Der mit der Kunst tanzt

Max Pechstein war ein leidenschaftlicher Besucher von Theater, Zirkus und Varieté. Wie sich das auf das bildnerische Werk des Zwickauer Malers und Grafikers auswirkte, zeigt jetzt eine Ausstellung in seiner Geburtsstadt.

Zwickau.

"So ein Körper giebt doch mehr Anregung, als eine Landschaft es zu thun vermag, mir ist es immer wieder Bedürfnis, Akt zu malen oder wenigstens wo ich bin den Bewegungen der Menschen folgen zu können..." - Schon früh in seiner Karriere, mit 27 Jahren, bekannte der Maler Max Pechstein (1881 - 1955) sich in einem Brief an seinen Freund und Kollegen Alexander Gerbig zu diesem wohl anspruchsvollsten Zweig der bildenden Kunst.

Ähnlich wie Pablo Picasso zwischen Künstlern unterschied, die aus der Sonne einen gelben Fleck machen und denen, die aus einem gelben Fleck eine Sonne zaubern, ist es auch hier: Einen Tänzer in Aktion bannt mancher Künstler nur als merkwürdig verrenkte Person aufs Bild, ein Könner lässt ihn auch auf Leinwand oder Papier weitertanzen.

Dass der Zwickauer Max Pechstein zu Letzteren gehörte, führt seit vergangener Woche die Sonderausstellung "Tanz! - Bühne, Parkett, Manege" in den seit nunmehr fünf Jahren seinen Namen tragenden Städtischen Kunstsammlungen seiner Geburtsstadt eindrücklich vor Augen. Als - wie anders - visueller Mensch nutzte Pechstein nach der Übersiedlung nach Berlin das vielfältige Unterhaltungsprogramm der Reichshauptstadt: Revue, Varieté, Zirkus, Ballett, klassischer Schwof in gehobeneren oder einfacheren Milieus. Und sicher auch manch Etablissement, das man vorzugsweise mit hochgeschlagenem Mantelkragen und tiefer ins Gesicht gezogenem Hut betrat und verließ. Babylon Berlin halt. All das Erlebte ließ er in seine Bilderwelten einfließen, weniger als Sozialstudie, wie Heinrich Zille (1858 - 1929) das getan hat, sondern als Feier des Menschen, seines Körpers und dessen Fähigkeiten, nonverbal Gefühle auszudrücken - als Expressionist des Augenblicks, ohne Pinsel, Farbe und Staffelei. Hier fand Pechstein Gleichgesinnte, die er verewigte. Und das flächendeckend in jeglicher Hinsicht. Menschen in Bewegung haben Pechstein nicht nur zeit seines Künstlerlebens motiviert, sondern auch in allen Ausdrucksformen. Die Ausstellung im zum Schutz der Grafiken leicht abgedunkelten Zentralsaal des Max-Pechstein-Museums, der durch verspiegelte Säulen und dunkelblauen Wandanstrich selbst Varieté-Anmutung bekommt, zeigt flüchtig hingeworfene, womöglich noch am Ort des Geschehens entstandene Skizzen, kolorierte Zeichnungen, freistehend oder als Bestandteil von Briefen oder Postkarten, Druckgrafik in Holzschnitt und Aquatinta sowie - selbstredend - Gemälde. Selten lässt sich konkret ausmachen, wen genau Pechstein da ins Bild gesetzt hat. Das einzige namentlich bekannte Beispiel ist Musikclown Grock, aber man darf annehmen, dass Pechstein viele Künstler erlebt hat, deren Namen bis heute zumindest in Fachkreisen einen Klang haben, auf seinen Bildern aber namenlos bleiben. So etwa die Tänzer der "Ballets Russes", mit denen er verschiedene Choreografien Michel Fokines erlebte und verarbeitete. Neben "Scheherazade" nach Nikolai Rimsky-Korsakow und "Cléopatre" nach Anton Arenski auch "Carnaval" nach dem orchestrierten Klavierzyklus eines gewissen Robert Schumann. Eine Begegnung zweier großer Zwickauer. Und, alles in allem, eine Begegnung eines großen Künstlers mit einer spannenden Zeit, in der viele Dinge ausprobiert wurden, ohne die Kultur heute anders aussähe.

In den mehr als 80 Exponaten, deren Zusammenstellung der Kooperation zahlreicher Museen und privater Leihgeber zu danken ist, hängt die Meisterschaft Pechsteins dabei nicht unbedingt vom Aufwand ab, den er treibt. Eine Tänzerin, die er 1911 auf der rechten Fußspitze mit angewinkeltem linken Bein im Postkartenformat farbig skizziert, wirkt in mit wenigen präzisen Strichen frappierend exakt getroffenen anatomischen Proportionen genauso lebendig wie das Paar auf dem um 1920 entstandenen, zwei auf einen Meter großen Gemälde "Zirkusreiter": Ein Artist steht mit je einem Fuß auf den Rücken zweier galoppierender Pferde. Auf seiner Schulter hält die Kollegin mit einem Knie das Gleichgewicht. Körperkontrolle in ungestümer Bewegung - diese Kombination kommt hier in Vollendung zum Ausdruck. Dann auch wieder das Gegenteil in der Manege: Eine Dompteurin im engen Käfigrund mit sieben Löwen. Da sind allzu heftige Bewegungen nicht ratsam. Und auch diese konzentrierte Haltung der von der Physiognomie ihren Tieren nicht unähnlichen "Löwenbändigerin", so der Titel des Bildes, ist in jedem Pinselstrich spürbar. Wie die Anspannung unter den Raubkatzen, ähnlich wie sie Franz Marc gemalt hat. Aber es ist ganz offenbar die Anspannung vor einem großen Kunststück. Nicht nur, dass die Tiere ihre Aufmerksamkeit noch nicht komplett auf die Dompteurin richten. Das Publikum sieht ebenfalls ganz woanders hin.

Die Ausstellung "Tanz!" verdient allemal mehr Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt ist sie in ihrer Fokussiertheit auf diesen wesentlichen Aspekt in Pechsteins Werk eine Premiere, auch weil sie anschaulich die verschiedenen Phasen im Schaffens dieses Künstlers von der ersten Zeichnung zum Thema bis zum letzten Gemälde, einer Reminiszenz an den Südseeaufenthalt 1914 aus dem Jahr 1951, nachzeichnet. Zugleich liefert sie etwas, ohne das man heute in der Kulturvermittlung nicht mehr auskommt: ein Narrativ, einen Rahmen, der Orientierung und die Möglichkeit zu Zugang und Einordnung auch denen bietet, die keine 16Semester Kunstgeschichtsstudium hinter sich gebracht haben.

Die Ausstellung "Tanz! Bühne, Parkett, Manege" mit Werken Max Pechsteins ist bis 14. Juli dienstags bis sonntags 13 bis 18 Uhr in den Städtischen Kunstsammlungen Zwickau - Max-Pechstein-Museum zu sehen. Ein Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Sonderveranstaltungen begleitet die Ausstellung, zu der auch ein Katalog erschienen ist.

kunstsammlungen-zwickau.de

 

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