Der italienische Franzose

Seit den 40er-Jahren eroberte Serge Reggiani die Herzen der Franzosen als Leinwandheld, seit den 60ern dann als überaus erfolgreicher Chansonnier. In Deutschland hingegen ist er weit weniger bekannt. Wie kommt das?

Der Platz wird knapp zwischen den Gräbern in der 9. Abteilung des Friedhofs von Montparnasse an jenem Dienstag im Juli des Jahres 2004. Zahllose Menschen sind auf den Beinen an jenem Sommertag in Paris, um einem der ganz Großen des französischen Chansons bei dessen Beisetzung die letzte Ehre zu erweisen: Vier Tage zuvor, am 23. Juli, ist der italo-französische Schauspieler und Sänger Serge Reggiani im Alter von 82 Jahren gestorben.

Die erste Weichenstellung zu seiner Karriere erfolgt unbewusst bereits 1930, als der am 2. Mai 1922 in der norditalienischen Provinz Emilia-Romagna geborene Sergio gerade acht Jahre alt ist. Da beschließen seine Eltern, einfache Leute, dem von den Faschisten unter Benito Mussolini mit zusehends härterer Hand regierten Italien den Rücken zu kehren und nach Frankreich auszuwandern. Dort schickt der 13-Jährige sich zunächst an, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und lernt bei ihm den Beruf des Friseurs. Bis den Teenager eine Annonce des Conservatoire des Arts Cinematographiques in Paris, wo die Familie inzwischen lebt, umstimmt. Er will Schauspieler werden. Vorbelastet ist er: Bereits des Öfteren hat er als Statist Bühnenluft geschnuppert, und trägt regelmäßig mit einem Freund vor Gästen der Bistros seines Arrondissements Sketche und Gedichte vor. Erste Erfolge stellen sich bald ein. 1938, gerade 16 Jahre alt, nimmt er an seiner Schauspielschule einen 1.Preis für Komödie entgegen. Nach weiteren Stationen in Belgien und Paris startet er eine Film- und Bühnenkarriere, muss jedoch gegen Ende des Krieges im besetzten Frankreich, von Zwangsarbeit in Deutschland und Wehrpflicht in Italien bedroht, zeitweise untertauchen.

Seine erste direkte Begegnung mit der Welt des Chansons dürften 1945 die Dreharbeiten zum Film "Stern ohne Licht" an der Seite von Édith Piaf gewesen sein. Im selben Jahr verkörpert er, nunmehr französischer Staatsbürger, auf der Leinwand François Villon. Zahllose weitere Hauptrollen folgen. Er steht mit Yves Montand und Simone Signoret vor der Kamera. Allein in den 50er-Jahren wirkt er in 23 Filmen mit und spielt nebenher Theater.

Im Haus von Simone Signoret und Yves Montand, die seit 1951 verheiratet sind, begegnet Serge Reggiani 1963 bei einem Abendessen einem Mann, der sein Künstlerleben um eine neue Facette bereichern wird: Jacques Canetti, Musikproduzent mit jüdisch-bulgarischen Wurzeln. Der Jazzfan, der bereits rund 30Jahre zuvor Charles Trénet und der Piaf zum Durchbruch verholfen hat, macht dem 40-Jährigen, der bereits 1958 folgenlos ein paar Chansons für eine Radiosendung eingesungen hat, ein Plattenprojekt schmackhaft. Binnen acht Monaten aufgezeichnet, wird Reggianis Debütalbum mit Chansons des Jazzers und Poeten Boris Vian 1965 auf Anhieb ein Erfolg - und weckt zugleich das Interesse einer Kollegin: Barbara.

Die bereits seit 1961 mit Liedern von Georges Brassens und Jacques Brel, schließlich mit eigenen Werken überaus erfolgreiche Chansonnière engagiert ihn fürs Vorprogramm ihrer Recitals im Pariser Bobino-Theater und die sich anschließende Live-Tournee. Sie ermutigt ihn und hilft ihm, gesanglich und stimmlich weiter an sich zu arbeiten und seine Eigenschaften als natürlicher Bariton fortzuentwickeln. Aus der künstlerischen Kooperation wird mehr: Barbara und der in zweiter Ehe verheiratete Vater von fünf Kindern gehen eine diskrete Liaison ein, die zwei Jahre hält und erst 2010 öffentlich bekannt wird.

Während dieser Zeit folgt das zweite Album, "Serge Reggiani", etwa mit Boris Vians legendärem, von Wolf Biermann ins Deutsche übersetzten "Le Déserteur" und weiteren Liedern von Vian, Louis Bessières und Albert Vidalie. Darunter sein früher Klassiker, "Les loups sont entrés dans Paris" - "Die Wölfe sind in Paris eingedrungen" - ein bedrohlicher Marsch, der die deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg thematisiert. Die LP findet auch in Deutschland Beachtung. Im politisch heißen Mai 1968 lokalisiert ein Kritiker des "Spiegel" Reggiani "in der humanen Mitte zwischen Wehleidigkeit und Aufruhrgeste", wovon sich "nicht die rebellischen Jungen, sondern die strapazierten Erwachsenen" verstanden fühlten. Ein großer Satz folgt: "Reggianis Chanson-Interpretationen profitieren entschieden von Reggianis Schauspieler-Vergangenheit."

Zwar übersieht der Autor, dass diese Vergangenheit höchst gegenwärtig ist. Sie wird den Künstler sein Leben lang weiter begleiten. Von der Theaterbühne wechselt er zwar auf das Konzertpodium. In Film und Fernsehen bleibt er indes so präsent wie vor seiner Zeit als Chansonnier. Aber ja, so ist es: Seine klare, angenehme Stimme, sein wohldosiertes Vibrato, sein Timbre, sein breites Ausdrucksspektrum von Tragik bis Komik verdankt Reggiani neben Barbaras segensreichem Einfluss seiner Schauspielkunst. Frappierend ist sein natürliches Talent für Phrasierung, fürs musikalische Timing, das Setzen von Akzenten angesichts des Umstands, dass er nie klassischen Gesangsunterricht hatte.

Dieses Können verlangt freilich nach Texten, die mehr bieten als Herz-Schmerz-Rhetorik. Er covert Lieder wie "Ma solitude" und "Ma liberté" von Georges Moustaki, stellt manch ihm auf den Leib geschriebenem Chanson ein rezitiertes Gedicht voran - von Arthur Rimbaud, Guillaume Apollinaire oder Charles Baudelaire. Eine Fußnote: Mit Letzterem wird er später ebenso den Friedhof teilen wie mit seinen Zeitgenossen Serge Gainsbourg, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

"Wir alle haben in den 70ern davon geträumt, für Reggiani zu schreiben" erinnert sich der Texter Claude Lemesle: "Er hat den Texten seiner Autoren eine Kraft, einen Atem, eine Beseeltheit verliehen, die mit nichts vergleichbar waren." Sein Themenspektrum ist breit. Natürlich spielt das Zwischenmenschliche eine Rolle - eine niveauvolle. Sonst ist der mit 1,70 Metern nicht eben hochgewachsene Sänger mit rundem Gesicht, kurzem, schwarzem Haar und Dackelblick bei aller Komik oft politisch relevant, wie in Boris Vians "Le Java des bombes atomiques" über einen Hobby-Atombombenbauer, der versucht, politisch Einfluss zu nehmen. Oft ist er auf hoffnungsvolle Art melancholisch, wie in "Votre fille a vingt ans", einem Lied an die Mutter einer Zwanzigjährigen, in dem er so nüchtern wie liebevoll eine Zwischenbilanz ihres Lebens zieht. In "Il suffirait de presque rien" sinniert er in sehr zwanglosem Duktus über die Vergeblichkeit der Beziehung eines Mannes zu einer erheblich jüngeren Frau. Im anrührenden "Les mensonges d'un père à son fils" stellt er als liebender Vater im Gespräch mit seinem Sohn wie aus Trotz all die Enttäuschungen und Niederlagen in Abrede, die einen Mann im Leben erwarten - und nennt sich am Ende selbst einen Lügner. "L'Italien" ist ein Monolog des späten Heimkehrers, dem niemand die Türe öffnet und deutet die Zerrissenheit des zwei Nationen - und mithin keiner richtig - Zugehörigen an. Ein Lied, das auf seiner einzigen, 1972 erscheinenden italienischsprachigen LP, wie das Album selbst, konsequent den Titel "IlFrancese" trägt. Seine Muttersprache bleibt neben Französisch die einzige, in der er singt. Wohl die Hauptursache dafür, dass Reggiani in Deutschland bis heute als nur Geheimtipp gilt und hier nie die Popularität erlangt hat wie etwa Charles Aznavour, der auch deutsch gesungen hat. Die Deutschen backen sich eben ihre musikalischen Berufsrussen, -italiener, -griechen und -franzosen am liebsten selbst, und dann sollen sie Deutsch singen. Ihr mitunter respektables muttersprachliches Repertoire, so es das gibt und man sie in ihrer Heimat überhaupt kennt, fällt hier gern unter den Tisch.

Abgesehen davon, dass allein die Texte seiner Lieder es wert wären, Französisch zu lernen: Es ist seine Kunst und die seiner Liedschreiber, darunter Komponisten wie Alain Goraguer und Jacques Datin, dass man trotz rudimentärer Sprachkenntnisse anhand des Vortrags, der Musik oder einiger Schlüsselwörter heraushört, wovon seine Lieder handeln. Sie rühren an in ihrer Melange aus Lakonik, Pathos, Optimismus, Zorn, Witz und Ehrlichkeit. Rund 20Studioalben mit etwa 240 Chansons entstehen - eine Fundgrube, die bei allen Anklängen an musikalische Moden, die Reggiani streift, stets seinen ganz eigenen Stil atmen.

Und man hört Reggiani und seine Stimme älter werden, weicher. Einer der letzten Titel, die er aufnimmt, im Jahre 2000, ist "Le Temps qui reste" - "Die Zeit, die bleibt". In dem kraftvollen Sprechgesang-Chanson heißt es: "J'ai pas fini, j'ai pas fini. Je veux chanter, je veux parler jusqu'à la fin de ma voix ...": "Ich bin noch nicht fertig, ich bin noch nicht fertig. Ich will singen, ich will sprechen bis zum Ende meiner Stimme ..."

Sie schweigt seit 15 Jahren: "Chapeau, l'Italien! Dein Talent legt mir nahe, an Gott zu glauben, wenn du auch nicht an ihn geglaubt hast", schreibt Lemesle im Booklet zur 2014 erschienenen CD-Gesamtausgabe. Zum 15. Todestag hat Reggianis langjähriges Label Polydor drei Best-of-Alben (20 - 38 - 50 Titel) herausgebracht - Sampler, die ihm in seiner Bandbreite voll gerecht werden. Sie bereichern die Sammlung jedes Freundes des gepflegten Chansons und bleiben dort vielleicht nicht die einzigen Reggiani-Platten.


 

"Le Deserteur" wurde in in den späten 60ern auch dank Serge Reggiani zu einer Hymne der Friedensbewegung.

 


 

"Il suffirait de presque rien" in der Urfassung von 1968 in Extrem-Stereo atmet ganz den Geist der 60er-Jahre.

 


 

"Édith" - ein 1971 entstandenes Chanson für die acht Jahre zuvor verstorbene Édith Piaf. Alles Weitere erklärt das Lied.

 


 

"Ballade pour une gardienne de Musée", beispielhaft für Reggianis Spätphase, vom vorletzten Album, 1999.

 

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