Die Alben des Jahres - Platz 19

Die Nerven: "Fake"

Allein wegen des Titels ihres aktuellen Albums müssen die Nerven schon in den Jahresbestenlisten auftauchen: "Fake". Omnipräsentes Wort der aktuellen Lage. Doch wo fängt der Fake an, die Täuschung, die Kopie, die Fake News? Wer einfache Antworten auf diese oder andere Fragen sucht, wird auf dem vierten Album der Nerven nicht fündig. Vielmehr hat die ehemals Stuttgarter und inzwischen in der Republik verteilte Band zwar ihre Wut wieder in Postpunk-Songs gepackt, liefert aber eher ein Stimmungsbild der Ratlosigkeit. "Wo willst du hingehen, wenn du überall schon warst, wo gehst du hin, wenn dich überall was stört?", heißt es in "Niemals", dem Song, in dem sie auch die Anti-Selbstoptimierungs-Parole "Finde niemals zu dir selbst" raushauen. Doch an Parolen kann man sich nicht mehr halten: "Was ich heute sage / Morgen schon vergessen / Nichts, was in Erinnerung bleibt", singt Max Rieger beispielsweise im Titelsong, um im Refrain zu fordern: "Her mit euren Lügen, her mit eurem Leid!". Düster dazu die Musik, die an die dunklen Seiten der 80er erinnert und doch auch zum heutigen Jahrzehnt passt. Gitarren spielen Punk, Noise, Hardcore, die Stimmen schreien oder murmeln. Doch die Nerven sind nicht mehr einfach nur dagegen. "Früher hatten unsere Songs eine Ablehnungshaltung. Aber gegen was?", fragte sich Rieger im Interview genauso wie auf der Platte. "Das konnte ich selbst im Nachhinein nicht mehr benennen." Ihm ist auch heute weiterhin klar, dass die Welt nicht schön ist. "Damit muss man umgehen, aber ohne Resignation." Und so spielen die Nerven auf diesem Album ihren Soundtrack zu dem ganzen Mist, der einen umgibt (zum Beispiel skandinavisches Design und Amazon-Empfehlungen), ohne aufzugeben. Auch wenn man sich fragt: "Bin ich der einzige, der weint?" Klar bleibt diese Frage unbeantwortet.

DIE ALBEN DES JAHRES sind von den Musikkritikern der "Freien Presse" ausgewählt.

www.freiepresse.de/Alben2018

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...