Der Holzgoethe

Das Bauhaus hat viele Väter. Einer von ihnen, Karl Schmidt, kommt aus Zschopau. Er hat sich früh mit den Ideen nachhaltigen Wirtschaftens beschäftigt.

Ende des 19. Jahrhunderts waren Chemnitz und das Erzgebirge aufstrebende Industrieregionen. In den Städten, im wasser- und holz-, mithin energiereichen Gebirge hatten sich Unternehmen angesiedelt, die mit ihrer so rationellen wie kräftezehrenden und schlecht bezahlten Massenproduktion eine neue Ära einleiteten. In diese Zeit hinein wurde Karl Schmidt 1873 in Zschopau geboren, wo er auch eine Tischlerlehre absolvierte. Fast wie Jugendliche heute arbeitete er danach zunächst weitab der Heimat, als Geselle bei norddeutschen und schwedischen Meistern. Später reiste er nach London, wo er mit der sozial engagierten englischen Reformbewegung und auch mit der Arbeiterbewegung in Berührung kam.

Dort hatten Sozialphilosophen wie John Ruskin (1819 - 1900) und künstlerische Multitalente wie William Morris (1834 - 1896) schon früh den Verfall der Produktqualität unter dem Einfluss der industriellen Massenproduktion registriert und versuchten, mit kunsthandwerklich-ästhetischen Konzepten gegenzusteuern. William Morris etwa war davon überzeugt, dass Design immer eine soziale Komponente hat. Seine Texte wurden wichtige Dokumente der Arts-&-Crafts-Bewegung, die, wie der Name sagt, Künste und Handwerke wieder zu vereinen trachtete. 1888 schrieb Morris: "Ich bin absolut sicher, dass das Handwerk im Zusammenwirken mit anderen Bedingungen Schönheit und Vergnügen in der Arbeit wiederbringen wird. Und wenn das so ist, und dieses doppelte Vergnügen von hübscher Umgebung und glücklicher Arbeit den Platz der doppelten Quälerei durch elende Umgebung und erbärmliche Sklavenarbeit einnehmen könnte, haben wir dann nicht guten Grund zu dem Wunsch, dass das Handwerk wieder die maschinelle Produktion ersetzen sollte?"

Wobei Morris die Unvermeidbarkeit der Industrialisierung durchaus bewusst war. Ihm schwebte jedoch eine Aufwertung des Handwerks vor, sodass "vom Meister-Designer bis nach unten niemand sagen könnte: das ist mein Werk. Aber jeder von ihnen könnte wahrheitsgemäß sagen: das ist unser Werk". Seine Vision einer neuen Gesellschaft klingt fast wie ein Bauhaus-Ideal: Man solle sich vorbereiten auf das, was "sicher kommen wird: die neue gemeinsame Kunst des Lebens. In der das Bewusstsein jedes Einzelnen, dass er einer harmonisch zusammenarbeitenden Gruppe Gleichgesinnter und Freunde angehört (obwohl die Leistungen nicht gleichrangig sein werden), die - einer für alle, alle für einen - wirkliche und glückbringende Gleichheit schaffen wird".

Zurück in Deutschland, eröffnet Karl Schmidt 1898 in Dresden eine kleine Tischlerei, denn er liebte die Arbeit mit dem Holz so sehr, dass sie ihm später den Spitznamen "Holzgoethe" einbrachte. Aus der Tischlerei wurde innerhalb weniger Jahre eine der bedeutendsten Möbelwerkstätten Deutschlands. Eine Zeit lang gab es auch in Zschopau eine Außenstelle für die Spielzeugproduktion, die später an Theodor Heymann nach Großolbersdorf verkauft und dort bis 1914 weitergeführt wurde. Schmidt lehnte die Maschinenproduktion nicht ab, aber er wollte auch mit Maschinen Qualität herstellen, wozu er gut ausgebildete Arbeiter brauchte. Die hygienischen und Arbeitsschutzbedingungen seiner Firmen sollen vorbildlich gewesen sein. Für die Entwürfe seiner in Serie produzierten "Maschinenmöbel" lud er Künstler und Kunsthandwerker ein. In einem Offenen Brief an die Künstler hatte er bereits 1898 formuliert: "Wir wollen ... Zimmereinrichtungen ... schaffen, die nicht auf den hohlen Schein berechnet sind und nicht das Reiche und Prächtige mit unzulänglichen Mitteln in unsolider Weise nachahmen ... Wir schaffen Möbel, die so gestaltet sind, dass jedes Hausgerät gerade seinem Zweck aufs Beste dient und seinen Zweck in seiner Form zum Ausdruck bringt." Im Jahr 1907 vereinigte Karl Schmidt seinen Betrieb mit den Münchner Werkstätten für Wohnungseinrichtung. Das neue Unternehmen hieß Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst GmbH Dresden und München. Um die Produktion zu optimieren, wurde ein Fabrikneubau geplant, wobei gleichzeitig die Mitarbeiter motiviert werden sollten, indem sie nahe der Werkstätten unter für damalige Verhältnisse überdurchschnittlich guten Bedingungen wohnten. Deshalb wurde die erste deutsche Gartenstadt Hellerau im Norden von Dresden nach englischem Vorbild gegründet. Die "Illustrierte Zeitschrift für angewandte Kunst" lobte 1911 nicht ohne realistisch-kritischen Unterton: "Den Gartenstadtgedanken durchdrang die rein geschäftliche Überlegung, dass Menschen, die in gesunder Luft, unter geordneten Verhältnissen wohnen, die verlangte Qualitätsarbeit würden besser leisten können." Und damit auf lange Sicht auch dem Kapitalismus erhalten blieben, wie später linke Kritiker zu bedenken gaben.

Karl Schmidt war auch ein entschiedener Befürworter der Typisierung, was ihm 1927 die Kritik des Nationalökonomen Werner Sombart einbrachte, "der bekannte 'Typen-Schmidt' in Hellerau" träume "von dem einen Weltstuhl". Dennoch: Karl Schmidt war für seine Zeit nicht nur ein umtriebiger, fortschrittlicher Unternehmer, sondern auch ein fleißiger Netzwerker. Deshalb wurde er Gründungsmitglied des 1907 von Hermann Muthesius, auch Mitinitiator der Gartenstadt Hellerau, Henry van de Velde und dem liberalen Politiker Friedrich Naumann ins Leben gerufenen Deutschen Werkbunds. Der war eine wirtschaftskulturelle "Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen", sein Zweck "die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen." Auch der Schöngeist und Schriftsteller Hermann Hesse lobte den Werkbund 1912: "Im Deutschen Werkbund arbeiten Künstler mit Handwerkern und Fabrikanten zusammen, und zwar gegen den Schund zugunsten der Qualitätsarbeit", übersah aber nicht: "Es handelt sich um den Geschmack als moralische Angelegenheit, aber Moral ist hier gleichbedeutend mit Volkswirtschaft."

Die Wissenschaftlerin Else Meißner (1887 -1972) schrieb über Karl Schmidt, der ab 1938 den Namen Schmidt-Hellerau tragen durfte, er sei "einer der Gründer und regsten Förderer des Werkbundes, und es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, dass der Gedanke des Zusammenarbeitens von Künstler und Unternehmer, den der Werkbund befürwortet, von ihm zuerst klar durchdacht, in die Tat umgesetzt und dann als Grundgedanke in die Arbeit des Werkbundes hineingetragen worden ist."

In manchen Gedanken war Schmidt jedoch seiner Zeit weit voraus - wenn er etwa seine Vorstellungen von - heute würden wir sagen: ökologischer Nachhaltigkeit bei der Produktion im Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1912 so formulierte: "Es ist merkwürdig, wie schwer die einfache Tatsache begriffen wird, nämlich, dass das Rohmaterial - und mit ihm natürlich auch der daraus hergestellte Gegenstand - am billigsten bleibt, wenn es gut und gewissenhaft verarbeitet wird. Wenn wir Holz zu Schundmöbeln verarbeiten ..., versündigen wir uns an einem Naturprodukt. Die Erde gibt Rohmaterialien nur in beschränkten Mengen her. Verbrauchen wir so viel Material als die Erde jährlich wachsen lässt, so werden wir für die Materialien einen mäßigen Normalpreis haben; könnten wir weniger verarbeiten, so würde durch starkes Angebot der Preis sinken; verbrauchen wir aber mehr, so steigt der Preis im Verhältnis des Mehrverbrauchs. Nicht allein, dass wir damit die Güter verteuern, sondern wir leben auch auf Kosten unserer Kinder und Enkel. Es ist eine Sünde und Schande, so zu verfahren."

Eine Verbindung zwischen Karl Schmidts Ideen, Deutschen Werkstätten, Deutschem Werkbund und dem späteren Bauhaus gab es unter anderem durch Walter Gropius. Er war schon vor dem Ersten Weltkrieg Mitglied des Werkbundes, arbeitete später als Bauhausdirektor auch mit dem Verein zusammen. Das Bauhaus nahm viele Ideen des Werkbundes auf, um sie konsequent weiterzuentwickeln.

Der Werkbund, dessen Geschäftsführer und Vorstandsmitglied von 1918 bis 1933 der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss war, wurde 1933 von den Nazis gleichgeschaltet, 1947/50 unter demokratischen Vorzeichen neu gegründet. Er existiert bis heute. Auch die Deutschen Werkstätten Hellerau gibt es noch - oder wieder. In der Nazizeit produzierten sie auch für die Rüstung. Dafür wurde der Betrieb nach dem Krieg für Reparationen herangezogen, Karl Schmidt durfte das Betriebsgelände nicht mehr betreten. Er starb 1948 und erlebte so die Verstaatlichung 1951 zum VEB Deutsche Werkstätten Hellerau nicht mehr. Für kurze Zeit kamen sogar Bauhaus und Deutsche Werkstätten doch noch enger zusammen. Einige Bauhauslehrer und -schüler wie Mart Stam, Selman Selmanagic, Herbert Hirche und Franz Ehrlich siedelten in die sowjetische Besatzungszone beziehungsweise in die DDR über und arbeiteten auch in Hellerau. Ein Grund dafür, warum manche Bauhaus-Maxime sich in der DDR-Formgestaltung und Architektur wiederfand. Heute stellen die Deutschen Werkstätten hochwertige Innenausstattungen her - in Umkehrung des Bauhauscredo von Hannes Meyer produzieren sie Luxusbedarf statt Volksbedarf.

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