Der Geist und sein Hammer

Sachsen hat sein "Jahr der Industriekultur" eröffnet. Die Landesregierung will damit vordergründig dem heftig umkämpften Begriff "Heimatstolz" ein handfestes Ziel geben. Schaut man genauer hin, ist die Sache aber ein klein wenig verzwickter.

Chemnitz/Zwickau.

Im Bild "Die Steinklopfer" des Malers Gustave Courbet laufen die beiden äußeren Zipfel dessen, was man unter "Industriekultur" verstehen kann, recht anschaulich zusammen. Der eine: 1849 löste der Franzose als einer der Vorreiter des aufkommenden Realismus in der Malerei mit dem Bild einen Skandal aus, weil er ungeschönt die Lebenssituation der Unterschicht in den Mittelpunkt eines großen Ölgemäldes stellte. Zwar schwenkte damals die Kunst bereits auf die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts ein: Aufwendige Bilder galten nicht mehr fürstlicher Romantisierung, sondern zeigten rauchende Schlote als Symbole des Fortschritts. Courbet aber sah genauer hin - und holte sich zwei ehemalige Landarbeiter ins Atelier, die er an einer Straßenbaustelle getroffen hatte: Ein drastisches Zeichen für die Wucht, mit der der Umschwung die Unterschicht traf.

Und der andere: Das Schlüsselwerk ist heute in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nur noch als Kopie zu sehen, denn das Original wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört - einem wahnsinnigen, industriell befeuerten Schlachtinferno des letzten Jahrhunderts.

Kultur ist letztlich alles, was die Gestaltungskraft des Menschen hervorbringt - demzufolge wird auch die große Sächsische Landesausstellung "Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen" den Einfluss der Industrie auf unser gesamtes Dasein umfassend darstellen. Der Kerngedanke dabei, den Kurator Thomas Spring skizziert, ist aber unumstößlich: Alles, was wir heute sind, sind wir durch die Industrie - und deren Triebkräfte sind Wissen und Forschung, Kreativität und Schöpfergeist, Effektivität und Arbeitseifer. "Industriekultur trifft Gefühle und Stimmungslagen, in vielen Regionen Sachsens und weit darüber hinaus. Sie baut eine Brücke vom Gestern zum Heute und kann positive Identifikation stiften. Wir verstehen sie als einen starken Motor einer neuen Bürgergesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung", sagt dazu Christoph Dittrich, Chemnitzer Theaterintendant und Präsident des Sächsischen Kultursenats. Bedeutet: Wir sollen nicht stolz darauf sein, was wir sind - sondern darauf, was wir geschaffen haben. Fakt ist: Reichtum muss man, soll er verteilt werden, ja erst einmal erarbeiten. Nicht nur den an Gütern und Material, sondern auch den an Zeit und Muße - die letztlich erst freigesetzt werden konnten, als der Mensch alles Lebensnotwendige schneller herzustellen vermochte, als er es verbrauchte. Eine zwingende Bedingung dafür, um irgendwann Dinge zu erschaffen, die man nicht zum Überleben braucht, die aber den Geist beflügeln. Musikinstrumente zum Beispiel. Oder Computerspiele. Dabei wird klar: Der Prozess des Machens kann selbst Sinnstiftung sein in der befreienden Monotonie eines ständigen Vorwärts, wie es etwa die Einstürzenden Neubauten auf ihrem Album "Ende Neu" im Stück "NNNAAAMMM" besingen: "Das Lied schläft in der Maschine!" Man muss es nur zu wecken vermögen.

Sehen können wir die Spuren vergangener Industriekultur vor allem im Stein der Architektur - in Fabrikgebäuden, Bergwerksstollen, Bahntrassen. Doch das ist nur ihr Schattenwurf; ein Design - ihr Geist lebt in der Hand, die den Hammer hält. Und Steine klopft.


"NNNAAAMMM" von den Einstürzenden Neubauten:

 

 

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