Der Altmeister und die Jugendbrigade

Ex-Zappa-Begleitmusiker Napoleon Murphy Brock glänzt mit Leipziger Jazznachwuchs und Gitarrenprofessor in Freiberg.

Freiberg.

Er ist 73 Jahre alt, aber er springt über die Bühne wie ein junger Hüpfer. Napoleon Murphy Brock tänzelt, schmunzelt, schwebt, lacht, stellt sich auch mal stumm an den Rand und hört zu, applaudiert seinen Bandkollegen, schmiert sich mit ein paar Tropfen Honig die Kehle, singt, spielt Saxophon und Querflöte und freut sich, auf den Brettern zu stehen, die ihm noch immer die Welt bedeuten und auf denen er als Mitglied von Frank Zappas Mothers Of Invention Musikgeschichte schrieb und dabei, zu hören auf "Roxy And Elsewhere", auch mal eine klein geschnittene Socke als Joint rauchte.

Zappa, der 1993 an Krebs starb, hätte es sich am Mittwochabend in der Freiberger Alten Mensa wahrscheinlich nicht entgehen lassen, den Midterms-Wahlabend in den USA zu kommentieren - einige seiner Platten ziert die Aufforderung "Don't forget to register to vote", vergiss nicht, dich für die Wahl registrieren zu lassen. Aber um politische oder andere Provokation geht es dem von Napoleon Murphy Brock und dem Leipziger Gitarrenprofessor Werner Neumann (auch langjähriger Gitarrist von Wolf Maahn) ins Leben gerufene The Napi Project nicht, selbst wenn sie das Zappa-Stück "Muffin Man" spielen, in dem der Maestro das von ihm gehasste biedere Vorstadtleben aufs Korn nimmt. Dabei gelingt es Murphy Brock spielend, das im Original von Frank Zappa und Captain Beefheart gemeinsam gesungene Stück allein zum Glänzen zu bringen. Doch auch für Zappa waren Obszönität, Provokation und Absurdität in den Texten immer vor allem das Vehikel für groß- und neuartige, bis ins Kleinste ausgetüftelte, komponierte Musik. Teilweise so kompliziert, dass er eine Band kurzerhand auflöste, wenn sie seinen Erwartungen nicht entsprach. Die Musiker des Napi Projects, "The Leipzig Five", wie Brock öfter scherzt, hätten vielleicht Chancen gehabt, Zappas Ansprüchen zu genügen. Neben dem Altmeister und dem Gitarrenlehrer gehören dazu der leichthändig präzise Pianist Florian Köstner, Volker Heuken am sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzten Vibraphon, der freche und expressive Robert Lucaciu am Kontrabass und der sein Schlagzeug streichelnde Philipp Scholz. Wirkt und klingt die erste Hälfte des Konzerts noch ein bisschen wie Warmspielen, Vorbereitung auf das große Finale, drehen die sechs ausgezeichneten Musiker schon mit dem letzten Stück vor der Pause - "ein Duke Ellington Standard", scherzt Werner Neumann, denn eigentlich handelt es sich um das von ihm komponierte "Who the fuck is Radiohead" - auf. Das ist, wie auch weitere Nummern des Abends, bester Jazzrock, der sich vom feinen Solo zur wüsten Lärmorgie steigert.

Vom einfach strukturierten, rhythmisch akzentuierten Gassenhauer bis zum komplizierten Soundgemälde, mitunter in einem einzigen Stück, überzeugen Technik und intuitive Musikalität des Sextetts. Was Napoleon Murphy Brock als glänzender Entertainer, dem die Musik durch den Körper zu fließen und ihn ganz einzunehmen scheint, mit seinen rhythmischen Bewegungen noch unterstreicht. Für ihn wie für alle Beteiligten, die Musiker wie das zahlreiche Publikum, war das kein pflichtgemäßes Augen-zu-und-durch-Konzert, sondern ein richtiges Vergnügen.

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