Die Angst geht unter die Haut

Der neue Roman "Opfer 2117" von Jussi Adler-Olsen ist ein extrem spannender Thriller, aber auch eine erschütternde Betrachtung dessen, was die weltweiten Flüchtlingswellen an menschlichen Tragödien mit sich bringen.

Es sind gleich drei mehr oder weniger prägnante Kriterien, die seit dem ersten Roman "Erbarmen" vor zehn Jahren die Thriller von Jussi Adler-Olsen zu einem weltweiten Erfolg verhelfen und sie quasi aus dem Stand heraus die Bestsellerlisten stürmen lassen. Auch der jetzt erschienene achte Fall mit dem eher etwas kauzigen und leicht misanthropischen Ermittler Carl Mørk in der Hauptrolle und dem Titel "Opfer 2117" nimmt mittlerweile im Ranking überall erste Plätze ein. Dieser Thriller kann sich nicht weniger auf die drei Komponenten verlassen.

Zum einen haben die Romane von Jussi Adler-Olsen immer eine politische Botschaft, keine zwischen den Zeilen, die man sich denken kann oder soll, sondern immer eine direkte und meistens richtig unbequeme, weil sie wehtun kann beziehungsweise muss. In "Opfer 2117" geht es um Flüchtlinge, die bei dem Versuch, dass Mittelmeer zu überqueren, an irgendeiner Küste landen oder sogar sterben, bevor sie unter menschenunwürdigen Bedingungen von skrupellosen Schleppern drangsaliert und gequält wurden.

Auf der "Tafel der Schande" in Barcelona steht zu Beginn der Handlung "Opfer 2117", so kommt der Roman zu seinem Titel. Doch das ist noch nicht alles, denn ein brutaler menschenverachtender Terrorist will die flüchtenden Menschen für sich nutzen und einen verheerenden Anschlag in Berlin verüben, den nur Carl Mørk verhindern kann - ob er das auch schafft? Spannender kann ein Thriller zum Ende hin nicht sein, als dieser bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage.

Zum anderen gesteht der dänische Erfolgsautor seinen Protagonisten in jedem Roman zu, sich weiter zu entwickeln, an der Lösung von Problemen zu wachsen und an menschlicher Größe zu gewinnen. Was auch bedeutet: Näher kann man sich als Leser den Hauptpersonen nicht fühlen als bei Adler-Olsen, denn es bereitet einfach viel Spaß und Freude, mit ihnen zu fiebern oder auch zu leiden. Diesmal geht es vor allem um Assad, den bislang eher von Geheimnissen umgebenden Assistenten von Carl Mørk.

Endlich, so hat man das Gefühl, erfährt man mehr darüber, wer dieser Mensch überhaupt ist und wie er nach Dänemark gekommen ist. Soviel sei verraten: Assad ist kein Syrer, sondern wurde im Irak geboren, kam als Kind nach Europa und schaffte es soweit, ein Elitesoldat in der dänischen Armee zu werden, bevor bei einem UN-Einsatz in seiner alten Heimat alles schiefging, er in die Fänge der Gefolgsleute von Saddam Hussein geriet und auf der Flucht seine schwangere Frau sowie seine zwei kleinen Töchter zurücklassen musste, von denen er jetzt weiß: Sie sind nicht tot, sie leben und brauchen seine Hilfe.

Den Stein so richtig ins Rollen bringt dann die Reportage eines erfolglosen Journalisten, in deren Mittelpunkt eine Frau steht, das "Opfer 2117", das aber nicht ertrunken ist, sondern ermordet wurde. Und Assad hat diese Frau gut gekannt.

Und drittens versteht es Jussi Adler-Olsen wie kaum ein anderer Thrillerautor, vermeintlich unabhängige Handlungsstränge so subtil und spannend miteinander zu verweben, dass man als Leser oft nicht weiß, auf welchen man sich vor lauter Aufregung zuerst konzentrieren soll, bevor dann im packenden Finale doch noch alle Fäden miteinander verknüpft werden und das Ende einem wie ein wirklich lange herbeigesehntes vorkommt.

In "Opfer 2117" sind dies unter anderem ein junger Mann, der sich in der virtuellen Welt eines gewaltverherrlichenden Ballerspiels seinen Rachefantasien hingibt und meint, wenn er bei 2117 gewonnenen Punkten angelangt ist, seine Eltern und dann wahllos andere Menschen zu töten. Und eine nicht unwichtige Rolle spielt auch der Autor der Reportage, mit der alles anfing, weil der Mann die Gunst der Stunde nutzen möchte, um doch noch Karriere als Journalist zu machen, was dazu führt, dass er den Terroristen viel zu nahe kommt und am Ende selbst ein Opfer ist.

Schließlich läuft dann alles auf ein klassisches Duell hinaus: Assad gegen den Terroristen, der seine Frau und Kinder gefangen hält und sie zur Waffe bei dem Anschlag in Berlin machen möchte. Doch Assad hat einen entscheidenden Vorteil in diesem Kampf Mann gegen Mann, den man als Leser anfangs zwar infrage stellen möchte, weil es zuvor zu viele Lügen gab, bevor man sich seiner dann doch gewiss wird und man am Ende tief durchatmen kann: Das ist seine tiefe Freundschaft mit Carl Mørk, der zwar auch das eine oder andere private Problem an der Backe hat, aber am Ende mit einer Waffe in der Hand an der Seite seines Freundes steht, schießt und nicht gerade die Welt, aber doch das rettet, von dem man weiß, dass dort alle auf der richtigen, also auf der Seite der Guten stehen.

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