Der romantische Expressionist

Die Chemnitzer Galerie Weise zeigt zurzeit leuchtend schöne Aquarelle des 75-jährigen Peter Schettler - von einer Schönheit, die misstrauisch macht, das aber ganz zu Unrecht.

Chemnitz.

"Schöne Bilder zu verkaufen" hieß vor einigen Jahren eine Ausstellung von Osmar Osten - und tatsächlich waren da Bilder zu verkaufen; ob sie auch schön waren, darüber sind die Meinungen sicher auseinandergegangen. Es waren jedenfalls gute Bilder.

In der Chemnitzer Galerie Weise sind jetzt auch schöne Bilder zu sehen: Aquarelle von Peter Schettler aus der jüngeren Vergangenheit, viele erst 2018 gemalt. Und die Bilder sind wirklich schön: Ein stiller "Abend am See", an dem sich die leuchtende, untergehende Sonne im Wasser spiegelt. Auch die Stümpfe abgebrochener Bäume deuten weniger auf Umweltkatastrophen denn auf das ewige Werden und Vergehen in der Natur hin. Gleiches gilt für den "Winterabend", an dem die Sonne bläulichen Schnee und Eis zum Glitzern bringt. Zwar hat sich in der "Landschaft mit Baum" eine Art Abflussrohr an den Feldrand gemogelt - aber selbst dieser Fremdkörper, der auf die Anwesenheit von Menschen deutet, die sonst in Peter Schettlers Bildern kaum noch eine Rolle spielen, trägt hier vor allem zu einer spannenden Bildkomposition bei. Auch der "Ansteigende Weg" führt nicht ins Nirgendwo, nicht in den Himmel und nicht in die Hölle, sondern einfach über einen Berg.

Peter Schettler, 1944 in Pleißa bei Chemnitz geboren, hat zunächst einen Facharbeiterabschluss als Dekorationsmaler erworben, bevor er 1965 bis 1970 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden Malerei studierte und mit dem Diplom abschloss. Er wurde freischaffend, seit 1977 malt er vorwiegend Landschaften, Stillleben und Interieurs. Man kann das durchaus als eine Flucht vor dem damals nach wie vor propagierten "sozialistischen Realismus" deuten.

Peter Schettler ist ein später, ein romantischer Erbe des Expressionismus, der auch von Chemnitz aus seinen Siegeszug antrat. Er verwendet ebenso leuchtende, stark kontrastierende Farben, abstrahiert Formen zu kräftigem Ausdruck. Die Komposition seiner Bilder lebt oft von Linien, die den Blick führen, so ein ganz eigenes Gefühl von Raum und Weite schaffen. Menschen kommen darin kaum mehr vor, und sie sind doch immer latent anwesend - als die Gestalter der Landschaften, als Arrangeure der Stillleben, die Schettler malt. Und es sind eben schöne Bilder - selbst Schornsteine, windschiefe Telegrafenmasten, ein Auto auf rumpeliger Straße, die den Blick stören könnten, wirken nicht als Störenfriede. Schöne Bilder - manchmal machen sie misstrauisch - zu sehr sind wir mit der Hässlichkeit der Welt vertraut, zu sehr wissen wir um die Unzulänglichkeiten des Menschen, seine Vergesslichkeit, seine Feigheit, seine Unmenschlichkeit. Muss man das nicht malen?

Muss man nicht. Die Idylle erscheint in Peter Schettlers Bildern auch gar nicht als Idylle. Das ist seine große Kunst - er malt eine Welt, wie wir sie in den Herzen haben, als Sehnsucht, als Traum, als Utopie in und mit dem Gefühl, dass alles möglich ist - auch das Gute. Er malt eine Welt ohne den Konkurrenzkampf um den größten Profit, um das schnellste Auto, das schönste Gesicht. Eine ferne Welt, ähnlich übrigens wie die gegenstandslosen Fotografien von Johannes Dienerowitz, die er allerdings mit modernster Computertechnik herstellt, und die in kleiner Auswahl ebenfalls gerade in der Galerie Weise zu sehen sind.

Peter Schettlers schönen guten Bildern dieser fernen Welt wohnt eine leise Melancholie inne. "Kann das Schöne traurig sein?" fragt die bulgarisch-französische Philosophin Julia Kristeva, "ist die Schönheit untrennbar mit dem Vergänglichen und damit mit der Trauer verbunden? Oder ist das Schöne das Objekt, das unermüdlich nach Zerstörungen und Kriegen zurückkehrt, um zu bezeugen, dass es ein Überleben nach dem Tod gibt, dass Unsterblichkeit möglich ist?" Besser kann man die Bilder Peter Schettlers nicht beschreiben.

Die Ausstellungen mit Aquarellen von Peter Schettler und Fotoarbeiten von Johannes Dienerowitz sind bis zum 27. April in der Galerie Weise am Rosenhof zu sehen. Geöffnet ist die Galerie montags bis freitags 10 bis 18, samstags 10 bis 16 Uhr. www.galerie-weise.de

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