Der Hintermann

Nur wenige Rockfans kennen den Namen von Robbie Robertson - bestenfalls als Musiker in Bob Dylans "The Band". Dabei zählt er nicht nur zu den besten Gitarristen des Planeten: Auch als Songschreiber und Produzent hat er hinter den Kulissen seinen Namen tief in die Annalen der Popkultur geritzt. Soeben ist er 75 geworden - und sprüht weiter vor großen Ideen.

Ich bin halb indianischen, halb jüdischen Ursprungs und dazu aus Kanada. Die besten Voraussetzungen, um in den USA Karriere zu machen", sagte Robbie Robertsons einmal ironisch. Als Sohn einer Mohawk und eines jüdischen Spielers kann er ein Lied vom allgegenwärtigen Rassismus singen und tut dies auch. Dennoch hat er weit mehr vollbracht, denn ohne ihn, der vor allem hinter den Kulissen des Popgeschäfts wirkte, wäre dieses ein ganzes Stück ärmer. Am 5. Juli wurde Robbie Robertson 75 Jahre alt.

"Ich mache Musik, weil ich auf der Suche nach etwas bin. Hoffentlich finde ich es nie, sonst verlöre sich vielleicht der Drang, immer weiter zu machen." Robertsons unablässiges Goldgräbertum förderte manches Nugget zutage. Mit The Band prägt er den frühen Roots-Rock der 60er bis 70er. In Bob Dylans Begleitband gestaltet er 1964/65 dessen Umstellung von akustischem Folk zu elektrischem Rock. Das war kein Selbstläufer. Zwar harmonierten die Musiker hervorragend, spielten wie aus einem Guss. Doch Dylans Publikum fiel es nicht leicht, ihren Folkhelden als elektrisch rockenden Frontman zu akzeptieren - mitunter fielen die Reaktionen regelrecht feindselig aus. Es dauerte, bis jene Hörer die spielerische Qualität erkannten und schätzten.

Auch im Studio und privat harmonierten Dylan und Robertson prächtig. Eine Zeit lang wohnte man in direkter Nachbarschaft in der Nähe von Woodstock. Dort entstand 1967 im sogenannten Big-Pink-Anwesen das bemerkenswerte Album "The Basement Tapes", die Scheibe steht bis heute hoch im Kurs von Fans wie Medien. Robertson trat nicht nur per Gitarre und Hintergrundgesang in Aktion, er schrieb an etlichen Songs mit und rangierte auf Augenhöhe mit seiner Bobheit.

Doch auch ohne Dylan schenkt Robertsons Band der Popkultur bedeutende Alben - sowie die weltbekannte Antikriegshymne "The Night They Drove Old Dixie Down", die vor allem in der Joan-Baez-Version oder als Juliane Werdings Abwandlung "Am Tag, als Conny Kramer starb" bekannt wurde. Dennoch wäre es verfehlt, den Mann aus Ontario über jene Ära zu definieren, denn Robertson ist gleichermaßen hochkarätiger Melodiefischer wie Geschichtenerzähler. Entsprechend gern nehmen Weltstars wie Norah Jones, Aretha Franklin, Rod Stewart, Johny Cash, Diana Ross oder Ringo Starr dessen Songs auf: Die Kundenliste reicht bis zu Hardrockcombos der Marke Def Leppard, die Fanliste bis zu den Nine Inch Nails. Als Produzent gestaltet er Alben von Hochkarätern wie Jerry Lee Lewis, Van Morrison, Neil Diamond oder Tom Petty.

Obwohl sein Name nicht jene glamouröse Berühmtheit der genannten Kollegen aufweist, kennt so gut wie jeder Filmfreund seine Musik: Nachdem Martin Scorsese 1978 den letzten Gig von The Band aufnahm, entstand eine tiefe Freundschaft zu dem Regisseur samt kreativer Verbindung. So stammen große Teile in Scorseses Filmmusik aus Robertsons Feder, von "Wie ein wilder Stier" über "Casino" bis zum "Wolf Of Wall Street". Am bekanntesten ist hierbei wohl sein Beitrag zu "Die Farbe des Geldes" mit Paul Newman und Tom Cruise: Hier kommt nicht nur der gesamte Score von ihm - auch der von Eric Clapton gesungene Hit "It's In The Way That You Use It" geht größtenteils auf Robertsons Konto. Und Mitte der 90er wagt er sich mit Soundmeister Marius De Vries (Massive Attack, Björk) sogar an Hip-Hop und Elektronica, die er mit traditioneller Musik der Native Americans verbindet.

Das kommt nicht von ungefähr. Die "Red-Boy"-Schmähungen seiner Jugend, Diskriminierung, die Verelendung der Ureinwohner sowie deren tragische Geschichte von Vertreibung und Ausrottung hinterließen tiefe Spuren im ansonsten lebensfrohen Naturell Robertsons. Gern und mit entsprechender Vehemenz fördert er seit Dekaden Künstler aus diesem Spektrum, wie etwa Buffy Sainte Marie. Für sein Album "Music For The Native Americans" gründet er das ethnisch eindeutige Red Road Ensemble und spielt nebenbei Songs ein, die in thematisch passenden TV-Dokus zum Einsatz kommen.

Ähnlich wie Django Reinhardt brachte sich Robertson Gitarre, Bass und Piano rein autodidaktisch und intuitiv bei, ohne je konventionelle Noten gelernt zu haben. Dylan bezeichnete ihn bereits Mitte der 60er als den einzigen mathematischen Gitarristen, den er kenne. Das klingt wie Quatsch und bringt Robbie auch heute noch zum Schmunzeln - trotzdem birgt die Zuschreibung einen wahren Kern, der auf Robertsons individuellen Stil abhebt. Von einem Rockabilly-Gitarristen schaute er sich das Sweep Picking ab, das er später bei Django wiederfand. Von Chuck Berry die kompromisslose Offensive. Dem Tom-Tom-Sound seiner Wurzeln entlehnte er das perkussive Element, und deren wölfisch heulenden Gesänge seine elegische Ader. Alles zusammen mischt sich zu einem Cocktail, der seiner Zeit um Längen voraus war und deshalb auch heute nicht antiquiert wirkt. Der Meister sieht es, gewohnt uneitel, weit simpler: "Zuerst war da diese Geige. Und ich dachte, ich mag das Gefiedel. Dann die Mandoline und natürlich diese tollen Trommeln. Hey, das waren indianische Trommeln! Aber als ich sah, wie Mädchen die Gitarristen anhimmelten, war klar, welches Instrument das Rennen macht."

Eine Platte steht im Zentrum. Die selbstbetitelte erste Solo-LP von 1987 vereint unter anderem Peter Gabriel, U2 oder Ivan Neville als willige Wasserträger. Sie alle werden Teil eines Welterfolgs, dessen kraftvolle Mischung aus raffiniertem Rock/Pop plus dezent eingewobenen indigenen Elementen zum Besten gehört, was die 80er hervorbrachten. Wer Robertsons Gitarre samt vielfältiger Soundideen hört, die er mit Kumpel Daniel Lanois produzierte, vernimmt einen Mann, dessen Klangkosmos ganz und gar im Zeichen absoluten Gefühls mäandert. "Die Musik taugt, wenn man es schafft, die Geister von Luft, Erde, Feuer und Wasser zu wecken und gleichzeitig zu besänftigen."

Seine Stories schwelgen zwischen Realismus und Mystik, Historie und Gegenwart. Zwei Songs stechen heraus. "Somewhere Down The Crazy River" schillert so bläulich wie Nächte im Mondlicht. Dazu untermalt pulsierende Percussion eine erotisch greifbare Spannung. Der Fremde strandet zwischen Voodoo und Sex bei einer geheimnisvollen Frau namens Madame X und lässt sich hernach wieder treiben, gleich dem Fluss. Das zupackende Groovemonster "Testimony" mausert sich zum Signaturlied, nach dem er Jahre später seine Autobiografie benennt.

Selbst im Alter lässt Robertsons Intensität nicht nach. Für sein 2011er-Werk "How To Become Clairvoyant" schart er so unterschiedliche Freunde wie Trent Reznor (Nine Inch Nails), Tom Morello (Rage Against The Machine) oder Eric Clapton um sich. Sie setzen die magische Geschichte um Madame X fort. Als intensiver Höhepunkt schält sich ein in sich ruhender, obschon dramatisch umspülter Tango heraus ("Tango For Django"), den er Django Reinhardt widmet. Was für ein berückendes Juwel!

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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