welchen Erfolgen, das zeigt ein aktuelles Buch.

Chemnitz.

Im 200. Geburtsjahr von Karl Marx ist an ein Begriffspaar zu erinnern, das in der marxistischen Gesellschaftslehre eine zentrale Rolle spielte: Altes und Neues. Schon der junge Marx hielt sich zugute, "dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen." In Brechts "Leben des Galilei" hieß es dazu: "Das Alte sagt: So wie ich bin, bin ich seit je. Das Neue sagt: Bist du nicht gut, dann geh."

Ein dreiköpfiges Journalistenteam, allesamt auf Mittel- und Osteuropa spezialisiert, geht in dem Buch "Erfindungen aus der DDR" der Frage nach, was die DDR an Neuentwicklungen hervorgebracht hat und was daraus geworden ist. Dabei wird einmal mehr das Ossi-Herz erwärmt. Wer schon immer eine Menge heller Köpfe in den eigenen Reihen wusste, kann nun abermals sagen: Seht, es war nicht alles schlecht.

Schon auf den zweiten Blick zeigt sich freilich das Dilemma. Wirkliche Schlüsseltechnologien und Beiträge zu großen Menschheitsfragen kommen nur am Rande vor. Stattdessen geht es einmal mehr um Tempolinsen, Dederon und das unvermeidliche Auto aus Duroplast. Was hätte aus all der Energie, dem Erfindergeist und der Improvisationskunst der Ostdeutschen werden können, wenn die Mittel nicht so limitiert gewesen wären und die Politik nicht so borniert?

Im Juni 1952 verkündete Walter Ulbricht, Generalsekretär des Zentralkomitees der Staatspartei SED, den "planmäßigen Aufbau des Sozialismus" in der DDR. Auch der Aufbau der Nationalen Volksarmee wurde in Angriff genommen. Das Problem: Im Fünfjahrplan, der Grundlage der Wirtschaft in der gerade erst gegründeten DDR, kamen diese Großprojekte gar nicht vor. Um sie zu ermöglichen, brauchte die SED eine Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität. Bloße Normtreibereien erwiesen sich als Bumerang. Sie führten im Juni 1953 einen Arbeiteraufstand herbei. Weniger krasse politische Risiken und Nebenwirkungen ließen sich durch Rationalisierung erwarten.

Archimedes hat das Prinzip des statischen Auftriebs entdeckt, als er in die Badewanne stieg, so heißt es. Das allgemeine Gravitationsgesetz soll über Newton gekommen sein, als er im Garten lag und ihm ein Apfel auf die Stirn fiel. Es sind naive Legenden darüber, wie Geistesblitze entstehen - und auf die sich Alfred Krupp, führender Industrieller und weltgrößter Waffenproduzent seiner Zeit, lieber nicht verlassen wollte. Stattdessen habe Krupp anno 1872 in seinem Essener Werk ein Betriebliches Vorschlagswesen (BVW) eingeführt, schreibt Peter Koblank, Experte für Ideenmanagement.

Die Berliner Borsigwerke, zweitgrößter Dampflokomotivenhersteller der Welt, entwickelten Krupps Ideen um 1900 weiter. Inzwischen hatte man erkannt, welch tödliche Gefahr frischen Ideen oft vom unteren Management, von interesselosen Vorgesetzten drohte. Also saß bei Borsig eine spezielle Kommission über neue Einfälle zu Gericht, um den Dienstweg zu umgehen.

In der ersten zentral gesteuerten Planwirtschaft der Welt, der sowjetischen, wie später auch im Nationalsozialismus wurde das BVW als Instrument der Rationalisierung der Produktion genutzt und gefördert. In Nazideutschland stieg laut Koblank die Zahl der Betriebe mit BVW von fünfzig (1939) auf mehr als 30.000 (1944). Nach dem Untergang des Hitlerreichs wurde 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone eine Anordnung über die Förderung des Erfinderwesens erlassen. Brauchbare Verbesserungsvorschläge begründeten ein Recht auf Prämie.

Im gleichen Jahr fuhr der Bergmann Adolf Hennecke im Oelsnitzer Karl-Liebknecht-Schacht eine Schicht, in der er fast das Vierfache der Abbaunorm erreichte. Mit dem Beispiel dieses westfälischen Sturkopfs, der mit Anfang 20 ins sächsische Steinkohlerevier gekommen war und nach der Sonderschicht bis ins Zentralkomitee der SED und in die Zentrale Plankommission aufstieg, beginnt das Buch "Erfindungen aus der DDR". Die Autoren sehen Hennecke - wie sein im späteren Leben weniger glückliches sowjetisches Vorbild Stachanow - als "Überväter eines staatlich aufgelegten Optimierungs- und Ideenmanagements: des Neuererwesens". Das allerdings, siehe Krupp und Borsig, kein so neuer Gedanke war. 

Die DDR-Gepflogenheiten orientierten sich am sowjetischen Vorbild, bis in die Wortwahl hinein. Das Wort "Neuerer" wurde vom sowjetischen "nowator" entlehnt. Es gab Büros der Neuererbewegung in den Betrieben, Prämien in Höhe von bis zu mehreren 10.000 DDR-Mark und "Messen der Meister von Morgen", um Jugendliche ans Erfinden und Rationalisieren heranzuführen.

Manches aus der Praxis des sozialistischen Ideenmanagements hat bis heute überlebt. So sind einige Spezialisten der russischen "Theorie des erfinderischen Problemlösens" (TRIZ) nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in die USA ausgewandert. Sie gründeten Consulting-Unternehmen und stellen jetzt - offenbar gefragte - Neuerer-Software her.

Im Buch "Erfindungen aus der DDR" begegnet der Leser zwei Dutzend interessanten Namen und Geschichten. Da ist der Freiberger Erich Rammler, Erfinder des BHT-Kokses, eines Braunkohle-Brennstoffs, der der steinkohlearmen DDR Energieprobleme zu lösen half. Heute gibt es keinen Bedarf mehr dafür, die letzte Kokerei wurde 1992 stillgelegt. Man liest von Manfred von Ardenne, dem "Baron vom Weißen Hirsch", der zu Zeiten des Nazistaates die Fernsehröhre miterfand und später noch auf unzähligen technischen Gebieten reüssierte. Oder von Werner Gilde, Direktor des Zentralinstituts für Schweißtechnik in Halle, der im Nebenberuf als führender DDR-Evangelist einer vernunftgesteuerten, auf Effizienz getrimmten Managementlehre auftrat.

Kurze Reportagen im Buch führen zum Institut für Getreideverarbeitung in Bergholz-Rehbrücke, wo jene schnell garenden Agrarerzeugnisse ertüftelt wurden, die als Tempo-Linsen oder Kuko-Reis in aller Munde waren. Oft spornten überlegene Westprodukte oder Rohstoffmangel den Erfindergeist im Osten an: Dederon als Nylon-Imitat, Duroplast als Feinblechersatz. Als originäre Ost-Ideen werden etwa die künstliche Bandscheibe, das Nähwirkverfahren Malimo, Sonneberger Kuscheltiere als Therapieinstrumente und eine abklappbare Biathlon-Zielscheibe vorgestellt.

Das alles hatte seinen Wert und konnte doch nicht verhindern, dass nicht allzu viel geblieben ist. Von den 1990 beim DDR-Patentamt in der Berliner Mohrenstraße angemeldeten 138.000 DDR-Patenten waren fünf Jahre später bereits mehr als 40.000 erloschen - Betriebe gingen pleite, Gebühren wurden nicht bezahlt. Mitte der 90er-Jahre stellte das Bundeswirtschaftsministerium eine halbe Million D-Mark zur Verfügung, um DDR-Patente zu sichten und zu vermarkten, mithin: zu retten. Wie damals der "Spiegel" aus der eigens gegründeten Projektgruppe berichtete, wurden zwar DDR-Patente von Westfirmen übernommen, aber nur einzelne DDR-Erfindungen fanden wirklich den Weg auf den Markt. Als Beispiele wurden Anti-Graffiti-Spray, rostfreie Kochplatten und ein Substrat für Champignonkulturen erwähnt.

Das allerletzte DDR-Patent, von dem auch das Erfinder-Buch berichtet, betrifft einen Apparat zur Verdichtung von Kältemittel, das bei Wiederausdehnung Kälte abgibt. Sein Erfinder, Dieter Mosemann, hat seine Karriere nach der Wende fortgesetzt. Heute stecken Mosemanns Ideen in Kältetechnik weltweit. Seinen 71 DDR-Patenten fügte er nach der Wende 80 weitere hinzu.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...