Der verlorene Schriftsteller

Antoine de Saint-Exupéry war begeisterter Pilot und erfolgreicher Autor. Seine Parabel "Der kleine Prinz" gehört mit über 80 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Büchern der Welt. Vor 75 Jahren, am 31. Juli 1944, kehrte er jedoch von einem Aufklärungsflug über den französischen Alpen nicht mehr zurück. Warum?

Erst 2003 konnte das Wrack seiner Maschine gefunden und identifiziert werden: Sein mysteriöser Tod machte "Saint-Ex", wie Freunde und Kollegen Antoine de Saint-Exupéry nannten, zum tragischen Helden und Mythos. Der vor allem in Frankreich schwärmerisch verehrte Autor, der eigentlich Berufspilot war, hatte die Erzählung "Der kleine Prinz" mit selbstgezeichneten Illustrationen am 6. April 1943 in New York veröffentlicht. Bis heute ist das Werk in 300 Sprachen und Dialekten erschienen und liegt somit nach der Bibel auf Rang zwei der meistübersetzten Bücher.

Die Geschichte selbst handelt von einem Piloten, der in der Wüste notlanden muss. Hier begegnet ihm ein goldhaariger kleiner Prinz, der von seinem winzigen Asteroiden zu einer Erkundungstour aufgebrochen war. Er besucht sechs verschiedene Planeten, und schließlich verschlägt es ihn auf die Erde. Der Text mischt reale und surreale Elemente und ist vielseitig auslegbar. Es geht um Freundschaft, Liebe und humanistische Werte. Ein berühmtes Zitat lautet: "Man sieht nur mit dem Herzen in der richtigen Weise. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Saint-Exupéry, der sich seit Silvester 1940 im amerikanischen Exil befand, sorgte mit seinem neuen Buch mit dem kleinen Titelhelden nur für wenig Aufsehen, nachdem er zuvor über seine Kriegserlebnisse erfolgreich geschrieben hatte: Kritiker bemängelten, das Märchen als zu kindlich für Erwachsene, und zu erwachsen für Kinder.

Im Mai 1943 kehrte Saint-Exupéry wieder in die Heimat zurück und war als Luftwaffenpilot für die Befreiungsarmee von General Charles de Gaulle im Einsatz. Nach langer Pause hatte jedoch seine einst so ausgeprägte Flugroutine gelitten, und statt Jagdbombern wie der amerikanischen Lockheed Lightning P-38J hatte er noch wenige Jahre zuvor nur Doppeldecker geflogen. Für Kampfeinsätze war Saint-Exupéry inzwischen außerdem zu alt und zu dick. Im Cockpit fühlte er sich also nicht besonders wohl: "Diese Gefilde, die 10.000 Meter, dieses unbewohnbare Land, wo einem 25 verschiedene Pannen drohen, ein Versagen des Atemgeräts zum Beispiel, das einem den Garaus machen kann, oder die Heizung, sodass man sich in einen Eisblock verwandelt", schrieb er.

Am 31. Juli 1944 startet Saint-Exupéry um 8.45 Uhr auf dem korsischen Flughafen Borgo zu einem Erkundungsflug über das französische Alpengebiet um Grenoble und Annecy. Die zweimotorige Maschine ist ein unbewaffneter Aufklärer, die Bordkanonen wurden durch Kameras ersetzt. Nach dem Start gibt es bei klarem Wetter keine Probleme. Um 10.30 Uhr verliert die Bodenstation aber den Kontakt - gegen 14.30 Uhr wird der Flieger als vermisst gemeldet. Es ist der Beginn eines Mythos, denn die Umstände sind rätselhaft: Ein Unfall, technisches Versagen, Selbstmord oder Abschuss? Vor seinem Tod soll der Pilot unter Depressionen gelitten und von einer besseren Welt geträumt haben. Erst am 7. September 1998 finden Fischer südöstlich vor Marseille im Beifang einen kleinen verkrusteten Gegenstand: Es handelte sich um ein Silberarmband, das wegen der Gravuren eindeutig Saint-Exupéry zugeordnet werden konnte. Fünf Jahre später entdeckte ein Unterwasserteam im Mittelmeer ein Flugzeugwrack: Die im Motor eingravierte Seriennummer lieferte zweifelsfreie Hinweise auf die legendäre Unglücksmaschine - aber noch keinen endgültigen Aufschluss.

2008 berichtet dann der ehemalige deutsche Obergefreite Horst Rippert, dass er mit seinem Messerschmitt-Jäger Saint-Exupéry vom Himmel geholt habe. "Ich war Jagdflieger und hatte den Auftrag, einen Aufklärungsflug im Gebiet über Toulon zu machen. Ich sah ein Flugzeug und erkannte an der Kokarde, dass es feindlich war. Ich habe es verfolgt und aus einer Entfernung von etwa 200 Metern abgeschossen. Ich bedauere zutiefst, den von mir sehr verehrten Autor getötet zu haben. Er war einer meiner Favoriten, weil er auch so viel über die Fliegerei geschrieben hat."

Der 2013 verstorbene Rippert war der Bruder des deutschen Sängers Ivan Rebroff und arbeitete ab 1963 beim ZDF als Sportreporter. Offizielle Dokumente, die Ripperts Aussage bestätigen, fehlen zwar. Aber gemeinsame Untersuchungen der Absturzumstände des Starnberger Unterwasserarchäologen Lino von Gartzen mit Claas Triebel untermauern seine Version: "Unsere Ergebnisse bleiben aus wissenschaftlicher Sicht zwar eine Hypothese, aber die Daten der Untersuchung des Wracks und die Aussagen Ripperts bestätigen wichtige Informationen wie Ort, Zeitpunkt, Flugzeugtyp, Flugverhalten. Alle Indizien sprechen dafür."

Doch auch die Selbstmord-These hat weiter ihre Anhänger, auch aufgrund der Biografie des Autors: Saint-Exupéry gilt zwar als herausragender Repräsentant gefühlsstarker Sanftmut - Enthüllungen aus dem Nachlass seiner Ehefrau Consuelo aus dem Jahr 2000 zeigen aber auch eine dunkle Seite: Sie beschreibt einen unsteten und untreuen Mann, der geliebt werden wollte, ohne zu lieben. Saint-Exupéry sei kein ruhiger, starker Fels in der Brandung gewesen, sondern ein von Ängsten erfüllter Mensch, der lebenslang auf der Suche nach sich selbst war. "Nur Schreiben, ohne die Hand an den Steuerknüppel zu setzen und Abenteuer zu erleben, das wäre ihm zu abstrakt gewesen. Und nur im Cockpit zu sitzen und Abenteuer zu erleben, ohne dass das eine Nachbearbeitung durch die Phantasie erführe, war für ihn unvorstellbar", resümiert der Schweizer Joseph Hanimann, der 2013 eine Biografie über Saint-Exupéry mit dem Untertitel "Der melancholische Weltenbummler" vorstellte.

Der am 29. Juni 1900 in Lyon geborene Saint-Exupéry sah sich selber zeitlebens lediglich als einen nebenher schriftstellernden Berufspiloten. Nach dem frühen Tod des Vaters wuchs er praktisch unter der Obhut seiner Urgroßtante sowie seiner Großmutter in südfranzösischen Schlössern auf. Parks und Gärten der beiden Anwesen zogen ihn schon früh in ihren Bann und beflügelten seine Fantasie.

Nach seiner Pilotenausbildung bot er 1923 zunächst kurze Rundflüge für Touristen über Paris an. Bereits zu jener Zeit knüpfte er im Salon seiner adeligen Tante Yvonne de Lestrange Kontakte mit Literaten. Erstmals als Autor trat er 1925 mit der Novelle "Der Flieger" in Erscheinung. Danach flog er Luftpostmaschinen in Nordafrika, seine Erfahrungen im Cockpit verarbeitete er auch in dem Roman "Nachtflug", der ihm schließlich 1931 den Durchbruch als Autor bescherte.

Der Erfolg des "Kleinen Prinzen" dagegen, der ihm Weltruhm sichern sollte, kam erst nach seinem Tod. Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1966 etwa von Konrad Wolf. Daneben existieren verschiedene Hörbuchfassungen. Die letzte 50-Francs-Banknote vor Einführung des Euro zeigte Saint-Exupéry, sein Flugzeug und den kleinen Prinzen. Seit 2000 trägt der Flughafen in Lyon seinen Namen, in Tarfaya in Marokko befindet sich zu seinen Ehren ein kleines Museum. Erst 2017 wurden zwei originale Aquarelle von Saint-Exupéry für mehr als 500.000 Euro versteigert. Eine Fortsetzung der Erzählung, die der Autor nach dem Krieg schreiben wollte, konnte er nicht mehr verwirklichen.

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