Der "Brücken-Dichter" ist tot

Kaum ein deutscher Popsong hat so viele Coverversionen erlebt wie "Über sieben Brücken musst du gehen". Helmut Richter, der am Sonntag verstorbene Textautor, wurde damit berühmt - zur eigenen Überraschung.

Leipzig.

Der Leipziger Lyriker und Schriftsteller Helmut Richter ist am Sonntag im Alter von 85 Jahren gestorben. Das bestätigte seine Witwe Brigitte Richter. Als Autor der Rock-Ballade "Über sieben Brücken musst du gehen", die von der Gruppe Karat gespielt und von Peter Maffay gecovert wurde, hatte er einen großen Wurf gelandet.

Einen, der ihn selbst überraschte. Denn das berühmte Lied stand politisch zu seiner Entstehungszeit unter keinem guten Stern. Es war Bestandteil des DDR-Fernsehfilms mit gleichem Titel, dem auch eine Erzählung Richters zugrunde lag. Bald nach seiner Ursendung am 30. April 1978 verschwand der Film in der Versenkung. Sein Thema, eine deutsch-polnische Liebesbeziehung, war nach Aufkommen der "Solidarnosc"-Bewegung im Nachbarland Polen in der DDR politisch nicht mehr opportun: "Der Streifen war zum OIRT-Festival (die OIRT war die Rundfunk- und Fernsehorganisation Osteuropas, d. Red.) nach Prag geschickt worden, und zwar mit kräftigen Hoffnungen der Entsender, der Dramatischen Abteilung beim Fernsehfunk", erinnerte sich Richter im Mai 2018 in einem Schreiben an die "Freie Presse". "Leider mußte er dann aus ,politischen' Gründen zurückgezogen werden. Mit allen üblichen Rückwirkungen. Blamabel! Um so erstaunlicher der Weg des Liedes."

Bereits nach der ersten Ausstrahlung des Films gab es viele Anfragen, wo das Lied zu bekommen sei. 1978 gewann Karat mit dem Song den Grand Prix beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden. Danach kam das Lied als Single heraus, 1979 war es Namensgeber für das Karat-Album "Über sieben Brücken". 1980 bat Rockmusiker Peter Maffay um die Genehmigung, eine Coverversion zu produzieren, die ein noch größerer Erfolg als das Original wurde.

Richter stammte aus Mähren in Tschechien, als Vertriebener landete er später in Ostdeutschland und studierte in Leipzig Physik. Doch seine Liebe galt bald der Literatur. Er schrieb Lyrikbände ("Was soll nur werden, wenn ich nicht mehr bin?"), Erzählungen ("Schlüssel der Welt"), Reisereportagen und Hörspiele. Nach einer Tätigkeit als Dozent am renommierten Leipziger Literaturinstitut, an dem er selbst einst studiert hatte, wurde er 1990 dessen Chef. Das Institut wurde später in die Universität Leipzig integriert. Richter war auch Mitbegründer der "Leipziger Blätter", die seit 1982 erscheinen, und leitete die Kulturzeitschrift über Jahre.mit dpa

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