Der unsterbliche Autor

Zu Lebzeiten war der Aufklärungsdichter und Moralphilosoph Christian Fürchtegott Gellert der meistgelesene deutsche Schriftsteller. Was bleibt heute, 250 Jahre nach seinem Tod, von diesem Vermächtnis?

Hainichen.

Vor einem Vierteljahrtausend ist er gestorben, Christian Fürchtegott Gellert, der 1715 in Hainichen geboren wurde. Nun hat er ein Denkmal und einen Grabstein: Aber hat er noch Leser? Er war ja ein Dichter, ein Moralist des gebundenen Verses? In einem alten Lesebuch meines Großvaters fand sich nun die Geschichte, dass eines Tages ein Bauer vor dem Haus des Professors und Dichters Gellert eine Fuhre Holz ablud und auf die erstaunte Frage, warum er dies mache, antwortete, dass es ein Dank für die Lektüre sei, die ihm das Leben reicher gemacht habe.

Eine schöne Geschichte, möchte man sagen, sie könnte von Gellert selbst erfunden sein. Und eine Geschichte, die uns neugierig machen kann, was denn dieser Gellert geschrieben hat. Die Literaturgeschichte gibt Auskunft über den Lebensweg des Predigersohnes, der nach der Absolvierung von St. Afra in Meißen und einer Studienzeit in Leipzig (die er freilich abbrechen musste, da der Vater ihn finanziell nicht mehr unterstützen konnte) Hauslehrer wird und zu schreiben beginnt. Kurz darauf sollte er, wie man damals sagte, ein Katheder besteigen: Gellert wird Professor an der Universität Leipzig. Seine Antrittsvorlesung war eine "Abhandlung über die Fabeldichtung", und was er da theoretisch beschrieb, das wurde in der Praxis seine dichterische Lebensleistung: Die Fabel ist wohl eine der ältesten Literaturformen, aber der Sachse holte sie nun in die eigene Zeit und praktizierte sie nach dem Motto August Lafontaines: "Erzählet, nur erzählet gut".

Gellert warf den Talar des Predigers ab und kleidete sich in Hose und Rock des freundlichen Landmanns. Ja, Freundlichkeit, war trotz Ironie die Würze dieser Texte, die uns, das wird man nun bei der Lektüre erleben, überhaupt nicht altmodisch erscheinen. Ein Beispiel? "Ein Autor schrieb sehr viele Bände/ Und war das Wunder seiner Zeit; / Der Journalisten güt'ge Hände / Verehrten ihm die Ewigkeit", so beginnt also die Fabel "Der unsterbliche Autor" und die Geschichte endet: "Berühmt zu werden ist nicht schwer, / Man darf nur viel für kleine Geister schreiben: / Doch bei der Nachwelt groß zu bleiben, / Dazu gehört noch mehr / Als, seicht an Geist, in strenger Lehrart schreiben". Da sind wir doch mitten in unserer Gegenwart angekommen, in einer Zeit der Vielschreiber "für kleine Geister", und da denken wir an eine Dame, deren Bücher in Cornwall spielen und an etliche männliche Kollegen.

Gellerts poetisches Fabelleben hat keinen Rost der Zeit angesetzt, es ist munter und lebendig wie zur Zeit seiner Entstehung. Seine Menagerie, sein Tierreich könnte man den Kern seiner Fabelwelt nennen. Da kommen sie alle ins Bild, der Affe und die Ente, das Pferd und der Esel, die Biene und die Henne, aber es sind allesamt Menschen, die hier Fell und Federn tragen. Und da kehren wir einmal zurück in seine Ortschaft und Gegenwart: In Hainichen, im Gellert-Museum gibt es Ausstellungen zu Leben und Werk - aber das Haus öffnet sich auch den heutigen Poeten und Künstlern. Der mit etlichen Preisen bedachte Lyriker Andreas Altmann kommt eben aus Hainichen wie der früh verstorbene Maler Günter Hofmann. Gellert darf man also aus den alten Scharteken, die seine "Fabeln und Geschichten", den Roman von der schwedischen Gräfin aufbewahren, wieder in die Gegenwart holen. Das man ihn kaum kennt, wenig liest, es liegt wohl nicht nur an der historischen Manier seiner Dichtung, der wir entwöhnt sind, sondern wohl auch an der manchmal direkten Art seiner Moralphilosophie, die sich in seinen Fabelstücken zeigt. In seinen besten Stücken hat er freilich dieses Moralisieren überwunden. So wird er auch immer wieder einmal, zweihundertfünfzig Jahre nach seinem Tod, auferstehen. Das hat er verdient.

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