Der Glaube an die Gene

Im Kampf gegen die Migration werden bei Rechtspopulisten Argumente aus der Genetik wieder beliebter. Dabei belegen auch neueste Forschungen, dass es so etwas wie eine "DNA der Deutschen" nicht gibt: Diese definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Grießbrei mit dem Messer zu zerteilen.

Unter den deprimierenden Passagen des neuen Verfassungsschutzgutachtens zur AfD ragt die heraus, in der es um die Bedingungen seines Entstehens geht: 80 Stunden Videomaterial habe man, heißt es an einer Stelle, gesichtet und verschriftlicht. Dahinter stehen Schicksale. Man hofft, dass die Arbeit auf genügend Verfassungsschützer aufgeteilt wurde und fragt sich, ob man das Ganze nicht hätte einfacher haben können. Zum Beispiel durch Rückgriff aufs Gedächtnis, das genügend Belege für die nicht gerade grundgesetzverliebte Haltung vieler AfDler bereithält. Aber gut, nun liegt ein Sammelwerk vor, und unter anderem lesen wir darin über die Affinität wesentlicher Parteimitglieder zur völkisch inspirierten Genetik. Ein guter Anlass, diese einem Realitätscheck zu unterziehen. Dafür braucht man nicht in Gutachten zu schauen, sondern dahin, wo es ernst wird: In die DNA.

Vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden scheint der Rückgriff auf die Genetik immer beliebter zu werden. Der Wahlthüringer Björn Höcke war unter anderem wegen seiner einschlägigen Äußerungen in diesem Bereich einst Ausschlusskandidat, heute ist er potenzieller nächster Ministerpräsident. In Brandenburg testet der einstige Konservative Alexander Gauland immer lustvoller die Untiefen der märkischen Volksseele aus. Ganz zu schweigen von Sachsen, wo die AfD der NPD das Wasser abgrub, sicher nicht dadurch, dass man völkisches Gedankengut meidet. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in den genannten drei Ländern wird der Trend wohl anhalten. Schließlich betrachtet es etwa Björn Höcke als "politische Bettnässerei", auf Begriffe wie "Umvolkung" und "Volkstod" - die auf dem Konzept einer genetischen Abgrenzbarkeit von Nationen beruhen - zu verzichten.

Fast schon ironisch mutet es vor diesem Hintergrund an, dass sich ausgerechnet in Thüringen und Sachsen zwei der weltweit führenden Forschungsinstitute befinden, die in den letzten Jahren darlegen konnten, dass alte Vorurteile über die Genetik ganzer Nationen haltlos sind und ständige Migrationen immer elementar für den Fortschritt unserer Spezies waren. Das Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bewies 2010 im Neandertalgenom-Projekt, dass alle heute auf der Welt lebenden Menschen Nachfahren afrikanischer Einwanderer sind. Und das Jenaer MPI für Menschheitsgeschichte zeigte wenig später, dass wir neben unseren afrikanischen Wurzeln noch zwei weitere zentrale Säulen in unserer DNA haben. Sie stammen aus Anatolien und der südrussischen Steppe.

Die Archäogenetik ist ein sehr junger Forschungszweig, hier werden in der Medizin entwickelte Methoden der Genanalyse an archäologischen Funden angewendet. In alten Knochen wird DNA analysiert, um durch den Vergleich mit heute lebenden Menschen Rückschlüsse auf unsere Evolution zu ziehen - und auch darauf, woher unsere Vorfahren kamen. Die Archäogenetik machte in den letzten Jahren unvorstellbare Sprünge, so hat sich der Durchsatz an sequenzierten Genomen in den zwölf Jahren verhundertmillionenfacht. Weltweit gibt es eine Handvoll führender Archäogenetiker - einer von ihnen ist der Gründungsdirektor des Jenaer MPI, Johannes Krause, mit dem zusammen der Autor dieses Beitrags das Buch "Die Reise der Gene" schrieb.

Wer definitiv nicht zu den führenden Archäogenetikern gehört: Björn Höcke. Das muss deshalb betont werden, weil er vor mehr als drei Jahren einem geneigten Publikum klarzumachen versuchte, über tiefere Kenntnisse europäischer und afrikanischer Genetik zu verfügen. "Phylogenetisch völlig nachvollziehbar", sagte Höcke damals, hätten Afrikaner eine "eigene Reproduktionsstrategie", die sich von der europäischen unterscheide. Höcke sprach von "R-" und "K-Strategien"; das sind Begriffe aus der Biologie, um Populationsdynamiken im Tierreich, mitunter auch bei Bakterien, zu beschreiben. Höcke sprach über afrikanische "Ausbreitungstypen" und europäische "Platzhaltertypen", ganz so, als seien die Menschen nichts anderes als eine Ansammlung brunftiger Hirsche. Nicht ganz so vulgärwissenschaftlich äußerten sich Parteifreunde, aber auch bei ihnen ist der Glaube an eine genetische Disposition zum Deutschsein unüberhörbar. Zum Beispiel beim Bundesvorsitzenden Alexander Gauland, der fürchtet, in Folge von Migration könnte "dieses Land von der Erde verschwinden und sozusagen nur noch irgendeine uns fremde Bevölkerung hier leben". Oder bei Marc Jongen, Sprecher der AfD Baden-Württemberg, der die "genetischen Grundlagen der Kultur" betont. Oder beim brandenburgischen Parteichef Andreas Kalbitz, der bei den Deutschen von einer "indigenen Bevölkerung" spricht, die durch Zuwanderung der "Selbstvernichtung" ausgesetzt sei.

Mit etwas Wohlwollen könnte man den Protagonisten unterstellen, falsch gegoogelt zu haben. So waren die frühen Afrikaner in dem Sinne "Ausbreitungstypen", als dass auf dem Kontinent beginnend vor etwa sieben Millionen Jahren die ersten Menschen entstanden und sich später in alle Welt ausbreiteten. Und dass es so etwas wie eine "indigene" europäische Bevölkerung geben könnte, schien bis vor wenigen Jahren zumindest noch denkbar. So glaubten viele Wissenschaftler, die Menschen diverser Weltregionen gingen auf Urmenschen zurück, die dort lebten, im Falle Europas also auf den Neandertaler. Seit der Entschlüsselung des Neandertalergenoms 2010 ist das aber weitgehend widerlegt: Alle heute lebenden Menschen stammen von jenen Afrikanern ab, die sich vor etwa 40.000 Jahren über die arabische Halbinsel ausbreiteten. Sie ließen sich dabei auch mit Neandertalern ein - aber nur maximal vier Prozent der DNA heutiger Menschen außerhalb Afrikas geht darauf zurück.

Der DNA-Mix, der damals entstand, ist auch mitnichten der, den wir heute in uns tragen, denn ohne ständige Mobilität unserer Vorfahren samt genetischem Austausch wäre der Kontinent gar nicht denkbar - und ohne die ewige Balkanroute auch nicht. Schon die afrikanischen Einwanderer kamen vor 40.000 Jahren entlang des Donaukorridors und stießen bis weit nach Zentraleuropa vor, unter anderem fühlten sie sich in schwäbischen Höhlen sehr wohl. Mehrere zehntausend Jahre blieben sie unter sich, bis dann vor etwa 8000 Jahren, wieder über den Balkan, massenhaft Anatolier einwanderten. Es war ein echter Bevölkerungsaustausch, denn die Anatolier waren kinderreich - und als Erfinder der Landwirtschaft den europäischen Jägern und Sammlern technisch wie zahlenmäßig gnadenlos überlegen. Nicht nur Ackerbau und Viehzucht brachten die Migranten auf den Kontinent, sondern auch einen neuen Teint. Denn die alten Jäger und Sammler waren dunkelhäutig. Unsere helle Haut ist eine Mutation, die sich großteils durch Vitaminmangel der fast vegetarisch lebenden Einwanderer erklären lässt.

Einwanderer und Alteingesessene lebten, das zeigen die DNA-Analysen, knapp 2000 Jahre in voneinander abgeschlossenen Parallelgesellschaften. Beide Populationen sind heute zwei der drei tragenden genetischen Säulen der europäischen DNA. Die dritte kam vor etwa 4800 Jahren dazu, und zwar aus der Steppe zwischen Kaspischem und Schwarzen Meer. Wollte man die genetischen Verschiebungen, die damals in Europa auftraten, heute erreichen, müssten auf einen Schlag zehn Milliarden Menschen einwandern, also mehr als die gesamte Weltbevölkerung. Die osteuropäischen Einwanderer, auch das zeigt die DNA, waren zu 80 Prozent Männer.

Der Migration folgte das Ende der Steinzeit - die Neuen brachten das Handwerk der Bronzeverarbeitung mit und vieles andere, was Europa die folgenden Jahrtausende zu dem machte, was es wurde. Wir gehen damit auf Einwanderer aus Afrika, dem Nahen Osten und der russischen Steppe zurück. Alles, was danach passierte, veränderte die europäische DNA nicht mehr maßgeblich. Der Verweis auf irgendwelche genetischen Verschiebungen, die heute durch Einwanderer verursacht werden könnten, ist daher abwegig. Erstens, weil die meisten Menschen, die man mit diesem Argument abwehren will, mit einer DNA zu uns kommen, die wir schon längst haben - es sind Cousins und Cousinen. Und zweitens ist es sowieso egal: In einem Land mit 80 Millionen Menschen (wahlweise: Einem Kontinent mit einer dreiviertel Milliarde) ist schlicht keine Masseneinwanderung denkbar, die irgendetwas an der DNA der breiten Masse ändern könnte. Zumal die Weltbevölkerung sich diesbezüglich sowieso immer weiter angleicht: In den letzten 10.000 Jahren haben sich zum Beispiel die genetischen Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten halbiert. Weil es immer mehr Austausch gab und die Menschen immer mobiler wurden. Diese Entwicklung aufzuhalten, dafür ist es rund 8000 Jahre zu spät.

Heute ist jeder Versuch, staatliche oder auch nur kontinentale Grenzen mit genetischen zusammenzubringen, zum Scheitern verurteilt. Je näher Menschen beieinander leben, desto ähnlicher ist ihre DNA. Ein Cottbuser mit einheimischen Großeltern ist genetisch näher an Polen als an Leipzig, im Raum Aachen gleicht die Durchschnitts-DNA eher jener in Brüssel als der in Hannover. Ein DNA-Test wird einem also sagen, aus welcher Region die eigenen Vorfahren stammen, aber nicht, aus welchem Land. Wer auf dieser graduell sich verschiebenden Landkarte einzelne Völker voneinander abgrenzen will, der kann auch versuchen, einen Grießbrei mit einem Messer zu teilen.

Völkische Hobbygenetiker, die ja nicht ausschließlich in der AfD zu finden sind, sollten Gene also vielleicht einfach Gene sein lassen. Zum Trost: Die in den letzten Jahren offenbar gewordene Besiedlungsgeschichte Europas bietet auch so noch genügend Ansätze, sie für Scheinargumente gegen die Migration auszuschlachten. Schließlich sorgten die anatolischen Einwanderer vor 8000 Jahren dafür, dass sich die angestammten Europäer zurückziehen mussten. Und viel spricht dafür, dass aus der Steppe vor 4800 Jahren nicht nur massenhaft alleinstehende junge Männer kamen, sondern auch eine tödliche Seuche: Hätte es diese Migrationswellen nicht gegeben, wer weiß, vielleicht würden wir dann noch heute als Jäger und Sammler durch die Wälder ziehen, im Einklang mit der Natur, ohne festen Wohnsitz und ohne die genetische Vermischung. Mit nationalen Grenzen allerdings wüssten wir indigenen Europäer dann aber wohl erst recht nichts anzufangen.

 


Der Autor 

Thomas Trappe hat sich als freier Journalist und Buchautor lange mit den Themen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus beschäftigt. 1981 geboren, begann er nach einem Studium der Diplom-Journalistik in Leipzig mit dem Schwerpunkt Politikwissenschaften in der Riesaer Lokalredaktion der "Sächsischen Zeitung". Seitdem schrieb Trappe unter anderem für "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine" und die "Zeit". Er wurde unter anderem mit dem Axel-Springer-Nachwuchspreis ausgezeichnet. Heute lebt er in Berlin und schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Gesundheitspolitik und Wissenschaft.

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