Das Vergessen der "Pretty Woman"

Sie ist ein Superstar Hollywoods, doch nun erlag sie der Versuchung und drehte erstmals eine Serie. Ihr Pretty-Woman- Lächeln beherrscht Julia Roberts immer noch perfekt. In "Homecoming" jedoch sieht man es kaum.

Chemnitz.

Julia Roberts dreht meist nicht mehr als einen Film im Jahr. Nicht immer bewies sie bei der Auswahl ihrer Rollen eine glückliche Hand. Sie war für "Shakespeare in Love" (1998), "Selbst ist die Braut" und "Blind Side" (beide 2009) vorgesehen. Die Filme wurden große Erfolge - ohne sie. Stattdessen war sie für "Mother's Day" (2017) für die "Goldene Himbeere" - die "Auszeichnung" wird für besonders schlechte schauspielerische Leistungen vergeben - nominiert.

Für die Rolle als Umweltaktivistin Erin Brockovich im gleichnamigen Film erhielt sie einen Oscar. Doch das ist nun schon über 18 Jahre her. Auch war sie in Produktionen zu sehen, die viel Geld einspielten, zum Beispiel in "Notting Hill" oder "Ocean's Eleven". Doch ihr Potenzial kam nur noch selten so richtig zur Geltung, beispielsweise in der Theaterverfilmung "Im August in Osage County" oder zuletzt in dem Drogendrama "Ben is Back".

Für viele ist sie ohnehin die ewige "Pretty Woman". In dem gleichnamigen Film spielt sie die junge Prostituierte Vivian, die sich in einen deutlich älteren Geschäftsmann (Richard Gere) verliebt. Der Film aus dem Jahre 1990 ist ein Klassiker und sorgt im Fernsehen auch bei der x-ten Ausstrahlung immer noch für sehr gute Einschaltquoten. Roberts selbst hält den Streifen, in dem sie als 22-Jährige brillierte, heute nicht mehr für ganz zeitgemäß. "Ich glaube nicht wirklich, dass man diesen Film heute machen könnte, oder? Über so viele Dinge könnte man sich aufregen", meinte sie in einem Interview mit der britischen Tageszeitung "The Guardian". "Aber ich denke nicht, dass es Menschen davon abhält, den Film genießen zu können."

Ein großartiges Werk zum Genießen ist allerdings auch "Homecoming" geworden. Die Serie läuft bei Prime Video und ist fast zu schade nur für die Glotze. In ihr ist sie als Heidi Bergman zu sehen, die als eine Art Sozialarbeiterin im von der Geist-Group privat geführten "Homecoming Transitional Support Center" traumatisierten Soldaten dabei hilft, wieder ins zivile Leben zurückzufinden. Beim ersten Zusammentreffen mit dem G. I. Walter Cruz (Stephan James) zeigt Roberts als Bergman noch einmal ihr berühmtes Pretty-Woman-Lächeln. Doch nur wenige Minuten später in Folge 1 ist eine ganz andere Heidi zu sehen. Vier Jahre später - also 2022 - ist sie plötzlich eine müde Kellnerin im "Fat Morgans". Eine Kneipe, die ihre beste Zeit schon lang hinter sich hat. Als ein Regierungsbeamter (Shea Whigham) auftaucht und etwas über ihre Zeit im Support Center wissen will, kann sie sich kaum erinnern. Sie hat alles vergessen.

In den weiteren neun Folgen werden dem Zuschauer nun diese beiden Parallelwelten präsentiert. Und natürlich ahnt er bald, dass es Merkwürdigkeiten in dieser Einrichtung gibt. Doch welche Rolle spielt dabei Bergman, die nach einer gescheiterten Beziehung wieder bei ihrer Mutter (Sissy Spacek) lebt? Hat Bergmans Chef (Bobby Cannavale) etwas zu verbergen? Und was ist aus dem Soldaten Cruz geworden?

Regisseur Sam Esmail hält sich eng an eine Hörspielvorlage. Und so darf der Zuschauer in den nur etwa 30-minütigen Folgen keine Verfolgungsjagden oder heimtückische Morde erwarten. Auch die ganz große Liebesgeschichte fällt aus, selbst die Auflösung des Wirrwarrs ist so spektakulär nicht. Doch gelingt es Esmail ganz ausgezeichnet, den Plot mit filmischen Mitteln, die an Alfred Hitchcock oder die Coen-Brüder erinnern, Spannung und Beklemmung auf höchstem Niveau zu erzeugen - und das bis in ausufernde Abspanne hinein. Doch was wäre das Ganze ohne die umwerfende Roberts, die hier wunderbar sperrig und seltsam entrückt spielt?

Obwohl die erste Staffel auserzählt ist, soll eine zweite folgen - dann aber ohne Roberts. Ohne sie kann es freilich kaum besser werden.

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