Depeche Mode: Zeitgeistiges Menschendunkel

Nachdem ihre letzten Alben vor allem ästhetische Sinnsuche waren, legen die britischen Synthiepop-Großmeister Depeche Mode am Freitag mit ihrem 14. Album "Spirit" ein musikalisch edles, inhaltlich aber verblüffend bissiges Meisterstück vor.

London.

März 2017: Depeche Mode sind längst und zu Recht im Musikolymp angekommen. Popkulturell haben sie einige Großtaten vollbracht: Die Etablierung von Martin Gores stets etwas beladen wirkender SM-Ästhetik, das Öffnen des Pop-Publikums für dunkle Sounds sowie der ehedem zum Exzess neigende Frontman Dave Gahan mit seiner charismatischen Stimme lebten so ziemlich alles, was in der Welt zuvor als subversiv galt, wie selbstverständlich nach außen.

Und nun erscheint am Freitag mit "Spirit" das mittlerweile 14. Studioalbum in fast vier Dekaden Bandgeschichte. "Wir haben keinen Respekt. Wir verloren die Kontrolle. Wir verloren unsere Seelen. Wir gehen rückwarts und fühlen nichts im Inneren", schmettert Gahan zum Einstieg - die Scheibe der etablierten Stars, von denen man in den letzten Jahren vor allem seine Fan- Erwartungshaltung soundästhetisch poliert bekam, beginnt beklommen. Schwebend und doch schwer mäandert "Spirit" durch unsere auf einmal so dystopisch gekippte Gegenwart des noch jungen 21. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur letzten CD "Delta Machine" von 2013 spielt Depeche Mode diesmal nicht den Blues, sondern hat ihn (Ausnahme: "Poorman"): Ein melancholisches Dutzend Lieder künden von Verheerungen und Endzeit. Ergebnis ist eine realistische Bestandsaufnahme, große Unterhaltung und vor allem ein flammender Weckruf an alle, die noch was merken: "This is the last time!"

So drängt sich auf den ersten Blick der Vergleich zum ebenfalls recht abgründigen Meilenstein "Black Celebration" aus dem Jahr 1986 auf - auf den zweiten Blick deutet der höchst unterschiedliche Kontext jedoch auf eine höchstens weit entfernte Verwandtschaft hin. Während "Black Celebration" eher nach gleißendem Schwarzlicht im hedonistischen Darkroom klang, sind auf dem apokalyptischen "Spirit" fast alle Fackeln bereits erloschen. "Wer fällt eure Entscheidungen? Ihr oder eure Religion? Oder eure Regierungen und Länder? Ihr Junkies des Patriotismus!" So fordern sie auf der Single "Where's The Revolution?" eine Revolution durch Empathie und Humanismus. Gut gebrüllt, ihr englischen Löwen!

Wer Gahan, Gore und Fletcher kennt, der weiß: Vieles im Klangbild hängt von der Wahl des jeweils aktuellen Produzenten ab. So kompromisslos sie ihre volle Künstlerkontrolle leben, so wenig Spaß haben Depeche Mode an devoten Verrichtungsgehilfen. Mithin ist es keine Überraschung, dass sie sich mit James Ford einen selbstbewussten, deutlich jüngeren Sidekick angeln: Ford ist etwa Gründungsmitglied der Last Shadow Puppets und produziert hippe Qualitätskapellen wie die Arctic Monkeys oder Mumford & Sons. Auf "Spirit" gelingt ihm die sprichwörtliche Quadratur des Kreises. Einerseits gönnt er Depeche Mode ein zeitgemäßes Lifting - andererseits tastet er den originären Klang der Legende in dessen individueller Substanz nicht an.

Auf den gemeinsamen Musikpfaden des Gespanns gibt es manch schönes Detail zu entdecken. "You Move" wartet zwischendurch mit einem fast schon zu niedlichen Einschub auf, der als Hommage unverkennbar nach Kraftwerks Karl Bartos klingt. Im requiemhaften "Eternal" besingt Gore ebenso fatalistisch wie romantisch die Liebe zu seiner Tochter im Angesicht post-atomarer Strahlung. Starker Tobak! Ein besonderer Liebling ist dann das intensive "Cover Me": Eine nächtlich dräuende Hymne an die Zweisamkeit Liebender, deren Zusammenhalt nicht einmal Barbarei und Horror zu spalten vermögen. Dezent und langsam, doch nicht aufhaltbar steigt der Pegel des Soundteppichs wie die Flut. Schon beim ersten Hören kann man sich der hypnotischen Kraft dieses Kleinods nicht entziehen.

Damit gelingt Depeche Mode das große Kunststück, die neue Platte in einen Katalog aus prägenden Meilensteinen einzuordnen, was der mittlerweile zum Trio geschrumpften Gruppe in der Spätphase künstlerisch nicht immer gelang: Erfolgreich war seit dem Durchbruch jedes einzelne Album; gelungen die meisten. Gleichwohl kristallisieren sich vier Band-Werke als zeitlose Monolithen für die Ewigkeit heraus: Das grandios dunkle "Black Celebration" markiert den endgültigen Übertritt der wegweisenden Elektro-Band aus einer überwiegenden Pop-Ästhetik ins Reich exquisiter Finsternis. Die Hinwendung zu düsteren Klangfarben gebiert solch großartige Stücke wie Gores versteinerten Triebstau "Question Of Lust" oder den Elektro-Dämon "Black Celebration". Von letzterem existiert auf späteren Veröffentlichungen eine nicht minder packende Akustikversion namens "Black Day". Dieser gewagte Schritt ist für die Musik von "De-Mo", wie Fans die Band nennen, künstlerisch mindestens so bedeutsam, wie ihre spätere Entdeckung des Blues. Als wichtiger Lehrmeister für die zu diesem Zeitpunkt noch junge Band, entpuppt sich Co-Producer Gareth Jones, der bereits bei Alben der Einstürzenden Neubauten oder Nick Cave Hand anlegte.

"Music For The Masses" behält hernach 1987 die Sepia-Stimmung tendenziell bei, geht aber den entscheidend cleveren Schritt Richtung Griffigkeit. Der Lohn: Aufstieg zur Stadionband und Durchbruch in Amerika. Auf der zugehörigen Tour treten sie erstmals in Ostberlin auf. Besonders sympathisch: Da die Gage lediglich wenige tausend Ostmark, in britischen Pfund also nichts betrug, zahlte Depeche Mode die fünfstelligen Kosten in harter Währung aus eigener Tasche.

"Violator" erweist sich dann 1990 als ewiger musikalischer Zenit der Band. Songwriting, Sound und Arrangements sind in jeder Note Weltklasse, ohne auch nur den geringsten künstlerischen Kompromiss: In Teilen findet sogar eine aus damaliger Sicht riskante Neuerfindung statt, denn die Synthiekönige lassen erstmals die in diesem Genre damals quasi verbotenen Gitarren einflirren. Allein das Riff zu "Personal Jesus" ist Legende, das Stück wurde bisher von Placebo bis Marilyn Manson gecovert - und vom großen Johnny Cash brillant erobert. Edel-Produzent Mark Ellis a.k.a. Flood ermutigt die Band bei dieser Idee entscheidend. Die instrumentale Vermählung gelingt wunderbar und fördert grobkörnige Perlen wie "Policy Of Truth" oder "World In My Eyes" zutage. Für alle damals irritierten klassischem DM-Freunde machten sie den perfekten Popsong "Enjoy The Silence" klar. Der Gipfel ist erklommen!

Doch was tun auf der Bergspitze? Kann es von hier nur noch bergab gehen? Vorerst nicht! Einen weiteren höchst treffsicheren Pfeil haben sie 1993 noch im Köcher: "Songs Of Faith and Devotion"! Zwar war die Stimmung in der Band auf einem unguten Tief- sowie Gahans Suchtprobleme auf einem lebensgefährlichen Höhepunkt. Doch das ganze Testosteron der Angepisstheit voneinander kreiert eine extrovertierte, großartige Rockstarplatte. Als Anspieltipps ragen das mackerhafte "I Feel You", der elegische Gegenpol "Judas" und der sündige Gospel "Condemnation" heraus.

Im Konzert

Depeche Mode tritt am 27. Mai auf der Festwiese in Leipzig auf. Das Konzert ist ausverkauft. Am 7. Juni ist die Band im Ostragehege Dresden, Karten für dieses Konzert gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe!

freiepresse.de/meinticket

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