Die Beginner

Das Figurentheater in Chemnitz greift mit seiner ersten Premiere der neuen Spielzeit ein Thema auf, das fast schon wieder in Vergessenheit geraten schien. Und schafft ein Kunststück: Flucht wird in der Puppenwelt zur Parabel auf die Ankunft eines Kindes in seiner Umwelt.

Chemnitz.

Nimmt man die aktuellen gesellschaftlichen Debattenschwerpunkte als Maßstab, dann scheinen Flucht und Vertreibung sowie deren Ursachen keine sonderlich große Sache mehr zu sein: Die Kurven der Statistiken, in die man all das gepackt hat, zittern nicht mehr spektakulär. Bedeutet das für ein Theater, das seine Bühnenangebote als relevanten Debatten-Motor begreift: Finger weg?

Am Chemnitzer Figurentheater sieht man das anders und packt das Publikum mit der ersten Premiere der neuen Spielzeit quasi "von hinten", dafür aber sehr gekonnt: Chefin Gundula Hoffmann hat eine sehenswert gekonnte Puppenfassung des Kinderbuches "Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor" des holländischen Erfolgsautors Joke van Leeuwen inszeniert. Die Handlung spielt in einem namenlosen Land, wo die Einen gegen die Anderen Krieg führen. Das Mädchen Toda lebt dort mit seinem Vater, einem Bäcker. Als die Gefechte näher kommen und dieser Soldat wird, schickt die Großmutter das Kind allein ins Nachbarland, wo die Mutter seit vielen Jahren lebt. Toda macht auf ihrem Weg ebenso hässliche wie hoffnungsvolle Erfahrungen, die sie aber mit ihrer Kindlichkeit zu verarbeiten lernt und so tatsächlich zur Mutter kommt.

Das Buch, das die Handlung bewusst nicht an einem konkreten Platz der Welt spielen lässt, skizziert deutlich eine Fluchtroute - als erwachsener erkennt man Paramilitärs, Schlepper und politische Formalitäten in Asyldokumenten leicht wieder. Für die Bühne ist es Hoffmann dagegen gelungen, das Geschehen noch einen Schritt weiter für Kinder von der ersten bis zur siebten, achten Klasse zu abstrahieren. Es geht vor allem um Angst und Mut, um den Schritt über eine wackelige Brücke: Man muss loslassen, laufen und ankommen, und jeder Schritt birgt dabei Gefahren wie auch wundervolle Chancen. Der Haken: Freundlich wirkende Dinge können gefährlich sein, unfreundlich aussehende dagegen auch eine große Hilfe. Kinder geraten als neue Menschen ja häufig in solche kleinen und großen "Neu-Situationen" , auch wenn man als Erwachsener das oft nicht wahrnimmt. Und: Geflüchtete sitzen derzeit in vielen Schulklassen oder Kindergartengruppen - nur sind sie dort im Alltag keine "Geflüchteten", sondern eben Mitschüler und Spielkameraden mit Namen, die nett oder doof, komisch oder still, schlau oder begriffsstutzig sind. Auf dieser Ebene dockt das Stück wunderbar einfühlsam an und weckt den Blick fürs Hakelige - und seien es die mal komischen, mal kritischen Untiefen einer fremden Sprache.

Die Puppen von Barbara Weinhold sind eine Schau, sowohl knuffig als auch tough. Die Spieler Claudia Acker, Karoline Hoffmann und Matthias Redekop bewegen sie von Hand, was ständigen Wechsel zwischen langsam-sensiblem und verblüffend lebendigem Spiel sowie ulkig-eckigen "Kaspermomenten" gestattet. In dieser Spanne findet die Aufführung sowohl berührende, nachdenkliche Momente, als auch Komik. Beeindruckend ist zudem, wie die Akteure den Gruselfaktor kindgerecht hinbekommen. Hier wird nichts beschönigt, man traut den Kindern etwas zu - an den richtigen Stellen belässt man Schlimmes wie die Jagd auf einen Deserteur aber auch in der kindgerechten Andeutung. Das funktioniert, weil das Puppenspiel immer wieder ergänzt wird: Erwachsene, die keine direkten Bezugspersonen für Toda sind, werden als Pappmaskengesichter dargestellt, die ebenso grotesk komisch wie subtil bedrohlich wirken. Andere Handlungsstränge sind in kleine Polylux-Projektionen verlagert, die mitunter an die kultigen Kurzfilme des Mädchens Shadow aus "Der Bär im großen blauen Haus" erinnern. Das Ende des Stücks ist dann hell und herzlich, trotzdem aber weit vom Kitsch weg. Große Kunst auf kleiner Bühne!

Nächste Aufführungen "Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor" ist wieder am 3. und 4. November im Figurentheater Chemnitz zu sehen.

www.theater-chemnitz.de

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