Deutschland-Premiere für "Hamilton": Amerikanische Gründungsgeschichte als Battle-Rap

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Im Hamburger Stage Operettenhaus ist der preisgekrönte Musical-Hit vom Broadway ab sofort auch hierzulande zu erleben

Neuer Musical-Hit.

Ich hab‘ nur diesen einen Schuss", singt Alexander Hamilton immer wieder. Es ist 1776, der amerikanische Unabhängigkeitskrieg steht unmittelbar bevor und Hamilton schließt sich drei Revolutionären an, die er an der Universität kennengelernt hat. Für den jungen Einwanderer, der auf der karibischen Insel Nevis geboren wurde, steht fest: In dem einen Leben, das er hat, will er Geschichte schreiben - und es soll ihm gelingen. Als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika ziert er noch heute die amerikanische 10-Dollar-Note. Von seinem bewegten Leben, aber auch von 30 Jahren amerikanischer Gründungsgeschichte handelt das Musical "Hamilton", das gestern Premiere im Hamburger Stage Operettenhaus feierte.

Zugegeben - das klingt erst mal nach trockenem Stoff. Ist es aber nicht, denn in "Hamilton" wird in rasantem Tempo gerappt. Es geht es um Liebe und Loyalität, Macht und Intrigen, Verrat und Verlust. 2015 feierte das innovative Musical aus der Feder von Lin-Manuel Miranda Premiere in den USA und wurde seitdem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter elf Tony Awards und ein Pulitzer-Preis. Stage Entertainment holte den Broadway-Erfolg nun nach Deutschland und bringt damit die erste fremdsprachige Adaption auf die Bühne.

Das Musical beginnt mit dem Ensemble, das sich im Schnelldurchlauf durch die frühen Jahre von Alexander Hamilton rappt: Der Vater verlässt die Familie, seine Mutter stirbt früh. Hamilton immigriert nach New York, wo er und seine Freunde sich von dem Wunsch nach Freiheit getrieben der Armee anschließen. Ein Gefühl von Aufbruch liegt in der Luft.

Das Bühnenbild bleibt die ganze Zeit identisch: Ziegelwände und Holzpfeiler, dazu eine Drehscheibe und Kostüme aus dem 18. Jahrhundert - mehr braucht es nicht. Dafür ist die Wortflut gewaltig: Schon im Original ist "Hamilton" das Musical mit dem höchsten Wortanteil. In der deutschen Fassung werden noch mehr, und zwar stolze 25.000 Wörter gerappt und gesungen. An der Übersetzung der 30 Songs haben der Rapper Sera Finale und der Musical-Autor Kevin Schroeder drei Jahre gearbeitet. Die leidenschaftliche Performance der Darsteller, darunter der Brasilianer Benét Monteiro als Hamilton und The-Voice-Gewinnerin Ivy Quainoo als seine Frau Eliza, ist beeindruckend - doch bei so viel Inhalt bleibt zwangsläufig einiges auf der Strecke. Mal ist es der Aussprache, mal der schieren Komplexität der Geschichte geschuldet.

Denn Hamiltons Leben ist voller Drama und Wendungen. Politische Auseinandersetzungen lassen nicht lange auf sich warten, als er zur rechten Hand des Generals George Washington wird und auch sein Eheleben wird bald stürmisch. Von mitreißendem HipHop und R&B untermalt, zieht er in die Schlacht von Yorktown, an deren Ende die Briten kapitulieren, wird unter dem neu gewählten Präsidenten Washington wenig später erster Finanzminister der USA und Co-Autor der Verfassung. Am Ende allerdings wird die Tatsache, dass er stets sagt, was er denkt, Hamilton zum Verhängnis: Er stirbt 1804 an den Verletzungen nach einem Duell mit seinem Freund und Rivalen Aaron Burr.

Zwischendurch gibt es immer wieder Überraschungen. Mal werden Kabinettssitzungen als Battle-Raps ausgetragen, dann sorgt der absurd schräge britische König George III für Lacher, wenn er sich zu einer an die Beatles erinnernden Melodie über die Amerikaner echauffiert. Nach drei Stunden lässt "Hamilton" die Zuschauer fasziniert und mit viel Denk- und Gesprächsstoff zurück. Das Stück hat so viele Ebenen, dass man es vermutlich mehrmals sehen muss, um alles zu verstehen. Die Tatsache, dass die Darsteller der amerikanischen Protagonisten alle schwarz sind, hat ebenso eine tiefere Bedeutung wie die Wahl des Genres HipHop: Schöpfer Lin-Manuel Miranda wollte das Amerika von damals mit dem Amerika von heute erzählen.

Wer leichte Unterhaltung á la "Mamma Mia" sucht, der ist bei "Hamilton" falsch. Wer geschichtsinteressiert ist und es gerne anspruchsvoll mag, der wird daran wahre Freude haben. Im Katalog von Stage Entertainment ist es zweifellos das bisher mutigste Stück, musikalisch wie inhaltlich. Es ist so modern und amerikanisch, dass es für den deutschen Markt wie ein Wagnis wirkt - aber wenn es Erfolg hat, könnte es den Musical-Markt hierzulande nachhaltig verändern.

Tickets ab 59,90 Euro unter www.stage-entertainment.de. Die Spielzeit ist zunächst bis zum 29. September 2023 geplant.

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