Das Rock-Chamäleon

Bei großen Künstlern ist es oft schwierig, den richtigen Einstieg in das Gesamtwerk zu finden. Es ist allerdings auch ausgesprochen reizvoll! Diese Serie will Leitfaden für klingende Entdeckungsreisen sein. Heute: Linkin Park

Frustriert und genervt reagiert die amerikanische Rockband Linkin Park inzwischen auf Fragen zu ihrem Debüt-Album und scheut sich nicht einmal davor, die eigenen Fans zu verprellen, wenn sie dabei mit nicht wenigen Fluchwörtern deutlich macht, dass sie gefälligst weiterziehen sollen, wenn sie dem Alten anhängen und ihnen der neue Sound der Band nicht gefällt. Was leichter gesagt ist als getan: Immerhin ist Linkin Park nicht irgendeine Truppe, sondern die Band, die zu Beginn der Nullerjahre den bis dahin als brachial, derb und destruktiv betitelten Nu-Metal mit besagter Platte tief und prägsam in Mainstream, Popkultur und Leben vieler heutiger Mittzwanziger und -dreißiger meißelte. Linkin Park prägte damals einen Sound, der Rap mit Metal und Rock kombinierte, die Teenage Angst einer ganzen Generation kanalisierte und Stilgrenzen für immer niederriss. Noch dazu: Linkin Park kamen als das Pendant zu all den Bad-Boy-Bands daher und ließen die Eltern beruhigt zurück: Weltweite Top-Charterfolge, über 70 Millionen verkaufte Platten und zwei Grammys sprechen da für sich.

 

Krawall-Auftakt "Hybrid Theory" (2000) hieß das erste, sensationelle Album, das dafür sorgte, dass das von Bands wie Korn oder Limp Bizkit angestoßene Rand-Genre plötzlich auf massentauglichen Radiostationen anlangte und Linkin Park zum perfekten Prototyp dieses Genres avancierten. Mit etwas Hilfe einer großen Plattenfirma traf das von Kopf bis Fuß durchgestylte Sextett einfach den Nerv der Zeit. Die verzerrten Gitarren treiben auf allen 14 Songs Gitarren dynamisch und verkörpern klar die Nu-Metal-Dialektik: Bennington balanciert zwischen cleanem Gesang und heftigem Gebrüll, Shinoda rappt dazwischen und greift in die extra tiefer gestimmten Saiten und unterstützt Hauptgitarrist Delson, DJ Hahn zeichnet sich für die fetten Scratch-Parts zuständig und Bourdon sorgt für die knallenden Drums. Die Formel "Linkin Park" steht und zeigt ihr ganzes Potenzial auf den Songs "One Step Closer", "Crawling", und "In the End". Es entstehen hochemotionale Überhits, die auch 17 Jahre später noch jede angestaubte Party zum Kochen bringen.

Dieses Konzept veredelte die Band aus Los Angeles auf ihrem Folgealbum "Meteora" (2003) perfekt und brachte mit "Faint" und "Breaking The Habbit" weitere Hits hervor, die aus fluffigen Scratch-Parts brachialen Schrei-Rap hervorbrechen lassen und ihm mit einem Riff-Treibsatz noch mehr Energie verleihen. An diesem frühen Aufwind nicht ganz unschuldig war die kurz zuvor erfolgreich absolvierte Tour mit den legendären Metallica. Den ungebremsten Aufwärtstrend maximierten Linkin Park wenig später durch die Zusammenarbeit mit Rapper Jay-Z. Die EP "Collision Course (2004)" brachte mit dem Song "Numb/Encore" sogar einen Grammy ein. Doch Linkin Park hatte stets eine Fangemeinde, die global lauthals ihre Meinung im aufkeimenden Internet vortrug: Der Vorwurf der Kommerzialisierung war bereits deutlich zu hören. "Meteora" gilt als starke Platte, aber auch als stellenweise zu gewählte Kopie des Debüts mit Abzügen beim Hit-Faktor.

Das Drittlingswerk einer Band gilt gemeinhin als Karrierewegweiser: Für Linkin Park auf dem ersten Karrierezenit also ein dramatisch wichtiger Punkt - noch dazu, wo der Nu-Metal-Stern Mitte der 2000erereits wieder rapide sank. Deshalb engagierte die Band Produzenten-Koryphäe Rick Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chili Peppers, Metallica). Heraus kam 2007 das in Fankreisen heftig umstrittene "Minutes to Midnight". Der Vorwurf: Ausverkauf! Mit Blick auf die damals bereits weltweit verkauften 40 Millionen Alben ist der natürlich etwas skurril. Deutlich zu hören ist allerdings die unschlüssige Entwicklung der Band selbst. Die rohe Wut ist zu sauber produziert und kommt daher etwas brav daher. Noch dazu wird der politische U2-Zeigefinger gehoben und in geschmeidige Melodien und schönen Pathos-Gesang gehüllt. Dennoch: Die Platte hält am bewährten Konzept fest und liefert unstrittige Hits wie das rap-lastige "Bleed it Out" oder die herrlich schnulzige Radio-Ballade "Shadow of the Day".
 

Zwischen den Stühlen landet dann erst "A Thousand Suns" (2010), mit dem man sich endgültig von der einstigen Nu-Metal-Schiene lossagt. Der überraschend neue, von Drum-Computern dominierte Elektro-Sound des Albums braucht zwar in der Hörerschaft etwas Einwirkzeit, aber Linkin Park gelang mit der Platte letztlich ein weiter Sprung, weg von der stumpfen Eigenkopie hinein in eine interessante eigenständige Nische. Mit dissonanten Klängen und elektronischen Zwischensongsamples entfernte die Band sich sogar deutlich von gewichtigen Trademarks wie dem Schrei-Rap-Gesang. In der Gesamtentwicklung betrachtet, ist dieses sechste Album ein mutiger, tiefer Einschnitt, der nur anfangs etwas orientierungslos wirkt: Langfristig ist Linkin Park damit ein innovatives Crossover-Meisterwerk gelungen. Allein "Blackout" mit seinen irren Synthesizern, Beats und dem zwischen verzerrtem und aalglattem wechselnden Gesang sticht hervor. Der Nachfolger "Living Things" (2012) verhakt sich hingegen deutlich zwischen den Genre-Stühlen, imitieren sich Linkin Park auf diesem Album doch wieder entweder nur selbst - oder klauen innovative Fetzen anderer neuer Metal-Emporkömmlinge. Die einstigen fetten Sounds wirken verblasst, die einfachen Akkorde öden sich schon fast gegenseitig an und ergeben sich einfach den stumpf gereimten Texte inmitten des halbherzigen Formel-Gesangs. Daran kann der Radio-Lieblingssong "Burn it Down" nichts zurechtpolieren. Sind die Emotionen auf den früheren Alben noch immer deutlich zwischen den thematisierten Problemen von Heranwachsenden, Politik- und Weltgeschehen und Systemkritik zu hören, sucht man diese hier vergebens.

Neue Härte peilten die zu diesem Zeitpunkt in der Rockszene als Softies verschrienen Musiker mit ihrem sechsten Werk an: "The Hunting Party" (2014) sollte deutlich lauter und damit härter werden - auch dank der engagierten Gastmusiker Page Hamilton (Helmet) sowie Daron Malakian (System of a Down) und Tom Morello (Rage Against the Machine). Dies ist auch durchaus gelungen, nur, dass man statt nachhaltigen Kracherhits eher halbherzig dahingeworfene, austauschbare Songs findet und der Gesang vor der instrumentellen Wucht blass wirkt. Einmal mehr regt sich massiver Fanprotest, der sich auch in den Verkaufszahlen niederschlägt, wenngleich die ausgedehnte Tour mit und 30 Seconds To Mars durch ausverkaufte Stadien den ungebrochenen Erfolg manifestiert.

Zu neuen Ufern bricht heute und damit erneut das neue, siebte Album "One More Light" auf: Wieder ändert Linkin Park den Bandsound und schlägt ein neues Kapitel auf, und zwar ein poppigeres, ruhigeres, was durchaus sehr gewöhnungsbedürftig ist. Bereits die erste Single "Heavy", welche zusammen mit Sängerin Kiiara eingespielt wurde, spaltet das Fan-Lager in epochalem Ausmaß. Doch das sind die Superstars mittlerweile gewöhnt. Linkin Park wurden seit Karrierebeginn dafür gescholten, sich zu sehr dem Mainstream anzubiedern - ein Vorwurf, der mit Blick auf die Gesamtkarriere nicht haltbar ist, denn Authentizität und Erfolg müssen sich nicht zwangsweise ausschließen. Geschickt balanciert die Band auf einem schmalen Grad zwischen eben jener Ehrlichkeit, fanfreundlicher Selbstkopie und Weiterentwicklung. Auch, und da ist man konsequent, wenn man dabei straucheln kann. Fast zwei Dekaden lang wie auf dem ersten Album zu klingen wäre aber definitiv viel langweiliger.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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