Der Müllbeutelverwandler

Ein Engländer kommt ins Erzgebirge und macht Kunst, und zwar aus einem ganz besonderen, alltäglichen Material. "Schmelzungen" von Glenn West sind jetzt in der Villa Salzburg in Dresden zu sehen.

Dresden.

Ein Porträt von Che Guevara. Ernster Blick, halblanges Haar, Mütze mit dem roten Stern. Kennt jeder. Und trotzdem bleiben die Ausstellungsbesucher lange davor stehen. So eindrucksvoll in Öl gemalt hat man die Ikone von Protest und Revolution noch nie gesehen.

In Öl gemalt? Der Eindruck täuscht. Glenn West, der auf einem Sofa unter dem Bild sitzt, sagt: "Es hat für mich keinen Sinn, heute noch mit Ölfarbe zu malen." Wir leben im Plastikzeitalter, ist seine Meinung. Und deshalb schafft er seine Werke aus Plastik, genauer gesagt aus Polyethylen (PET), genauer gesagt aus Müllbeuteln. Zurechtgeschnitten, geschmolzen, wie eine Collage zusammengeklebt. So entstehen abstrakte Werke, die an Sonne oder Wirbelwind erinnern oder blühende Rhododendronbüsche. Das Porträt von Che wiederum ist so fein gearbeitet, als wäre es mit dem Pinsel entstanden. Erst aus der Nähe betrachtet, werden kleine Erhebungen und Löcher sichtbar.

Glenn Robert Ross West, abgekürzt GRR West, 43 Jahre alt, geboren in Leicestershire in England, lebt seit inzwischen zehn Jahren in Annaberg-Buchholz. Ein Ausschnitt seines Schaffens ist jetzt in der Villa Salzburg in Dresden zu sehen.

Ihn reize es, aus einem banalen Alltagsmaterial etwas Neues zu machen, sagt West. In der Villa Salzburg scheinen seine bunten Bilder zwischen Säulen hervor, hängen über Betten, werden von Stehlampen beleuchtet. Die Renaissancevilla beherbergt ein Einrichtungshaus für Wohndesign. "Ich wollte, dass man sieht, wie die Bilder in einem Wohnraum aussehen", erklärt der Künstler.

Er kenne niemanden sonst, der aus Plastiktüten solche Bilder macht. Zwar gibt es zeitgenössische Künstler, die Tüten oder Flaschen aus PET verarbeiten - aber normalerweise so, dass man das Ausgangsmaterial wiedererkennt. Bei Glenn West dagegen verrät nur die Bezeichnung "Schmelzungen", was dahintersteckt. In den 1990er-Jahren begann er, Mülltüten aus Papierkörben in der Uni zu klauen, sehr zum Ärger der Putzfrau. Heute lässt er sich Beutel von überall her mitbringen. Die Farben inspirieren ihn, sagt er und erzählt, wie ihm auf dem Flug nach Barcelona die orangen Müllsäcke auffielen, mit denen die Stewardessen durch die Reihen gingen. Daraus entstand ein Baum mit Orangen in der Firmenfarbe der Fluggesellschaft Easy Jet.

Auf dem Weg zu seinem eigenen Stil hat Glenn West viel ausprobiert. Die Bäume mit den Punktstrukturen erinnern ein wenig an Monet und andere Impressionisten. Mit der Zeit gelang es ihm, gegenständlicher zu arbeiten. Demnächst will er auch gebrauchten Kunststoff wiederverwerten. Doch das bringt neue Herausforderungen: "Plastik nimmt ja Gerüche an. Wobei, es wäre auch interessant, wenn sich jemand ein Bild von mir in die Wohnung hängt und dann riecht es nach Fisch ..."

Glenn West hat aber nicht nur verrückte Ideen, er kann auch ganz klassisch malen und zeichnen. Gelernt hat er es an der Liverpool Art School. Und er ging früh eigene Wege: Er malte große, wild verzierte Rahmen, baute optische Täuschungen ein. Im Jahr 2000 ging er nach Berlin, angezogen von der Kunstszene. Dort brachte die gewissenhafte deutsche Mülltrennung seine Kunststoffkunst voran: "Auf den Bahnsteigen gab es Mülltonnen mit Säcken in verschiedenen Farben. Meine Palette hat sich schlagartig erweitert."

Von Berlin verschlug es ihn der Liebe wegen nach Annaberg-Buchholz. Glenn West lacht: "Alle fragen mich, warum ich als internationaler Künstler dort lebe." Doch er sei inzwischen im Erzgebirge zu Hause, sagt er in seinem eigentümlichen Sprachmischmasch: "I even have a Schrebergarten at the Kleingartenverein Heimaterde." Er brauche die Ruhe zum Arbeiten. Der Irrgarten aus Plastikfolie, den er im Wald am Pöhlberg installierte, kam bei den Erzgebirgern gut an. Dagegen gefielen die Kruzifix-Skulpturen mit Länder-Trikots, die er zur Fußball-WM 2014 schuf, nicht jedem. Damit kann er leben: "Außerdem war das nur eine einmalige Sache." Tatsächlich scheint ihn das Erzgebirge zu inspirieren. Zu den Werken von Glenn West gehört auch eine Serie von quietschbunten Nussknackern. Nicht geschnitzt, sondern kunstvoll zusammengeklebt - aus Müllbeuteln. www.grrwest.com

Die Ausstellung "Meltings" ist bis Ende März 2017 in der Villa Salzburg in Dresden, Tiergartenstraße 8, zu sehen. Sie ist montags bis freitags von 10 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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