Der Unvollendete - Zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci

Der geniale Widerpart von Michelangelo gilt gemeinhin als "Uomo Universale", als Universalmensch, war aber irgendwie auch ein schlampiges Talent. Gerade das begründet seinen Mythos bis heute.

Es muss ein Spektakel gewesen sein. Zwei der größten Künstler ihrer Zeit lieferten sich einen Wettstreit. Während Leonardo im Palazzo Vecchio an seiner "Schlacht von Anghiari" arbeitete, malte sein Konkurrent Michelangelo 1504 an der gegenüberliegenden Wand seine "Schlacht von Cascina". Ganz Florenz zerriss sich das Maul, welches der Schlachtengemälde das bessere sei. Ein Jahr allein soll Leonardo am Karton gearbeitet haben, bevor er anfing, seine Skizze auf die Wand zu übertragen. Er experimentierte mit Grundierungen und Farben, wurde immer unruhiger, weil das Bild nachdunkelte und schon während des Malens Risse auftraten. Als die Vorschüsse der Stadt in Höhe von 600 Gulden zu drei Viertel aufgebraucht waren, brach Leonardo seine Arbeit schließlich ab und floh nach Mailand.

Es war nicht das einzige Mal, dass der Ausnahmekünstler seine Auftraggeber verärgerte. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Wesenszug durch sein Leben. Schon sein Biograf Giorgio Vasari begründet in seinen 1550 erstmals erschienenen "Viten" den Mythos vom schlampigen Genie, das "durch all zu großes Streben gehindert" wurde. "Er würde in Gelehrsamkeit und Kenntnis der Wissenschaften Großes geleistet haben, wenn er einen minder unbeständigen und wandelbaren Geist gehabt hätte", ist da zu lesen, und bis heute trägt diese Eigenschaft zur Legendenbildung bei. Leonardo da Vinci ist mehr Mythos als Mensch. Gerade weil er nicht perfekt ist, ist er so sympathisch. Obwohl Experten ihm nur ein gutes Dutzend (oft unvollendeter) Gemälde zusprechen, gilt er als einer der bedeutendsten Maler der Renaissance und als Uomo Universale (Universalmensch). Das Prinzip des Hubschraubers hat er ebenso erfunden wie ein mit Spiralfeder angetriebenes Auto oder einen Vorläufer des Panzers.

Es gibt unzählige Bücher über ihn, und zu seinem 500. Todestag am 2. Mai erscheinen noch ein paar weitere. "Leonardo, schon zu Lebzeiten der Weltbürger unter den Renaissancekünstlern", schreibt Boris von Brauchitsch in seiner Biografie, "ist endgültig und im wahrsten Sinne des Wortes zum Weltkulturerbe geworden". Seine Proportionsstudie des Menschen (nach Vitruv) ist die berühmteste Zeichnung der Welt. Sein 2017 für 450 Millionen Dollar bei Christie's versteigerter "Salvator Mundi" das teuerste Gemälde. Marcel Duchamp, Fernando Botero und Bansky haben seine "Mona Lisa" kopiert. Eine Firma für Luftabwehrtechnik trägt ebenso seinen Namen wie ein Programm für berufliche Bildung. Thriller-Autor Dan Brown schrieb einen "Da-Vinci-Code", und sogar eine der Ninja-Turtles ist nach Leonardo benannt.

Gerade im Internetzeitalter, in dem alles in Bewegung und nichts definitiv ist, erscheint Leonardos Weltsicht aktuell wie nie. Glaubte er doch, alles sei im Fluss. Zeichnend versuchte er, die Welt zu verstehen. Mehr als 5000 Blätter aus seiner Hand existieren. Immer und immer wieder korrigiert er sich dabei und hat so nie ein fertiges Abbild geschaffen. Es gibt sogar Kunsthistoriker, die behaupten, er habe ganz bewusst seine Gemälde nicht fertig gestellt. Seine Kunst ist eine Kunst der sanften Übergänge, sein "sfumato" ein Grund dafür, warum seine Bilder so geheimnisvoll anmuten. Autoritäten erkannte er nicht an. Alles stellte er in Frage. Mit Leichen von Verbrechern fertigte er anatomische Studien. Der Religion trat er mit Skepsis gegenüber. Seine Manuskripte verfasste er in Spiegelschrift. Er war Vegetarier und galt auch sonst als etwas kauzig.

Schon seine Geburt am 15. April 1452 im Örtchen Anchiano in der Nähe von Vinci (Toskana) ist Ausdruck für seinen unangepassten Geist. Kommt er doch als uneheliches Kind eines adligen Rechtsanwalts und eines Bauernmädchens zur Welt. Bei den Großeltern väterlicherseits wächst er auf, bis der Vater ihn in Florenz bei Andrea del Verrocchio in die Lehre gibt. Latein, um Notar zu werden wie der Erzeuger, darf er nicht lernen. Ein handwerklicher Beruf scheint angebrachter für ein uneheliches Kind. So lernt er neben Malen und Zeichnen den Bronzeguss und das Lautespielen. Als er auf einer "Taufe Christi" einen Engel malen darf, der alle anderen Figuren in den Schatten stellt, soll sein Meister Verrocchio - weil "ein Kind" besser male als er - so schockiert gewesen sein, dass er nie mehr einen Pinsel anrührte.

Als Leonardo ein Schild bemalen soll, holt er sich tote Eidechsen, Schlangen und Fledermäuse ins Atelier, um daraus ein unheimliches Fabelwesen zu kreieren. So vertieft in seine Arbeit ist er, dass er gar nicht bemerkt, wie die Kadaver mit der Zeit zu riechen anfangen. Schon bei seinem ersten Auftrag, einem Altarbild für die Kapelle des Palazzo Vecchio, nimmt er zwar eine Anzahlung entgegen, stellt das Gemälde aber nicht fertig. An einer Fassung seiner "Felsgrottenmadonna" soll er Biografen zufolge mindestens 15Jahre lang gearbeitet haben.

Auch bei seinem "Letzten Abendmahl" in der Kirche Santa Maria delle Grazie in Mailand findet er kein Ende. Der Prior des Klosters beschwert sich schon beim Herzog, dass der Maler halbe Tage vor dem Fresko verbringe, ohne einen Strich zu malen. Leonardo entgegnet keck, "dass erhabene Geister bisweilen am meisten schaffen, wenn sie am wenigsten arbeiten, nämlich in der Zeit wo sie erfinden und vollkommene Ideen ausbilden." Vasari berichtet, Leonardo sei durch die Stadt geeilt, um einen durch und durch bösen Mann zu finden, der ihm Modell für den Judas sitzen könne. Ans Antlitz von Jesus soll er sich gar nicht herangetraut haben, weil er ihm nicht gerecht zu werden fürchtete. Wer aber hat das Gesicht dann gemalt? Schon bevor das Fresko fertig war, verblasste es der unkonventionellen Farbexperimente wegen. Bis heute beschäftigt es die Konservatoren. Ein Reiterstandbild für Lodovico Sforza plant Leonardo mit 7,20 Metern Höhe so gewaltig, dass es sich nie realisieren lässt. Und selbst an der Mona Lisa soll er vier Jahre gemalt und sie doch nicht vollendet haben. Es heißt, er ließ bei der Porträtsitzung Witze erzählen, damit das bezaubernde Lächeln der Gioconda nicht einfriere.

Sogar mit nach Frankreich nahm er das Porträt als er 1517 in die Dienste des Königs Franz I. trat, dessen Gunst er mit einem mechanischen Löwen, einer Art Roboter, erlangte, der auf den Monarchen zueilte und ihm Lilien zu Füßen legte. Nur eine von vielen Erfindungen Leonardos, der als eine Art Hofnarr auch schon mal einer lebenden Eidechse mit Quecksilber gefüllte Flügel anklebte, um seinen Dienstherren zu unterhalten, oder Tiere aus dünnem Wachs fliegen ließ. Für Franz I. beschäftigte das Universalgenie sich mit Plänen einer Idealstadt und eines Kanals, der Mittelmeer und Atlantik verbinden sollte. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Nach zwei Schlaganfällen starb Leonardo da Vinci am 2. Mai 1519 auf Schloss Clos Lucé an der Loire.

Buchtipps zum Genie 

Das Original

Giorgio Vasari (1511 - 1574) prägte mit seinen "Lebensläufen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten" das Bild, das wir von der Renaissance haben. Noch immer ist es eine wahre Freude, ihn zu lesen: Mit unzähligen Anekdoten hält Vasari seine Leser bei der Stange und begründete zugleich Leonardos Ruf als schlampiges Genie. Im Grund stützen sich alle Biografen auf dieses Werk.

Roland Kanz (Hg.): G. Vasari: "Das Leben des Leonardo da Vinci", Reclam, 104 Seiten, 7 Euro.

Die Rundumschau

Obwohl ihm nur ein gutes Dutzend Gemälde zugeschrieben wird, lebt Leonardo im Bewusstsein der Nachwelt als Maler. Der 1963 geborene Boris von Brauchitsch will das ändern und zeichnet ihn in seiner ebenso fundierten wie unterhaltsamen Biografie eher als Universalgenie. Das mit zahlreichen Bildern exemplarisch gestaltete Buch bietet einen umfassenden Blick über Leben, Werk und Wirkung des Jubilars. Dabei begnügt sich der Autor damit, die vorhandenen Fakten zu sammeln und aufzuarbeiten, ohne sich wie andere Autoren in wagemutigen Thesen zu verlieren.

Boris von Brauchitsch: "Das Leben des Leonardo da Vinci", Insel Verlag, 256 Seiten, 16,95 Euro.

Der weibliche Blick

Die Malerei sei weiblich, jedenfalls die Leonardo da Vincis, meint die Kritikerin Kia Vahland und geht sogar so weit zu behaupten, Leonardo habe die "unabhängige, selbstgewisse Frau" erfunden - Techniker sei er dagegen weniger gewesen. Gefällig weiß die Autorin Atmosphäre zu schaffen und das Frauenbild der Renaissance auszuleuchten. Manchmal mutet das Buch romanhaft an, Vahland gerät häufig ins Erzählen - und wird dabei mitunter ein wenig zu spekulativ. Von der Aufmachung allerdings ist ihre mit guten Drucken professionell illustrierte Biografie ein echter Hingucker.

Kia Vahland: "Leonardo da Vinci und die Frauen", Insel Verlag, 348 Seiten, 26 Euro.

Der Sinn fürs Detail

Der US-Amerikaner Walter Isaacson hat schon Bestseller-Biografien zu Albert Einstein, Henry Kissinger oder Steve Jobs vorgelegt. Sein Markenzeichen: eine Art zugängliche Detailversessenheit. Bei uns zeitlich näheren Personen sorgte das für Spannung, zumal Isaacson dabei mit Zeitzeugen agierte. Im Fall von Leonardo liest sich die Biografie damit aber etwas angestrengter - vor allem für Leser ohne historisches Vorwissen. Beim ambitionierten Konsumenten geht das Konzept aber voll auf: Isaacson zeichnet ein, feines, facettenreiches, aber immer noch lockeres Renaissance-Bild.

Walter Isaacson: "Leonardo da Vinci: Die Biografie", Propyläen, 752 Seiten, 39 Euro.

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