Der Superunbekannte

Die klangvollste Stimme des Grunge ist verstummt: Chris Cornell, nach Kurt Cobain wichtigster Frontmann der Untergrund-Rock-Revolution in den 90ern, ist gestern im Alter von 52 Jahren gestorben.

Seattle.

Hätte sie gekonnt, wäre die Sonne gestern Morgen wohl schwarz aufgegangen: Chris Cornell, Sänger der wegweisenden amerikanischen Bands Soundgarden und Audioslave, verstarb in der Nacht zu gestern plötzlich und unerwartet in Detroit. Lange hatte man sich um den Mann, der Kurt Cobain in magisch zurückgezogener Ausstrahlung wie auch in depressiver Grundstimmung nicht nachstand, wirklich Sorgen gemacht, und lange kämpfte Cornell gegen seine Drogen- und Alkoholsucht. Doch nach einem finsteren Absturz inklusive Konzertabsagen und Scheidung schien er vor etwa zehn Jahren die Schlacht gegen seine Dämonen gewonnen zu haben: Er heiratete neu, wurde zwei weitere Male Vater und lebte skandalfrei, lieferte als einer der wenigen Grunge-Stars weiterhin starke, bewegende Musik. Ja, man meinte darauf bauen zu können, mit ihm und Soundgarden neben Pearl Jam, der anderen letzten großen Heldenband dieser Zeit, den Pioniergeist der 90er wenigstens noch für eine Weile sicher zu haben.

Entsprechend plötzlich hat Chris Cornell die große Rockbühne nun verlassen: Als die Nachricht zu seinem Tod über alle Kanäle flickerte, war sein letzter Tweet gerade einmal acht Stunden alt und das Konzert in Detroit, im Rahmen der aktuellen ausgedehnten Soundgarden-Tour durch die USA, gerade beendet. Und doch folgte er seinen einstigen Wegbegleitern Layne Staley (Alice in Chains) und vor allem Nirvanas Kurt Cobain. Beide kamen aus Seattle und waren der Grund dafür, dass diese Stadt an der amerikanischen Westküste Anfang der 90er für eine der umwälzendsten Bewegungen in der Rockgeschichte stehen sollte. "Grunge" nannte sich das Phänomen - eine Stilrichtung, die metallischen Hardrock mit Mitteln der Punk- und Songwriterbewegung neu erdete. Der hochpolierte, von Plattenfirmen immer glänzender verbastelte Stadion-Rock à la Bon Jovi war mit dieser Welle über Nacht tot - Grunge prägte einen Sound, der besser zur Mauerfall-Generation passte. Cobain steht mit Nirvana und dem Album "Nevermind" symbolisch für diese Entwicklung - Cornell war jedoch früher da. Bereits 1988 veröffentlichte er mit Soundgarden das Debüt "Ultramega OK", ein Jahr später folge "Louder Than Love". Das dritte Album "Badmotorfinger" erschien 1991 kurz nach "Nevermind" - Soundgarden hatte daher neben anderen Grunge-Startern wie Alice In Chains oder Pearl Jam einen Sonderstatus inne. Zum einen waren sie die erste kommerziell erfolgreiche Band des Genres, die noch dazu bei einer großen Plattenfirma anheuerte, was in der untergrund-verwurzelten Szene dem "Ausverkaufs-Hochverrat" nahe kam. Zum anderen stach der Sound als stets Rock-verbunden hervor. Es gibt Videos, auf denen Kurt Cobain sich über den Gesang des 1964 geborenen Cornell lustig macht: Nirvana stand immer mehr für die ruppige, punkige Seite des Grunge - Soundgarden hantierte mit Elementen aus Metal und Psychedelic mit einem gehörigen Schuss Led Zeppelin, der der Band auch außerhalb der eher schrammeligen Grunge-Gemeinde Respekt verschaffte. Woran Cornell gehörigen Anteil hatte: Seine samtig-rauchige, meisterlich beherrschte Vier-Oktaven-Kraftstimme hatte stets wenig gemein mit dem Kratzgesang anderer Grunger.

Von Anfang an wurde die Band mit Grammy-Nominierungen versehen, und nachdem die ersten beiden Alben sie im Untergrund bekannt gemacht hatten, toppte "Badmotorfinger" die Chartspitzen. Der große Coup kam dann 1994 mit dem ironischen "Superunknown". Bis heute verkauften Soundgarden 30 Millionen Alben, Songs wie "Black Hole Sun", "Spoonman" oder "Outshined" sind Hymnen der Generation, die damals in zerrissenen Jeans und Karohemden Halt in einer turbulenten Welt fanden. Dass die Band in der allgemeinen Wahrnehmung immer im Schatten von Nirvana stand, liegt indes an ihrem fehlenden Pop-Appeal: Cobain hatte bei aller zur Schau gestellten Verweigerungshaltung ein Händchen für knackig-simple Hits - Soundgarden waren da sperriger, kunstvoller, verweigerten dem Nebenbeihörer den Zugang.

Deswegen kam mit dem Ende des Grunge für Cornell auch kein künstlerischer Absturz - er war nicht genrefixiert. Ab 1997, während der Pause von Soundgarden, widmete er sich seiner Solokarriere und steuerte 2006 auf deren Höhepunkt mit "You Know My Name" den Titelsong des James-Bond-Films "Casino Royale" bei. Wenige Jahre zuvor hatte der Sänger mit Audioslave noch eine der wenigen letzten Supergroups der Nuller gegründet und veröffentlichte zwischen 2001 und 2007 gemeinsam mit den drei Mitgliedern von Rage Against The Machine drei erfolgreiche Alben, die allesamt an die Chartspitzen schnellten. Mit der Reunion von Soundgarden im Jahr 2010 kehrten noch einmal die Kraft und Wucht der einstmals gefeierten Grunge-Idole zurück und brachten 2012 das Comeback-Album "King Animal" zurück auf Tour.

Kurz nach Mittwochmitternacht wurde Chris Cornell leblos im Badezimmer seines Hotels gefunden. Über die Todesursache war gestern zu Redaktionsschluss noch nichts bekannt. "Wir untersuchen den Fall als Verdacht auf Selbstmord", sagte ein Sprecher der Polizei in Detroit: "Das entspricht unserer Prozedur".

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