Der Unangepasste

Er kannte tiefste Erniedrigung und höchste Ehre, musste einst in Lagerhaft, erhielt später den Nobelpreis. Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn wollte die Welt verändern. Heute vor 100 Jahren wurde er geboren.

Moskau.

Über die Zeiten hinweg war Russland, dieses größte Land der Erde, immer wieder eine Welt der Unterdrückung und des Aufbruchs. Das Schriftstellerdasein im alten Russland war eine gefährliche Angelegenheit, eine Fahrkarte in die Verbannung und die Gefängnisse. Und was 1917 als Revolution begann, sollte sich bald aus einer Hoffnung für die Zukunft in eine Welt des Terrors, der Straflager, des monumentalen "Archipel Gulag" verwandeln.

Freilich, all das vollzog sich in Widersprüchen. Auch im 2o. Jahrhundert gab es Schriftsteller, die sich kritisch zu den Verhältnissen äußerten. Vielleicht war es der kleine Roman von Ilja Ehrenburg "Tauwetter" (1954), der sehr geschickt eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse anmahnte und einer literarischen Entwicklungsetappe den Namen gab. Als Chruschtschow nach dem XX. Parteitag der KPdSU die Lagertore öffnete, schien sich die Welt zu verändern. Da publizierte die Literaturzeitschrift "Nowij Mir" die Geschichte eines völlig unbekannten Autors, deren erste Sätze tatsächlich eine neue Welt ins literarische Bild der sowjetischen Literatur brachten: "Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben. Hammerschläge auf ein Stück Eisenbahnschiene, das neben der Stabsbaracke hing. Die abgehackten Töne drangen nur gedämpft durch die fingerdick vereisten Fensterscheiben und verstummten bald: es war kalt, der Aufseher hatte keine Lust, lange zu hämmern." Der Mann, der mit diesem Text in die Literatur eintrat, war Alexander Solschenizyn, geboren am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk in Südrussland.

Der Vater früh gestorben, zog die Mutter mit ihm nach Rostow, wo er Schule und Mathematikstudium absolvierte. Doch der deutsche Überfall vom 22. Juni 1941 sollte die Laufbahn des begabten jungen Mannes erst einmal beenden, der ja neben seiner Ausbildung als Mathematiker auch ein zusätzliches Fernstudium der Literatur unternommen hatte. Solschenizyn wurde Soldat und bald schon Offizier, Hauptmann in einer Artillerieeinheit. Erst später wird er die Ereignisse in Ostpreußen 1945 beschreiben, seine Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst. "Vor allem beanstandete man unehrbietige Äußerungen über Stalin ..." nennt er den Grund der Verhaftung und Verurteilung. Am 7. Juli 1945 der Schuldspruch: "Acht Jahre Lagerhaft". Der Grundstein für die "Karriere" dieses Schriftstellers war gelegt. Nach acht Jahren Gulag entlässt man ihn "in die ewige Verbannung", Dorfschullehrer, bis er schließlich am 6. Februar 1956 vollständig rehabilitiert wird. Nun beginnt das zweite Leben des Alexander Solschenizyn, seine Zeit als Schriftsteller.

In "Krebsstation" beschreibt er seine eigene Krebserkrankung, die er überstand. Mit "Der Archipel Gulag" und "Der erste Kreis der Hölle" entstehen die großen Bücher seiner Lagererfahrung. Er beginnt das "Rote Rad" mit dem Band "August Vierzehn" - ein historisches Monumentalgemälde des Ersten Weltkrieges, das, geplant auf zehn Bände, nicht abgeschlossen wurde. Die kommenden Jahre waren nicht nur Zeiten des Erfolges, sondern wiederum auch Jahre der Repression. Er bekam den Nobelpreis für Literatur 1970, durfte ihn erst vier Jahre später in Empfang nehmen, unter Leonid Breschnew wurde er 1974 ausgebürgert. Er kam zu Heinrich Böll, dann nach Amerika, bis er 1994 zurückkehren konnte. Schon 1991 hatte ihm Michail Gorbatschow die Bürgerrechte wieder zuerkannt, doch der "Prediger" Solschenizyn, der die Menschen seines Landes bekehren wollte, blieb umstritten. Die Geschichte "Zweihundert Jahre zusammen" über das Zusammenleben zwischen Russen und Juden rief heftigen Widerspruch hervor.

Doch dieser Mann mit der hohen Stirn, mit dem langen grauen Bart hatte längst eine Welt verändert. Das andere Russland, das heute existiert, ist keine neue Demokratie, aber es existiert nunmehr mit der Öffentlichkeit seiner Geschichte. Solschenizyns Hauptwerk "Der Archipel Gulag" von 1974 ist nicht nur die lebenswahre Darstellung der sowjetischen Lagerwelt für Regimekritiker, der Erniedrigung der Menschen über Jahrzehnte hinweg, sondern eben auch eine unvergessene Erfahrung für kommende Zeiten.

Die persönliche Reminiszenz sei erlaubt: Als mir im Sommer des Jahres 1963 derSchriftsteller Konstantin Paustowski in Moskau in seiner kleinen Wohnung die gerade erschienene zweite Erzählung Solschenizyns "Matrjonas Hof" vorlas, fand ich in ihr ein Bild seiner Anschauung von der Welt. Eine Geschichte, in der es heißt: "Alle haben wir neben ihr gelebt und nicht begriffen, das sie jene Gerechte war, ohne die, wie das Sprichwort sagt, kein Dorf leben kann. Und keine Stadt. Und auch kein Land." Mut zur Ehrlichkeit auch in schwierigen Lebenslagen verändert die Welt. Solschenizyn, der am 3. August 2008 mit 89 Jahren starb, hat auf diese Weise die Welt und das Leben vieler Menschen verändert.

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