Der gezähmte Rebell

2020 feiert die Musikwelt mit dem 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens eines der wegweisendsten Musikgenies der Klassik. Die Bundeskunsthalle Bonn eröffnet den Jubiläumsreigen mit einer Sonderschau.

Bonn.

Irgendwann hat Beethoven genug. Obwohl er von Fürst Karl Lichnowsky jährlich eine Zuwendung von 600 Gulden erhält, schlägt er 1806 seinem adligen Gönner die Bitte ab, auf dessen Landgut in Schlesien vor einer Gruppe französischer Offiziere zu spielen. Es kommt zum Eklat, der Komponist verbarrikadiert sich in seinem Zimmer. Der Fürst tritt die Tür ein - worauf Beethoven einen Stuhl greift und ihn auf dem Kopf seines Förderers zertrümmert. So auf jeden Fall wird es berichtet. Die Szene kann als typisch gelten für diesen Mann, der, mehr Mythos als Mensch, mit seinem struppigen Haarschopf in einer Zeit, in der Perücken noch Mode waren, nur allzu gerne zum Aufständischen stilisiert wird. Er bekannte sich zu den Idealen der Französischen Revolution und ging in der Musik neue Wege. So wurde er zu einer Ikone des erstarkenden Bürgertums im 19. Jahrhundert.

Die Bundeskunsthalle der Stadt Bonn, wo der Komponist an einem nach wie vor unbekannten Tag das Licht der Welt erblickte und am 17. Dezember 1770 die Taufe erhielt, rückt dieses Bild rechtzeitig zum 250. Geburtstag ein bisschen gerade: Zum Auftakt des Beethoven-Jahres zeigt man ihn differenzierter - als einen stolzen Freiberufler, der zwar stolz gegen Aristokraten wetterte, sich aber trotzdem nicht scheute, zeitlebens von ihnen ausgehalten zu werden. Mit der vielschichtigen Ausstellung "Beethoven - Welt. Bürger. Musik" ordnen die beiden Kuratorinnen Agnieszka Lulinska und Julia Ronge das Jahrhundertgenie in den sozialhistorischen Hintergrund seiner Epoche ein und laden dabei zu so manch erhellendem Exkurs. Da ist zu erfahren, was Beethovens Geburtsstadt Bonn vom historischen Wien unterschied, wohin der Musiker 1792 von Kurfürst Maximilian Franz geschickt wurde, um "Mozarts Geist aus Haydns Händen" zu empfangen. Oder wie ein Orchester seinerzeit aussah.

Mit mehr als 250 Exponaten von Leihgebern aus ganz Europa eröffnet die Bundeskunsthalle so auf eindrucksvolle Weise das Jubiläumsjahr und zeigt den Komponisten in der Ausstellung, die anschließend ins Palais des Beaux Arts nach Brüssel weiterwandert, als Mensch und Europäer. 1972 nahm der Europarat und 1985 auch die Europäische Union die Instrumentalfassung seiner Ode "An die Freude" als Europahymne an. Mehr als 30 Mal waren Schillers Verse schon vertont worden (von Komponisten wie Daniel Schubart, Christian Gottfried Körner und Carl Friedrich Zelter) bevor Beethoven sich ihrer annahm. Keine Fassung wurde so erfolgreich wie seine. Wie abstrakte Zeichnungen sehen die Skizzenbücher mit seiner "Sauklaue" aus. Mit Original-Partituren und zahlreichen Autographen zeichnet die Ausstellung den Lebensweg nach. Darunter auch selten oder nie gezeigte Dokumente wie sein "Heiligenstädter Testament" (1802), in dem Beethoven erstmals über seine Ertaubung klagt.

Der Verlust seines Gehörs, gegen den er mit dem gleichen Willen ankämpfte, mit dem er sich auch sonst durchs Leben schlug, trug zusätzlich zum Mythos des heroischen Rebellen bei. Immer wieder widersetzte er sich seinen zahlreichen Ärzten. Heute gehen Mediziner davon aus, dass die endlosen Bauchkrämpfe, Durchfälle, das Bluterbrechen und die Bauchwassersucht Symptome einer chronischen Darmerkrankung waren. Litt Beethoven an Morbus Crohn? Aufgrund seiner anhaltenden Depressionen an einem Reizdarmsyndrom? An einer chronischen Pankreatitis? Stand seine Taubheit damit in Verbindung? Mit Bade- und Trinkkuren sowie Diäten versuchte er sich zu kurieren - ohne Erfolg. Selbst nach seinem Tod noch suchten Ärzte die Ursache und öffneten, wie von ihm verfügt, seinen Schädel. In der Bundeskunsthalle ist die Krankenakte ausführlich dokumentiert. Eine Replik seines Hörrohres ist zu sehen (das Original liegt wenige Kilometer entfernt im frisch restaurierten Geburtshaus). Und in einem extra dafür entwickelten Stuhl können Besucher nachempfinden, wie Gehörlose Musik wahrnehmen.

Mit den modernsten Mitteln haben die Ausstellungsmacher es geschafft, das Leben des Musikers für Jung und Alt, für Kenner und Laien erfahrbar zu machen. An Hörstationen lassen sich über Kopfhörer wichtige Werke lauschen. "Wellingtons Sieg", Takte aus "Fidelio" oder der "Eroica". Historische Instrumente und Stadtansichten sind zu sehen. Und das berühmte Porträt von Joseph Stieler, das mit seinem schweren Denkerkopf das Beethoven-Bild bis heute prägt, darf natürlich auch nicht fehlen. Beethoven selbst übrigens hielt es für das gelungenste Bildnis von sich.

Dem Kult um den Komponisten huldigt am Ende des Rundgangs eine Rekonstruktion des von Gustav Klimt 1902 für die Wiener Secession nach Motiven der Neunten Symphonie erschaffene Beethoven-Frieses und eine Kopie von Max Klingers Beethoven-Monument, die der österreichische Künstler Oliver Laric geschaffen hat. Das Original steht im Neuen Gewandhaus in Leipzig. Nicht aus Marmor, sondern aus weiß schimmerndem Polyamid im 3D-Drucker gefertigt und giftgrün beleuchtet wirkt der Meister nahbarer. Menschlicher. Fast wie ein gezähmter Rebell. So muss man ihn heute wahrscheinlich sehen. Ist die Zeit des Geniekultes doch vorbei.

Die Ausstellung"Beethoven - Welt. Bürger. Musik" ist in der Bundeskunsthalle Bonn bis 26. April zu sehen. Geöffnet ist dienstags und mittwochs von 10 bis 21 Uhr sowie donnerstags bis sonntags und an Feiertagen von 10 bis 19 Uhr.


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