"Der Typ ist ganz bei sich"

Schauspieler Henning Baum über die Kinorolle als "Der letzte Bulle", seine vogtländische Herkunft, Parallelen ins Ruhrgebiet, rohe Sprache und den Luxus eines Gewissens

In den 60 Episoden der Fernsehserie "Der letzte Bulle" verkörperte Schauspieler Henning Baum den Ruhrpott-Cop Mick Brisgau, der nach einem Kopfschuss 20 Jahre im Koma lag. Nach seinem Erwachen wurde das sympathische Raubein mit der Tatsache konfrontiert, dass sich sein berufliches und privates Umfeld erheblich verändert haben - doch wieder im Polizeidienst führen Micks althergebrachte Methoden immer noch zum Erfolg. Nun darf der unkonventionelle Macho auch im Breitwand-Format ermitteln: Unter der Regie von Peter Thorwarth kommt "Der letzte Bulle" nächste Woche in die Kinos. André Wesche hat mit Hauptdarsteller Henning Baum gesprochen.

Freie Presse: Herr Baum, wie war es, Mick Brisgau nach vier Jahren wiederzubegegnen?

Henning Baum: Eine große Freude. Ich habe diesen Charakter vor elf Jahren aus dem Rohmaterial herausgemeißelt, das andere schon gut angelegt hatten. Diese Figur macht mir wahrscheinlich von allen den meisten Spaß. Mick Brisgau ist ein wahrhaftiger Typ, ganz bei sich. Durch sein Koma wurde er um einen Großteil seines Lebens beraubt. Nach diesem großen Verlust muss er sich zurückkämpfen. Er tut das ohne Bitterkeit. Er hätte ja allen Grund, voller Zorn zu sein. Das ist er aber nicht. Er nimmt die Herausforderung an, die ihm sein Leben stellt. Und er meistert sie, so gut es geht, ohne Hass und ohne Angst. Deshalb identifiziert man sich so gern mit ihm.

Im Kinofilm ist vieles beim Alten, aber auch etliches neu. Hatten Sie ein Mitspracherecht?

Das habe ich grundsätzlich. Peter Thorwarth hat den Stoff als Autor noch mal durchdacht und bearbeitet. Ihm sind neue Sachen eingefallen, die ich sehr begrüßt habe. Peter und ich kennen uns seit 20 Jahren, er ist wie ich im Ruhrgebiet verwurzelt und mag die Menschen dort. Er war nie abgehoben und schreibt lebensnahe Figuren. Diese Menschlichkeit fließt in die Geschichte ein. Mick Brisgau ist ganz der Alte, wie wir ihn immer gekannt haben. Ich selbst bin natürlich fünf Jahre älter geworden und ich glaube und hoffe, dass ich als Schauspieler nicht stehengeblieben bin. Das Leben ist mich auf eine bestimmte Art und Weise angegangen, ich habe das verarbeitet und nun fließt es in meine Rollen ein.

Haben Sie selbst eine Macho- Seite?

Ich kann mit dem Begriff "Macho" immer gar nicht so viel anfangen. Er hat ja eine negative Konnotation. Ich kann für mich sagen, dass ich Männer und Frauen ganz klar anders sehe. Sie unterscheiden sich für mich. Ich folge nicht dem allgemeinen Trend, dass die Geschlechter sich immer mehr angleichen. Es gibt die Annahme, das sei etwas Gutes. Gut ist, wenn die Gehälter sich angleichen, denn da herrscht Ungerechtigkeit. Aber in ihrer ureigensten Qualität sollten sich Männer und Frauen ihrer Unterschiede bewusst sein. Diese Unterschiede gehören nicht abgeschliffen. Man sollte sich in dieser Unterschiedlichkeit begegnen und das jeweils andere als Bereicherung annehmen. Ich habe erst neulich wieder in der Zeitung gelesen, dass die Angleichung der Geschlechter ein erstrebenswertes Ziel sei. Da hatte ich erst die Vermutung, der Autor hätte sich vertan. Vielleicht meinte er ja die Gleichstellung, das ist ja etwas ganz anderes. Die Angleichung der Geschlechter halte ich für einen Fehler. Ich selbst werde diesen Pfad nicht beschreiten. Er entspringt einem Geist, der nicht akzeptieren möchte, dass es Unterschiede gibt, die von der Natur oder von Gott gewollt sind. Die Geschlechter kommen mit unterschiedlichen Qualitäten daher.

Was macht für Sie den besonderen Charme von Essen und dem Ruhrgebiet aus?

Es ist meine Heimat. Aber nehmen wir einmal an, ich wäre im Vogtland geboren, wo ein großer Teil meiner Familie herkommt. Und dann wäre ich ins Ruhrgebiet gekommen. Ich glaube, ich hätte dort keine Anschlussschwierigkeiten gehabt. Die Leute, die ich aus meiner Verwandtschaft im Vogtland kenne, sind alle sehr geradeaus gewesen. Sie hatten immer einen verschmitzten Witz und man wurde auch gern auf den Arm genommen, ein bisschen verarscht. Das ist auch für das Ruhrgebiet ganz typisch.

Inwiefern?

Möglicherweise hat das etwas mit der Arbeit zu tun. Viele meiner Vorfahren haben auch im Bergbau gearbeitet, bloß eben im Erzgebirge. Diese harte Arbeit hat sie geprägt, sie haben entbehrungsreich gelebt. Teilweise haben sie zwei Weltkriege überstanden. Die Menschen hier und dort sind sich nicht unähnlich, trotz 500 Kilometer Ost-West dazwischen. Das Ruhrgebiet ist der größte Ballungsraum Europas, trotzdem hat es nie diese Ausprägung des Urbanen gehabt wie Berlin oder München. Es ist immer bodenständig geblieben.

Sie haben für Ihre Rolle als "letzter Bulle" den "GdP-Stern" der Polizeigewerkschaft erhalten. Was bedeutet Ihnen das?

Das war eine sehr interessante Auszeichnung. Mick Brisgau - das habe ich damals auch gesagt - zeichnet sich für mich als Polizist gerade dadurch aus, dass er sich häufig nicht an die offiziellen Vorschriften aus dem Handbuch der Polizei hält. Er wägt sehr schnell ab zwischen dem, was Vorschrift ist und dem, was seiner Ansicht nach richtig ist. In einem Film funktioniert das sehr gut. In der Wirklichkeit käme man damit sehr schnell in schwieriges Fahrwasser. Mick Brisgau richtet sich eher danach, was er von seinem Gewissen her richtig findet. Ich würde diesen altmodischen Begriff des Gewissens hier anwenden, denn es leitet Mick Brisgau. Er sieht eine universelle Notwendigkeit, gegen das Schlechte und das Böse vorzugehen. Natürlich macht er auch Fehler und er schießt über das Ziel hinaus. Aber es ist dieses Gewissen, das ihn dann auch wieder einfängt.

Heute werden immer häufiger Angriffe auf Polizisten, aber auch auf Feuerwehrleute und Sanitäter verzeichnet. Sehen Sie eine Verrohung der Gesellschaft?

Die ist tatsächlich zu beobachten. Sie fängt aber schon vorher an, wenn ich beobachte, welche Sprache im öffentlichen Raum angewandt wird. Gerade Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen darauf achten, dass sie beim Gebrauch ihrer Worte das Maß einhalten. Auch wenn sie eine politische Aussage treffen wollen, die ihrer Haltung entspricht, müssen sie zivilisiert bleiben. Wenn von Politikern und Prominenten eine Sprache ausgeht, die verroht ist und beispielsweise einen anderen Menschen zum Objekt degradiert, dann sickert das eben allmählich in die Menschen ein. Dieser Verantwortung müssen sich alle bewusst sein, die öffentlich sprechen. Ich bin sehr dafür, dass wir im politischen Disput miteinander streiten, dass wir unterschiedliche Ansichten artikulieren und unser Gegenüber auch anhören. Das ist wichtig, damit unsere Demokratie stark bleibt und nicht verwässert.

Dann ist da noch die Verrohung der Sprache, die in den sozialen Medien stattfindet.

Genau! Dort findet eine Art der unflätigen Beschimpfung statt, die jegliches Maß verloren hat. Die Menschen meinen, dass sie in sozialen Medien anonym sind und einfach irgendetwas in die Tasten hauen können. Das gab es früher als technisches Mittel nicht. Niemand hätte den schändlichen Rufer gehört. Wer die sozialen Medien nutzt, muss lernen, sich selbst zu disziplinieren. Auch ich, Henning Baum. Wir müssen uns klarmachen, was für eine Wirkung unsere Worte haben. Wir schwächen nicht nur unsere Umwelt, wir schwächen vor allem uns selbst, wenn wir Hass, Zorn und Angst in uns hineinlassen und uns davon bestimmen lassen. Wenn unsere Sprache dem dann folgt, kommt es zu Beschimpfungen der schlimmsten Art. Wir müssen lernen, uns zu bezwingen und nicht aus einem negativen Impuls heraus irgendetwas in die Tasten zu hämmern. Ich glaube auch, dass das Gesetz hier angepasst werden muss. Die Schmutzigkeit der Sprache ist das, was der bösen Tat vorangeht. Die Gewalt gegen Polizisten oder Rettungssanitäter und Feuerwehrleute ist der nächste Schritt. Erst wird Angst gesät. Sie kriecht in die Menschen hinein und erzeugt Hass. Und aus diesem Hass heraus kann Gewalt entstehen. Ich kann nur sagen, Leute, lasst euch keine Angst einjagen, von wem auch immer. Ich glaube fest daran, dass die Menschen in Deutschland stark sein können. Das Volk hat die Kraft, sich der Angst zu widersetzen. Und die Politik darf sich nicht dazu verleiten lassen, die Angst für einen politischen Zweck zu instrumentalisieren. Das geht sehr einfach. Wir stehen vor großen Aufgaben und eigentlich muss genau das andere passieren: Wir müssen uns einig werden. Aber das ist eine Entscheidung, die wir bewusst treffen müssen.

Wie lange nach Ende der Serie wurden Sie auf der Straße noch als Mick angesprochen?

Das ist immer noch so. Ich glaube, dass mich die Menschen stark mit dieser Rolle identifizieren. Die Folgen werden ja heute immer noch gesendet. Neulich habe ich jemanden im Krankenhaus besucht, und sein Zimmernachbar sagte zu mir: "Heute Abend laufen Sie ja wieder im Fernsehen!"

Auch Ihre Komödie "Mein Schwiegervater, der Camper", die am 16. November im Ersten zu sehen ist, spielt wieder in Essen.

Der Film spielt irgendwo im Ruhrgebiet. Wir haben allerdings, ich glaube, das darf ich schon verraten, an der Müritz gedreht, in Mecklenburg-Vorpommern. Ich habe dort wirklich fünf Wochen auf einem Campingplatz gelebt, genau in dem Wohnwagen, den auch meine Figur Hartmut im Film bewohnt hat. Dieses Leben habe ich wirklich sehr genossen, eine tolle Erfahrung. Und auch ein schöner Film.

www.henningbaum.de


Henning Baum 

Am 20. September 1972 kam Henning Baum in Essen zur Welt. Er erlernte sein Handwerk an der "Westfälischen Schauspielschule" in Bochum. Am dortigen Schauspielhaus startete er auch in seine berufliche Karriere. Das Staatstheater Mainz und das Stadttheater Würzburg waren zwischen 1995 und 1999 weitere Stationen. Dort trat Baum in Stücken auf, die von Regisseuren wie Otto Sander oder Detlev Buck in Szene gesetzt wurden.

Seit 1996 steht das Ruhrpott-Original auch vor der Kamera. Im Schimanski-"Tatort" "Rattennest" (1998) war er als Streikposten zu sehen. Es folgten zahlreiche TV-Produktionen wie "Ein Fall für zwei", "Sinan Toprak ist der Unbestechliche" oder "Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei" sowie Auftritte in Kinofilmen von "Mädchen, Mädchen" über "Viktor Vogel - Commercial Man" bis hin zu "Die Klasse von '99 - Schule war gestern, Leben ist jetzt".

Die TV-Serie "Mit Herz und Handschellen" (2002 bis 2006), in der Henning Baum den schwulen Kommissar Leo Kraft verkörpert, gilt als sein Durchbruch. Für seine Rolle wurde er als "Bester Schauspieler in einer Serie" mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt. Mit der Serie "Der letzte Bulle" und seiner Figur des Macho-Cops Mick Brisgau konnte der 1,85-Meter-Mann den Erfolg noch toppen. Zwischen 2010 und 2014 wurden fünf Staffeln der Show produziert. Die Serie erlangte nicht nur Kultstatus, sie bescherte ihrem Hauptdarsteller auch die "Romy" als "Beliebtester Seriendarsteller" 2013, die "Goldene Nymphe" als "Bester Darsteller" in der Kategorie TV Serien-Drama beim Internationalen Fernsehfilmfestival Monte Carlo 2012 und den "Bayerischen Fernsehpreis" in der Kategorie "Bester Darsteller/Reihen und Serien" 2011. Einen großen Publikumserfolg feierte der Sportschütze im Vorjahr als Lukas im Kinofilm "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Eine Fortsetzung ist derzeit in Arbeit.

Henning Baum heiratete 2003 die Kostümbildnerin Corinna Baum, die auch Mick Brisgaus Outfits gestaltete. Baum brachte einen Sohn mit in die Ehe, zudem hat das Paar einen weiteren Sohn und eine Tochter. 2017 gingen die Baums getrennte Wege. Bereits ein Jahr vorher hatte die neue Lebensgefährtin Baums eine gemeinsame Tochter zur Welt gebracht. (aws)

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