Dem Austausch eine Bühne

Das Staatsschauspiel Dresden versucht mit dem neuen Stück "Ich bin Muslima - haben Sie Fragen?" einige Fugen in der aktuellen Debatte über Fremdheit zu kitten.

Dresden.

Ein Fünftel aller Bundesbürger sind Muslime. Das jedenfalls schätzen laut einer Umfrage aus dem Jahr 2017 die Deutschen. In der Realität sind es aktuell jedoch nur rund fünf Prozent - wobei die Statistik nicht unterscheidet, ob diese ihren Glauben auch aktiv ausüben. Wer also sind diese Menschen? Welches Bild machen wir, die so viel größere Mehrheitsgesellschaft, uns von ihnen? Und welche Bilder lassen wir uns vormachen? 80 Prozent der Nachrichten über den Islam, die hierzulande verbreitet werden, sind negativ, und häufig geht es dabei um die Rolle der Frau im Islam.

Die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden will mit der Premiere ihres jüngsten Stücks "Ich bin Muslima - haben Sie Fragen?" einen Beitrag zu dieser wichtigen Debatte leisten. In bewährter Manier des Hauses finden 13 muslimische Frauen, allesamt keine Theaterprofis, für anderthalb Stunden auf einer Bühne zusammen und erzählen aus ihrem Leben, von ihren Erfahrungen. Das Publikum darf ausdrücklich Fragen stellen; und auch im Stück werden immer wieder Fragen gestellt. Und - oh Wunder: Diese 13 Frauen antworten allesamt unterschiedlich: darauf, ob und wie Kopftuch und enge Jeans zusammenpassen, was ihnen Religion bedeutet, was ihnen Frau sein bedeutet, was für sie Emanzipation ist. Bald wird klar, was eigentlich klar sein sollte - es aber so häufig nicht ist: Es gibt sie nicht, die Muslimin. Auch der Islam hat, wie das Christentum und im Prinzip alle anderen Religionen, eben unterschiedliche Arten, den Glauben persönlich auszulegen und zu leben.

Zwischen 10 und 67 Jahren sind die Mädchen und Frauen alt, die dieses Stück zusammengeführt hat. Sie kommen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, aus großen Städten und kleinen Dörfern. Drei von ihnen tragen Kopftuch, drei andere bezeichnen sich ausdrücklich als nicht gläubig. Den meisten ist ihre Religion sehr wichtig. Immer wieder werden Zahlen und Fakten referiert. Das ist zwar interessant, aber im Kontext des Theaters schon auch anstrengend. Wie der Abend überhaupt genaues Zuhören erfordert. Denn alle Aussagen werden immer wieder ins Deutsche beziehungsweise Arabische übersetzt, das Deutsch der Spielerinnen holpert an manchen Stellen. Aber das Zuhören lohnt!

Die 19-jährige Huda etwa spricht perfektes Deutsch, sie argumentiert scharf und schnell. Mit Stolz trägt sie ihr Kopftuch, sie will die Schönheit ihrer Haare nur einem, ihrem künftigen Mann zeigen. Huda erklärt den Unterschied zwischen Religion und Tradition und regt sich wunderbar darüber auf, wie häufig und dumm diese beiden Sachen vermischt werden. Der Koran soll Frauen das Autofahren verbieten? Kann gar nicht sein, schließlich gab es zu Zeiten des Propheten noch gar keine Autos! Emanzipation bedeutet für sie, alles zu erreichen, was sie will, ohne die Hilfe eines Mannes.

Auch Hanaa trägt Kopftuch - sie ist mit 67 Jahren die Älteste. Man ertappt sich bei dem Vorurteil, dass sie nun aber - wenn die anderen auf der Bühne Agrar- oder Bauingenieurinnen sind, Kosmetikerin oder Lehrerin - die Hausfrau unter den versammelten Akteurinnen sein müsste. Aber dann beantwortet sie juristische Fragen, denn sie hat 30 Jahre lang als Rechtsanwältin in Damaskus gearbeitet. An dieser Stelle sieht die Regie keine Publikumsfragen mehr vor, sondern eine kleine Abhandlung zum Eherecht. Aus dem Programmheft erfährt man, dass sie geschieden ist und ihre beiden Söhne allein großgezogen hat. Wie war das in Damaskus, alleinerziehend zu sein? Wurde sie als Anwältin ernst genommen? Hat sie Männer verteidigt? Fragen, die das Stück nicht gestellt hat. Jede der Frauen hätte mit ihrer individuellen Geschichte locker anderthalb Stunden füllen können und jede dieser Geschichten könnte zur größeren Differenzierung und zum besseren Verständnis beitragen. Theater ist auch in dieser Inszenierung eine Versuchsanordnung, eine verdichtete Abbildung des "Was wäre, wenn..." Was wäre, wenn Austausch wirklich stattfinden würde, wenn wir uns begegnen würden, auf dieser berühmten Augenhöhe? "Ich bin Muslima - Haben Sie Fragen?" ist ein schönes, wichtiges Dialogangebot, ein Anfang, den Theater bieten kann. Begegnung im Alltag zu leben, kann Theater aber letztlich nicht leisten - das müssen wir schon selber tun.

Nächste Aufführungen

"Ich bin Muslima - Haben Sie Fragen?" ist am 20. April sowie am 1., 12. und 23. Mai im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden zu sehen. Kartentelefon: 0351 4913555.

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