"Das waren sehr erschütternde Bekenntnisse"

Der Regisseur Dirk Szuszies über Dokumentar-Dreharbeiten mit Holocaust-Überlebenden, Vorstellungsreisen durch Polen und die aktuelle politische Lage in Deutschland

Chemnitz.

Kurz vor dem 80. Jahrestag der Novemberpogrome wird im Chemnitzer Kino Metropol der Dokumentarfilm "Wir sind Juden aus Breslau" gezeigt, der von Überlebenden des Holocaust erzählt. Vorab sprach Joseph Wenzel mit Regisseur Dirk Szuszies über die ungebrochene Aktualität des Dokumentarfilms.

Freie Presse: Herr Szuszies, Sie waren in den zurückliegenden Wochen auf Vorstellungstour in Polen. Die regierende Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) wurde zuletzt wegen ihrer Erinnerungspolitik von der EU kritisiert. Wie wurde Ihr Film im Nachbarland aufgenommen?

Dirk Szuszies: Die meisten unserer Partner vor Ort waren sehr aufgeklärte Menschen, ebenso das Publikum. Allerdings gab es auch einige kritische und relativierende Kommentare zu Inhalt und Thematik der Dokumentation - darunter auch von Universitätsprofessoren.

Wie sind Sie zur Thematik Ihrer Dokumentation gekommen?

2015 trat eine Wissenschaftlerin, Katharina Friedla, an uns heran, die gerade über die Geschichte der Breslauer Juden promovierte. Sie vermittelte uns alle 14 porträtierten Protagonisten, darunter sehr bekannte Persönlichkeiten wie Anita Lasker-Wallfisch oder den mittlerweile verstorbenen Historiker Fritz Stern, und fragte uns, ob wir einen Dokumentarfilm drehen können.

Wie gestalteten sich die Dreharbeit mit den Holocaust-Überlebenden?

Viele unserer Protagonisten haben lange geschwiegen und sich erst vor wenigen Jahren geöffnet. Das waren dann auch sehr erschütternde Bekenntnisse, die uns teilweise an unsere Grenzen brachten. Es gab durchaus Momente, da mussten wir die Kamera ausschalten und die Geschichten erst einmal verarbeiten.

Zum Beispiel?

Als Anita Lasker-Wallfisch von ihrer Verhaftung am Breslauer Bahnhof erzählte. Sie hatte sich in diesem Moment zusammen mit ihrer Schwester das Leben nehmen wollen, doch ein Freund hatte das mitgeführte Gift vorher unbemerkt austauschen können.

Welche Resonanz rief der Film unter den Protagonisten hervor?

Wir wurden nach der Fertigstellung von zahlreichen Protagonisten eingeladen; unter anderem nach Israel und in die USA. Für die meisten Überlebenden stellt der Film eine große Genugtuung dar.

Mit welchem Konzept haben Sie das erreicht?

Es war von Anfang an unser Anliegen, kein Einzelschicksal abzubilden, sondern vielmehr 14 unterschiedliche Lebensgeschichten zu zeigen. Diese wurden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Die Lebensauffassung der Protagonisten reicht von linksliberal über zionistisch bis hin zu einigen, die sich vom Schicksal als Juden abgestempelt sahen.

Haben Sie heute noch Kontakt zu den porträtierten Überlebenden?

Wir stehen mit allen zwölf noch lebenden Protagonisten in Kontakt. Nur einer von ihnen, Wolfgang Nossen, lebt in Deutschland. Er hat sich in der Vergangenheit oft erschüttert und besorgt über die Entwicklung der politischen Verhältnisse geäußert.

Am 1. November kommen Sie im Rahmen der Interkulturellen Wochen zur Filmvorstellung nach Chemnitz. Die Stadt ist in den zurückliegenden Monaten durch rassistisch motivierte Übergriffe, unter anderem auf ein jüdisches Restaurant, überregional bekannt geworden.

Es ist wahnsinnig wichtig, jetzt nicht mit dem Finger auf Chemnitz zu zeigen. Die Renaissance von Nationalismus und Antisemitismus findet aktuell überall in Deutschland und leider auch darüber hinaus statt.

Sie sehen also Parallelen in der Geschichte?

Man kann die damalige und heutige Situation nicht eins zu eins vergleichen. Wenn sich allerdings Menschen wieder die Parole "Frei, sozial und national" auf die Fahne schreiben, ist das sehr besorgniserregend. Es ist wichtig, die Menschen aufzuklären, wohin dieses Gedankengut bisher geführt hat.

Welchen Beitrag kann der Film dabei leisten?

Unsere Dokumentation ist kein Film, bei dem man sich zurücklehnt, er soll aufrütteln. Im besten Fall erreicht unsere Dokumentation die Herzen der Zuschauer. Das kann durchaus einen Anstoß geben, sich tiefergehend mit der Thematik zu beschäftigen, um eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart aufzubauen.

Vorstellungen des Dokumentarfilms "Wir sind Juden aus Breslau" finden am 1.November, 18 Uhr, sowie am 7. November, 16 Uhr, im Kino Metropol in Chemnitz statt. Der Eintritt kostet 6,50 Euro, ermäßigt 5Euro. Im Anschluss an die Vorstellung am 1.November besteht die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Regisseur Dirk Szuszies.

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