Der Stoff, aus dem die Träume waren

Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen aus dem reichen Bestand ihrer Sammlung Webereien von Bauhauskünstlerinnen - ein wunderbarer Einblick in die lange unter den Teppich gekehrten Leistungen der Frauen am Bauhaus.

Chemnitz.

Auf diesen Teppichen möchte man gern bleiben - doch dafür sind sie gar nicht immer gemacht. Teilweise ungewöhnlich sind sie gespannt und gehängt in den großen Saal der Kunstsammlungen, die zumeist großformatigen Textilien, die in den 20er-Jahren am Bauhaus oder in Webereien, die vom Bauhaus inspiriert waren, entstanden. Obwohl sie fast 100 Jahre alt sind, wirken sie modern, könnten auch heute Wohnungseinrichtungen schmücken. Zudem sind sie Zeugnisse fantasie- und hingebungsvoller Handarbeit. Und sie sind der Stoff, aus dem die Träume der Bauhäuslerinnen von einer neuen Gesellschaft mit ebenfalls neuen künstlerischen Auffassungen und einer in neuen Formen gestalteten Ausstattung waren. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Frauen "entgegen des anfänglichen Anspruchs des Meisterrats, die Fächerwahl unabhängig von Alter und Geschlecht zuzulassen - sehr früh in die Weberei 'verbannt'" wurden, wie der Generaldirektor der Kunstsammlungen Frédéric Bußmann im Katalog zu der von Antje Neumann-Golle und Katharina Metz kuratierten Ausstellung ins Gedächtnis ruft.

Die Teppiche und Stoffe stammen von Künstlerinnen, die selbst am Bauhaus arbeiteten oder nach ihrer Zeit am Bauhaus andere Werkstätten in dessen Sinne beeinflussten. Da ist der leuchtend gelbe Bezugsstoff "Pfauenauge" von Gunta Stölzl-Stadler, der einzigen Jungmeisterin am Bauhaus, die den Stil der Bauhausstoffe wesentlich prägte. Eine Diwandecke aus dem Jahr 1929 - 14 Farben in verschieden breiten, teilweise verstärkten und so einen räumlichen Eindruck erzeugenden Streifen angeordnet, bleibt namenlos - das Bauhaus sollte als Marke bekannt gemacht werden, die Schöpferinnen wurden unterschlagen. Nicht so bei der Flügeldecke von Gertrud Arndt aus dem Jahr 1927 und dem Kinderzimmerteppich von Otti Berger aus dem Jahr 1929, die verspielt und farbenfroh wirken. Otti Berger starb 1944 im NS-Konzentrationslager Auschwitz. Aufwendig und kleinteilig ist ein Wandbehang aus der Hand von Benita Koch-Otte. Zu sehen sind Stoffe, die die abstrakt-geometrischen Gestaltungsprinzipien des Bauhauses relativ streng aufgreifen, aber auch Arbeiten mit figürlichen Elementen wie etwa der Wandbehang "Rotes Reh" von Else Mögelin.

Die Ausstellung erinnert an die mutige Ankaufspolitik der Kunstsammlungen in fernerer Vergangenheit und an großzügige Schenkungen in der jüngeren, die unter anderem durch Ausstellungen unter der Ägide von Direktorin Ingrid Mössinger angeregt wurden.

Ergänzt wird die textile Schau durch Druckgrafiken von Bauhauskünstlern wie die berühmte "Kathedrale", oft auch "Kathedrale des Sozialismus" genannt, von Lyonel Feininger für das erste Bauhaus-Manifest, und Grafiken aus Bauhaus-Mappen, auch mit Arbeiten von weniger bekannten Künstlern wie Max Burchartz, Carlo Mense, Jacoba von Heemskerck und Bernhard Hoetger. Eine Mappe "Neue Europäische Graphik" war 1922 vom damaligen Direktor des Chemnitzer Städtischen Museums Friedrich Schreiber-Weigand erworben worden, wurde jedoch 1937 als "Entartete Kunst" beschlagnahmt. Durch eine Schenkung kamen zwei adäquate Blätter von Lyonel Feininger wieder in den Bestand der Kunstsammlungen - auch sie sind zu sehen.

Gezeigt werden darüber hinaus auch zehn Fotografien von Marianne Brandt aus ihrer Dessauer Zeit, die nicht nur ihr fotografisches Können unterstreichen, sondern in ihren experimentellen Selbstporträts fast schon die Tragik ihres Lebens vorwegnehmen: von der selbstbewussten, experimentierfreudigen zur fast vergessenen Bauhauskünstlerin, die den Betrachter fragend und nachdenklich anblickt. Schön, dass sie auch mit dieser Ausstellung wieder ins Bewusstsein der Stadt gerückt wird. Zudem demonstrieren die Kunstsammlungen einmal mehr, über welch einzigartigen und reichen Schatz sie im Allgemeinen und mit ihrer, bisher nur sporadisch gezeigten Textilsammlung im Besonderen auch aus der Angewandten Kunst verfügen.

Eine Hommage an den 2018 verstorbenen konkreten Künstler Karl-Heinz Adler vervollständigt den aktuellen Ausstellungsmarathon.

Die Ausstellung "Bauhaus. Textil und Grafik" ist bis zum 4. August, die Hommage an Karl-Heinz-Adler bis zum 11. August in den Städtischen Kunstsammlungen (dienstags und donnerstags bis sonntags 11 bis 18, mittwochs 14 bis 21 Uhr zu sehen.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

 

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