Die Arche der Avantgarde

Das Bauhaus brachte die radikalsten Gestaltungsideen aus Kunst und Gesellschaft für das Industriezeitalter unter ein Dach. Die Impulse daraus sind heute noch spürbar - und viele Fragen immer noch offen.

Wohnungen mit viel Glas- und Metallglanz: Bauhausstil. Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil. Lampe mit vernickeltem Gestell und Mattglasplatte als Schirm: Bauhausstil. Kein Bild an der Wand: Bauhausstil." Der ungarische Bauhäusler Ernö Kállai kannte Urteile wie Vorurteile über das Bauhaus am besten. Manche haben sich bis heute hartnäckig gehalten. Dabei ging es eigentlich aber um etwas ganz anderes.

1919, die Novemberrevolution lag in den letzten Zügen. Alfred Döblin hatte nicht besonders viel von ihr gehalten. "Bei uns gibt es keine Revolution, höchstens eine Gegenrevolution, und die auch nur als polizeiliche Maßnahme zur Wiederherstellung der Ordnung", lässt er einen Protagonisten in seinem Roman-Epos "November 1918" sagen. Und trotzdem wehte ein frischer Wind durch Deutschland, der auch die Kunst erfasste. Gut vorbereitet war darauf Henry van de Velde, der unter anderem in Chemnitz die Villa Esche entworfen hatte und später die Großherzoglich-Sächsische Hochschule für Bildende Künste in Weimar leitete. Die sollte 1919 mit der 1915 aufgelösten Kunstgewerbeschule Weimar vereinigt werden - als Direktor der neuen Schule schlug van de Velde, der 1917 Deutschland verlassen hatte, Walter Gropius vor. Auch van de Velde, Mitglied im Deutschen Künstlerbund und dem Deutschen Werkbund, hatte sich schon um die zeitgemäße Reformierung der Angewandten Kunst und der Architektur verdient gemacht. Walter Gropius ging noch mehrere Schritte weiter. Nach seinem Amtsantritt 1919 veröffentlichte er ein Gründungsmanifest, das die Ziele des Staatlichen Bauhauses Weimar nicht ohne Pathos benennt: "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! Ihn zu schmücken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Künste, sie waren unablösliche Bestandteile der großen Baukunst. Heute stehen sie in selbstgenügsamer Eigenheit, aus der sie erst wieder erlöst werden können durch bewusstes Mit-und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander. Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren... Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens."

Von der Wirklichkeit des Bauhauses war dies aber weit entfernt, nicht nur, weil Architektur erst 1927 Lehrfach wurde. Gropius holte führende avantgardistische Künstler und einige Künstlerinnen ans Bauhaus: Lyonel Feininger, Johannes Itten, Gerhard Marcks, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky. Die Bauhausmeister waren alles andere als einig. Der Maler Josef Albers erinnert sich später: "Wenn Wassily Kandinsky Ja sagte, sagte ich Nein, und wenn er Nein sagte, sagte ich Ja." Auch die ab 1925 zum Programm erhobene Kleinschreibung - damals so begründet: "wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit. außerdem warum 2 alphabete, wenn eins dasselbe erreicht? warum groß schreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?" - kam nicht überall gut an. Und viele der damals wichtigen Intellektuellen lehnten den Bauhausstil ab. Theodor W. Adorno hielt die Bauhaus-Architektur für "Konservenbüchsen" und betonte, die "lebendigen Menschen, noch die zurückgebliebensten und konventionell befangensten, haben ein Recht auf die Erfüllung ihrer sei's auch falschen Bedürfnisse". Für Walter Benjamin hat "das Bauhaus mit seinem Stahl zuwege gebracht", Räume zu schaffen, "in denen es schwer ist, Spuren zu hinterlassen". Aber vielleicht haben sie die Intentionen des Bauhauses wenigstens zum Teil auch missverstanden. Seinen Meistern ging es um eine Versöhnung des Lebens mit der Kunst, mit der handwerklichen wie industriellen Produktion. Was man vielleicht nicht besser zusammenfassen kann als der Bauhausschüler Selman Selmanagić, deutscher Architekt und Formgestalter bosnischer Abstammung. Auf die Frage, wovon er sich bei der Gestaltung seiner (Sitz-)Möbel habe leiten lassen, antwortete er: "Ich habe mich immer nur vom Hintern leiten lassen."

Das Bauhaus war von Anfang an auch politisch umstritten. Als die Regierung in Thüringen nach rechts rückte, wurden dem Bauhaus die Zuschüsse drastisch gekürzt - schon damals war dies ein probates Mittel, sich eine regierungsfreundliche Kultur zu züchten. Gropius und die Bauhaus-Meister zogen die Konsequenz und 1925 ins anhaltinische Dessau. Dort entstanden die ersten Stahlrohrmöbel, viel beachtete Meisterhäuser und die zumeist von der Chemnitzerin Marianne Brandt entworfenen Leuchten. Vor allem aber wurde ab 1928 der Schweizer Architekt Hannes Meyer neuer Bauhausdirektor, der den künstlerischen Anspruch der Schule neu definierte, "Volksbedarf statt Luxusbedarf" propagierte und in seinen Bauten auch umsetzte. Meyer sympathisierte mit dem Sozialismus, was sofort zu schärferen Angriffen der Rechten und schließlich 1930 zur Entlassung Meyers führte, die Josef Albers und Wassily Kandinsky unterstützten. Meyer ging danach kritisch mit dem bisherigen Bauhaus ins Gericht: Er habe ein Bauhaus vorgefunden, "dessen Leistungsfähigkeit von seinem Ruf um das Mehrfache übertroffen wurde... Überall erdrosselte die Kunst das Leben. Als Bauhausmeister bekämpfte ich den Bauhausstil." Später kämpften Bauhausmeister gegen Meyer. Dessen Nachfolger wurde Mies van der Rohe, der die Schule wieder entpolitisierte, um sie vor Angriffen von rechts zu schützen, "faktisch aber passte er die Schule den reaktionären Vorgaben an", schreibt der Kunstkritiker Justus H. Ulbricht. Das änderte nichts daran, dass die NSDAP, die ab 1931 die absolute Mehrheit im anhaltinischen Landtag besaß, das Bauhaus 1932 schließen ließ. Zwar boten Magdeburg und Leipzig der Schule eine neue Heimat an, doch van der Rohe hatte schon beschlossen, das Bauhaus als private Schule in Berlin weiterzuführen, wo sie aber nur noch ein kurzes Leben hatte, obwohl es auch Versuche gab, das Bauhaus in den nationalsozialistischen Kunstkanon zu integrieren. Im März 1933 schlossen die Nazis die Schule endgültig. Zwar beschlossen einige verbliebene Bauhaus-Meister und -Schüler am 19. Juli 1933 noch selbst die Auflösung des Bauhauses, doch das war nicht einmal eine letzte Geste "der geistigen Entscheidungsfreiheit", wie Lily Reich es kommentierte. Zumal sie selbst wie auch Herbert Bayer, Ernst Neufert und andere Bauhäusler sich später zumindest zeitweise mit der nationalsozialistischen Kultur arrangierten.

Doch mit dem Ende des Bauhauses begann im Grunde erst sein Mythos, der bis heute anhält. Für den Chemnitzer Formgestalter Karl Clauss Dietel, der, wie er selbst sagt, "im Geiste des Bauhauses" studiert hat, liegt die Bedeutung der Schule in der Hinwendung der Künste, der angewandten wie der freien, zur Gesellschaft - dies war ursprünglich die relativ offene Gesellschaft der Weimarer Republik. Das Bauhaus habe einen Impuls in der veränderten gesellschaftlichen Situation gegeben, der auch in der Beschäftigung der Künste mit der Industrie bestand. "Das war revolutionär gegenüber der akademischen Kunstausbildung", sagt Dietel, der in dieser Nähe zur Industrie auch einen Grund dafür sieht, dass das Bauhaus 1925 nach Dessau umzog, wo mit den Junkers-Flugzeugwerken und dem Chemiedreieck Buna-Leuna-Agfa für damalige Verhältnisse "Hightech"-Unternehmen angesiedelt waren.

Für Dietel auch ein Fingerzeig darauf, was man in der Gegenwart vom Bauhaus lernen könne: "Dass junge Gestalter auch heute, in den Zeiten des Turbokapitalismus, ausgehend von den gesellschaftlichen Bedingungen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nach dem suchen, was für die Menschen seit Jahrtausenden mehr als nur Brot allein war, Dinge, die der Mensch braucht, mit dem Anspruch, das zutiefst Menschliche darin widerzuspiegeln." Womit Gestaltung, Architektur, Produktdesign eine zwingend soziale Komponente bekommen, an der sie sich prüfen lassen müssen. Aktuelle Beispiele vereint das Buch "Social Design" von Angeli Sachs, die fürs Züricher Museum für Gestaltung eine Ausstellung zu diesem Thema kuratierte: "Es ist der Gegenentwurf zu einer entfesselten Konsumgesellschaft, die weiterhin Wachstum propagiert. Und das, obwohl klar ist, dass die Ressourcen nicht reichen, wenn wir so weitermachen", wird sie im Spiegel zitiert. Es gehe darum, "ökologisch, sozial verantwortlich, mit den Menschen zusammen nach Lösungen zu suchen, statt fertige Objekte, finale Stadtplanung wie vom All aus auf sie abzuwerfen." Oder wie es Hannes Meyer schon 1929 formulierte - in der bauhaustypischen Kleinschreibung: "so ist das endziel aller bauhaus-arbeit die zusammenfassung aller lebensbildenden kräfte zur harmonischen ausgestaltung unserer gesellschaft."

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