Der Berg ruft wieder

Nepal lebt vom Everest. Heute kommt ein spektakulärer Spielfilm über den höchsten Berg der Erde in die Kinos - und ein Land zurück ins Bewusstsein, in dem im Frühjahr bei Erdbeben fast 9000 Menschen starben. Freiberger starten jetzt den Wiederaufbau ihres Partnerdorfs. Doch auch die Touristen sollen wiederkommen.

Chemnitz/Freiberg.

Schneebedeckte Gipfel vor stahlblauem Himmel. Dann Flockenwirbel, tosender Wind. Schließlich Männer in dicken Daunenjacken mit erfrorenen Gesichtern, die nach dem Gipfeltriumph an steilen Flanken aus Fels und Eis in den Abgrund taumeln: Es ist ein Werk voller Extreme, mit dem der isländische Regisseur Baltasar Kormákur die Geschichte einer folgenschweren Expedition auf den 8848 Meter hohen Mount Everest aus dem Jahr 1996 erzählt.

Ab heute läuft der Film "Everest" in den deutschen Kinos. Spektakuläre 3D-Bilder bedienen die Sehnsucht nach dem Superlativ. Eher beiläufig wird der Zuschauer dabei in ein Land versetzt, das seit einer Katastrophe im Frühjahr weitgehend aus den Medien verschwunden ist. Nepal, zwischen China und Indien am Himalaya gelegen, hat 30 Millionen Einwohner und gehört zu den 20 ärmsten Ländern der Erde. Es lebt von der Kulisse seiner 8000er und vom Mythos Everest, vom Hype um den höchsten Berg der Welt.

Rund 800.000 Urlauber kamen zuletzt jährlich und brachten Devisen ins Land, davon rund 20.000 aus Deutschland. Doch im Frühjahr 2015 wird plötzlich alles anders. Im April und Mai wird Nepal von einer Erdbebenserie erschüttert, die heute als tödlichste Katastrophe in der Geschichte des Landes gilt: Fast 9000 Menschen sterben, ganze Dörfer fallen in sich zusammen, Straßen werden unpassierbar. In der Hauptstadt Kathmandu werden jahrhundertealte Kulturdenkmäler zerstört.

Als die Bilder um die Welt gehen, wollen viele helfen. Deutsche Hilfsorganisationen verzeichnen eine große Spendenbereitschaft. Trekkingtouristen und Bergsteiger fühlen sich mit Nepal eng verbunden, die bunten Gebetsfahnen aus dem Himalaya wehen heute selbst auf Alpenvereinshütten in Bayern und Österreich. "Viele waren schon einmal in Nepal und haben Land und Leute kennengelernt - Leute, die etwas zurückgeben, das man ganz schwer beschreiben kann", sagt Steffen Judersleben. Er ist Angestellter der Freiberger Stadtverwaltung und Projektkoordinator der Schülerfirma "Namaste Nepal" am dortigen Geschwister-Scholl-Gymnasium.

Eine Viertelmillion aus Freiberg

Seit zehn Jahren leistet die Organisation humanitäre Hilfe in der Himalaya-Region. Mit Spendengeldern aus Sachsen wurden Schulen und Kindergärten in Nepal errichtet und saniert, Lehrer eingestellt und bezahlt, medizinische Camps zur Bekämpfung des Grauen Stars organisiert und viele weitere Maßnahmen als Hilfe zur Selbsthilfe angeschoben. Die Erdbeben im Frühjahr waren ein schwerer Rückschlag. Doch die Schülerfirma gab nicht auf und startete einen neuen Spendenaufruf - mit überwältigendem Erfolg: Seit Mai kamen in Freiberg mehr als eine Viertelmillion Euro zusammen.

Besonders enge Kontakte unterhalten die Freiberger in das Dorf Gati, rund 90 Kilometer östlich von Kathmandu auf knapp 2000 Metern Höhe gelegen. Aus dem Ort mit 600 Einwohnern, der nur über unbefestigte Wege zu erreichen ist, kamen nach den Erdbeben zunächst keine Lebenszeichen. Als die Kontaktaufnahme schließlich gelang, stellte sich heraus, dass es trotz großer Zerstörungen nur sehr wenige Todesopfer gab. Die Freiberger schickten Soforthilfe. So konnten dringend benötigte Nahrungsmittel und Hilfsgüter wie Planen, Zelte oder kleine Solarstationen für die Stromerzeugung finanziert werden. Zudem wurden Schulmaterialien und über 900 gefüllte Schultaschen in die Bergdörfer gebracht. Vor wenigen Tagen begann dort der Unterricht in provisorischen Schulen. Eine Gesundheitsstation, die rund um die Uhr besetzt ist und einmal wöchentlich von einem Arzt besucht wird, konnte ebenfalls eingerichtet werden. Medikamente werden kostenlos ausgegeben und komplett von den Freibergern bezahlt.

Die Bewohner der Orte rund um Gati sind noch immer in Notunterkünften untergebracht, weil seit Juni Regenzeit herrscht. "Sobald es möglich ist, soll der Wiederaufbau beginnen", sagt Judersleben. In wenigen Wochen wird er gemeinsam mit zwei ehemaligen Mitgliedern der Schülerfirma nach Nepal fliegen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Begleiten werden ihn auch Mitglieder des Technischen Hilfswerks in Freiberg und zwei Studenten der Organisation "Ingenieure ohne Grenzen". Sie wollen über erdbebensicheres Bauen sprechen. "Namaste Nepal Freiberg" hat einen Kooperationsvertrag mit der Distriktverwaltung über acht Schulen der Region um Gati unterzeichnet. Die Schülerfirma und ihre Partner vor Ort tragen damit die Hauptverantwortung für den Wiederaufbau.

Touristen als Aufbauhelfer

In diesen Tagen geht in Nepal die Regenzeit zu Ende, die Trekking- saison beginnt. Das Land braucht nicht nur Hilfe beim Wiederaufbau, sondern auch Touristen. Doch die Bilder der Zerstörung haben viele abgeschreckt. "Wir erwarten im Herbst etwa 60 Prozent der Touristenzahlen im Vergleich zum vergangenen Jahr", erklärt Sarad Pradhan von der Tourismusbehörde in Kathmandu. Dabei sind die Trekkingregionen bis auf wenige Ausnahmen wieder zugänglich.

Deutsche Reiseveranstalter wie Hauser Exkursionen, Diamir Erlebnisreisen und der DAV Summit Club bieten wieder Reisen ins Annapurna-Gebiet und in die Everest-Region an. Die touristische Infrastruktur ist nahezu komplett wiederhergestellt, wie Markus Herrmann, Nepal-Experte beim DAV Summit Club in München berichtet. "Wir haben die wichtigsten Plätze selbst in Augenschein genommen, unsere Guides sind die Strecken abgelaufen." Bei der Reiseagentur des Deutschen Alpenvereins brachen die Nepal- Buchungen um 50 Prozent ein, die Nachfrage ziehe nun aber wieder an.

Für Herrmann ist das Trekking - Wandern mit dem Rucksack von einer Unterkunft zur nächsten - eine Form des Tourismus, die vielen Einheimischen ein Einkommen sichert - von den Betreibern der Unterkünfte über Träger bis zu Bergführern. Für Nepal, sagt der Summit-Club-Mitarbeiter, sind die Touristen lebensnotwendig. "Es wäre eine Katastrophe, wenn sie jetzt wegbleiben."

Ende August verkündete der nepalesische Tourismusminister, ab sofort würden die Behörden wieder Kletter-Lizenzen für den Mount Everest vergeben. Vergangenes Jahr hatte auch der DAV Summit Club erstmals eine zweimonatige Expedition aufs Dach der Welt ins Programm genommen - für vergleichsweise günstige 38.000 Euro pro Person. Durchgeführt wurde die Tour nicht. Die Nachfrage sei gering gewesen, berichtet Markus Herrmann. Und nach den jüngsten Unfällen und der Debatte um die Kommerzialisierung des Bergsteigens unter diesen Extrembedingungen, der Untauglichkeit des Everest für den Massentourismus, die auch der aktuelle Kinofilm aufgreift, habe man sich grundsätzlich dagegen entschieden.

Die Lodge am Everest Trail

Die allermeisten Nepal-Touristen schauen sich den Berg der Berge ohnehin von unten an. Ein Lodge-Trekking durch das Khumbu-Tal zum Everest-Basislager auf rund 5200 Metern ist für viele eine Traumreise. Carsten Kohlschmidt aus Freiberg war in diesem Jahr bereits zweimal in der Region. Die Familie seines Bruders betreibt eine Herberge direkt am Everest Trail. Kohlschmidt erlebte im April, wie die Erde bebte, wie Steine hoch oben aus dem Gebirge durch die Luft flogen, das Dach der Lodge durchschlugen, Fenster und Außenmauern beschädigten.

Im Juli reiste er wieder in den Himalaya und half beim Wiederaufbau. "Es gab eine kleine Zeremonie mit einem Mönch, dann wurden Mauern neu gesetzt und kaputte Dielen rausgerissen", berichtet Kohlschmidt. Im Einsatz waren Wanderarbeiter, die sich mit Hammer und Hobel im Rucksack auf den Weg machten und das Holz zum Bauen aus dem Wald holten.

Vor wenigen Tagen übernachteten wieder Gäste in der Lodge, eine Gruppe Franzosen. Kohlschmidt selbst traf auf dem Heimweg durch die Nachbardörfer Richtung Flughafen immer wieder Menschen, die ihn fragten: "Kommen die Touristen?" Er hofft - und er glaubt es: "Man kann nur sagen: Die Leute sollen wieder hinfahren."

Spendenlauf und Vortrag

Mit dem Nepallauf sammelt die Freiberger Schülerfirma "Namaste Nepal" ab morgen zum elften Mal Spenden für Nepal. Der 48-Stunden-Lauf findet von Freitag, 16 Uhr bis Sonntag, 16 Uhr auf dem Gelände der Rülein-Sporthalle des Schollgymnasiums statt. Läufer treten für Sponsoren an, die für jede gelaufene Runde Geld spenden. Anmeldungen sind noch vor Ort möglich.

www.nepalfreiberg.de

Die erste deutsche Frau auf dem Mount Everest kommt am 1. Oktober nach Freiberg. "Abenteuer Seven Summits" heißt der Benefiz-Vortrag mit Helga Hengge (19 Uhr Audimax). Die 49-jährige Münchnerin bezwang auch als erste Deutsche die höchsten Berge aller Kontinente. (oha/tre)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...