Dem Vergessen entrissen

Zwei Ausstellungen und eine Monografie erinnern an den jüdisch-palästinensischen Künstler Jussuf Abbo, der bis 1933 auch in Chemnitz hochgeschätzt wurde. Die Nazis beschlagnahmten seine Werke in den Städtischen Kunstsammlungen als "entartet" und schmolzen sie "für den Führer" ein.

Chemnitz.

Wenn die Kunstsammlungen Chemnitz in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag als städtisches Museum feiern, werden viele Werke aus ihrem einstigen Besitz nicht gratulieren können. Zu groß sind die Verluste, die das Museum in der Nazizeit erfuhr, als "entartet" diffamierte Kunst wurde beschlagnahmt, Metallplastiken wurden als Metallspende "für den Führer" eingeschmolzen. Dazu gehören auch mehrere Arbeiten von Jussuf Abbo, einem palästinensisch-jüdischen Künstler aus Safed, einer Stadt im heutigen Israel, der in den 20er-Jahren zu den bemerkenswertesten Bildhauern in Deutschland gehörte. Sein Bildnis des Berliner Kunstwissenschaftlers Max Friedländer und ein weiblicher Akt wurden 1940 in Chemnitz in eine Metallsammlung gegeben und eingeschmolzen. Auch mehrere Lithografien wurden aus dem Museum beschlagnahmt und offenbar zerstört.

Dies ist umso tragischer, als der Künstler selbst in Vergessenheit geriet, nachdem er 1935 aus Deutschland emigrierte. Obwohl einige wenige seiner Werke in Museen erhalten blieben, wurde und wird er erst jetzt mit zwei größeren Ausstellungen wiederentdeckt - im Kunsthaus Dahlem in Berlin und im Sprengelmuseum Hannover. Eine von Dorothea Schöne, Direktorin des Kunsthauses Dahlem, herausgegebene Monografie entreißt den Künstler dem Vergessen und rückt dabei auch Abbos Verbindungen nach Chemnitz wieder in den Blickpunkt.

Geboren wird Jussuf Abbo zwischen 1888 und 1890 in Safed. Das genaue Datum ist nicht bekannt. Er geht in Jerusalem zur Schule, beginnt dort auch als Steinmetz und Zeichner zu arbeiten. Schnell werden seine Auftraggeber auf sein künstlerisches Talent aufmerksam. Der preußische Hofbaumeister Otto Hoffmann vermittelt ihm ein Studium der Bildhauerei in Berlin, das er 1913 beginnt. Ab 1917 wird er zunehmend öffentlich bekannt. Arbeiten von Jussuf Abbo werden in der Jahresschau der Berliner Secession ausgestellt, wenig später hat er die ersten Einzelausstellungen. Der einflussreiche Kunsthändler Paul Cassirer zeigt Abbos Werke gemeinsam mit Arbeiten prominenter Künstler wie Ernst Barlach, Max Beckmann, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Wassily Kandinsky und Ernst Ludwig Kirchner.

Seine einfühlsamen Plastiken oft in sich gekehrter Personen und die teils am Expressionismus orientierten Zeichnungen finden schnell Freunde im Ausstellungs- und Galeriebetrieb der 20er-Jahre, zumal Abbo in Berlin gut vernetzt ist und das Leben in der pulsierenden Großstadt genießt. Die Dichterin Else Lasker-Schüler, die ihm ein Gedicht widmet, schreibt in einem Brief an einen Freund: "Abbo ist schwarz und temperamentvoll und trägt ein weißes (Herz) in der Brust und blieb unverdorben in diesem Lande, in dieser Stadt der Hast und (des) Zertretens". Ein anderer Freund, der Schriftsteller Moyshe Kulbak, schreibt über Abbo, er sei "ein verträumter Araber, ein weicher Skulpteur, wie Mond die Händ', ein kleiner Junge, mit Locken über und über, der sich sehnt mit dem Leben zum Orient."

1924 nimmt Jussuf Abbo an der von der Internationalen Arbeiterhilfe zur Unterstützung der hungernden sowjetischen Bevölkerung organisierten Ersten Deutschen Kunstausstellung in Moskau, Saratow und Leningrad teil - zusammen unter anderem mit Käthe Kollwitz, Max Pechstein, Otto Dix, Paul Klee und Oskar Schlemmer. Inzwischen waren auch die Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz auf den Bildhauer aufmerksam geworden. 1925 kaufen sie die Porträtbüste des Kunsthistorikers Max Friedländer, einen "Zinkguss von außerordentlicher Qualität und unsäglicher Lebendigkeit", wie eine Zeitung damals lobt. Der Künstler wird in Chemnitz so sehr geschätzt, dass man seine Arbeiten mehrfach zeigt und eine seiner Skulpturen sogar 1929 in die Retrospektive für Edvard Munch integriert.

In dieser Zeit hatte Jussuf Abbo den Höhepunkt seiner Popularität erreicht, Ende der 20er-Jahre wird er in einem Atemzug mit den bedeutendsten Bildhauern Deutschlands genannt. Und doch geht es ihm finanziell schlecht. 1933 lernt der Künstler seine spätere Frau Ruth Schulz kennen. Schon kurze Zeit später, so berichtet seine Frau später, sieht sie sich anonymen Drohungen ausgesetzt, weil sie sich mit einem "nichtarischen Ausländer" eingelassen habe. Die beiden müssen emigrieren, was erst 1935 gelingt. Sein Werk muss Jussuf Abbo in Deutschland zurücklassen, erst zwei Jahre später treffen seine Arbeiten in England ein, zum großen Teil jedoch schwer beschädigt. Unter diesen Umständen - für neue Arbeiten fehlt das Geld ebenso wie für Reparaturen an den alten - hat es Abbo schwer, im englischen Kunstbetrieb Fuß zu fassen. Auch kleinere Aufträge helfen kaum. Die Familie - inzwischen haben die beiden geheiratet und drei Kinder - verarmt zusehends. Jussuf Abbo kann sein Atelier nicht mehr bezahlen, enttäuscht zerstört er 1945 viele seiner Arbeiten. Nach langer Krankheit stirbt er am 29. August 1953.

Wie durch ein Wunder überlebten einige seiner Arbeiten in deutschen Museen. Einige Druckgrafiken und auch eine Bronze blieben in Chemnitz erhalten und gehören zum Bestand der Kunstsammlungen. Nach Veröffentlichung der Monografie über Jussuf Abbo tauchte auch ein Zweitguss des Porträts von Max Friedländer in Erfurt wieder auf, konnte sich Dorothea Schöne freuen. Und einer Wiederentdeckung des Künstlers auch in Chemnitz steht nichts mehr im Wege.

Ausstellungen mit Werken von Jussuf Abbo sind noch bis 20. Januar mittwochs bis montags, 11 bis 17 Uhr im Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 8, Berlin, und im Sprengel-Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, bis 29.März mittwochs bis sonntags 10 bis 18, dienstags 20 Uhr zu sehen.

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