Die Diva

Ein Seerosenteich im Sonnenlicht - das ist ein Sommerbild, wie es kaum ein schöneres gibt. Aber was macht die Faszination Seerose aus? Eine Betrachtung.

Es ist heiß. Sommerheiß. Das Thermometer klettert und klettert, erreicht mit Leichtigkeit die 30-Grad-Marke. Jetzt in kühles Wasser eintauchen. Jetzt im Liegestuhl unter schattigen Bäumen liegen. Jetzt ... Doch der Alltag sieht anders aus, Urlaub und Schulferien lassen noch auf sich warten. Denken wir uns in eine Sommerwelt fernab von Arbeit, Pflichten, Hektik. Schalten wir das Kopfkino ein.

Ganz ruhig liegt der See. Stille. Auf dem Wasser Seerosen. Die schwimmenden Blätter bilden einen malerischen Spiegel, in vollendeter Harmonie schweben die Blüten auf dem dunklen Wasser. Perlen gleich sammeln sich Wassertropfen auf dem Grün der Blätter. So ein Bild strahlt Ruhe aus, verbreitet eine friedliche Atmosphäre. Und eine geheimnisvolle Schönheit - wer da nicht ins Träumen kommt!

Claude Monet ist dieser Schönheit regelrecht verfallen gewesen. Voller Leidenschaft malte der französische Impressionist (1840 bis 1926) Seerosen. Immer und immer wieder. Mehr noch: In seinem Garten in Giverny, einem kleinen Ort etwa 60 Kilometer von Paris entfernt, ließ er sich einen großen Seerosenteich anlegen, von Bambus und Trauerweiden umrahmt. Eine japanische Brücke führt darüber. Was für ein Anblick! In diesem Paradies malte er seine berührenden Seerosenbilder, für die er bis heute so berühmt ist. Eines seiner schönsten Gemälde, "Nymphe'as en fleur", wechselte in einer Versteigerung des Auktionshauses Christie's im vorigen Jahr für atemberaubende 84,7 Millionen Dollar den Besitzer.

Doch Monet ist nicht der einzige, der der Faszination Seerose erlegen ist. Schon in der Antike war sie begehrt und beliebt. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Auch wenn es nur der kleine Gartenteich ist, den eine Handvoll Seerosen zu etwas ganz Besonderem macht.

Aber was ist das Geheimnis? Was macht diesen märchenhaften Zauber aus? Der botanische Name der Seerose lautet Nymphaea. Wer denkt da nicht sofort an Wassernymphen? Nicht ganz falsch: Bereits in der Mythologie der Griechen und der Römer kommt die Seerose vor. Es heißt, dass sich eine Nymphe in Herakles verliebte. Als er ihre Liebe nicht erwiderte, starb sie an gebrochenem Herzen. Die Götter waren von dieser unerfüllten Liebe so berührt, dass sie das Nymphlein als Seerose wieder zum Leben erweckten. Es gibt auch eine andere Seite: Der Volksglaube warnte einst davor, die Blüten der Seerosen zu pflücken. Sie seien die Seelen Ertrunkener, diese Blüten zu verschenken sollte Unglück bringen. Aber diese Befürchtungen werden nicht allerorts geteilt: Noch heute schmücken junge Mädchen nach sorbischem Brauch eine Krone mit Blüten aus Seerosen, Kornblumen, Rosen und Karthäuser Nelken für das Johannisfest, das alljährlich am 24. Juni begangen wird. Die Seerosen, von den Burschen vor Sonnenaufgang gepflückt, stehen dabei für die Verbindung zum Wasser.

Selbst in der Volksmedizin bekam die Pflanze ihren Platz. Die äußerliche Anwendung des Wurzelstockes für Waschungen, Bäder und Umschläge sollte bei leichten Verbrennungen und Entzündungen helfen. Zur inneren Anwendung als Tee zubereitet sollte er Kopfschmerzen, Husten sowie Erkrankungen der Harnwege vertreiben, ein Sud aus den Blüten galt als beruhigend und wirksam gegen Ängste. Doch damit nicht genug. Die Einnahme der Blüten und Samen, so war bekannt, könne unkeuschen, wollüstigen Träumen Einhalt gebieten. Man sagt, Nonnen und Mönche hätten sich mit dem Verzehr der Samen gegen die aufkeimende Fleischeslust geschützt. Das Kloster Tegernsee führte die Weiße Seerose einst im Wappen. Aus diesem Grund? Schluss mit Krankheit und Gier! Ging es nicht um die Schönheit und die Faszination der Wasserpflanze?

Wenn man es sich recht überlegt, hat so eine Seerose auch etwas Divenhaftes an sich. Wie alle Diven steht sie recht spät auf, die Sonne muss sie darum bitten. Erst am späten Vormittag öffnen sich die Blüten, schließen sich zur Dämmerung wieder zu grünen Knospen. Nachts, im Schatten oder bei Regen verschließt sich die Lady. Von Juni bis September dauert dieses Spiel. Und was vielen gar nicht bekannt ist, so eine Blüte öffnet und schließt sich je nach Sorte nur drei Tage lang. Es sind immer wieder neue Blüten, die auf der Teichoberfläche auftauchen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie so oft im Leben gilt auch für die Seerose: Die Schönheit der Oberfläche wird bewundert, die harte Arbeit dahinter sieht man nicht. Diesen Gedanken bringt Theo Germann, ein namhafter Seerosengärtner aus Speyer, ins Spiel. Die eigentliche Arbeit finde im Schlamm am Grund des Sees statt, meint er. Dort wurzelt die Pflanze, dort speichert das sogenannte Rhizom die Nährstoffe. In den Stielen hält ein kompliziertes Leitungssystem die Versorgung aufrecht: Hohlräume transportieren Sauerstoff abwärts und Nährstoffe aufwärts. Im Winter ziehen sich frostharte Sorten in den Untergrund zurück. Die Wurzel bleibt im Schlamm versteckt, wartet auf das nächste Frühjahr.

Seerosen gibt es heute weltweit in rund 70 verschiedenen Arten. Und sie erfreuen sich bei Gartenliebhabern großer, wachsender Beliebtheit. Zu verdanken ist das wohl vor allem der Entdeckung der Amazonas-Riesenseerose (Victoria amazonica), 1837 nach Englands Queen Victoria benannt. Sie hat in ganz Europa ein regelrechtes Seerosenfieber ausgelöst. Während in europäischen Gewässern nur eher kleinere Arten wie die Weiße Seerose (Nymphaea alba), die Glänzende Seerose (Nymphaea candida) oder auch die Gelbe Teichrose (Nuphar lutea) heimisch waren, überraschte die gigantische Amazonas-Riesenseerose Mitte des 19. Jahrhunderts Botaniker wie Gärtner und Seerosenliebhaber gleichermaßen mit ihren Superlativen. Die im Amazonas-Gebiet Heimische beeindruckt durch einzigartige, kreisrunde schwimmende Blätter, die an ihren Rändern weit hochgebogen sind, und über einen atemberaubenden Durchmesser von bis zu drei Metern verfügen. Diese Blätter sitzen an sieben bis acht Meter langen Stielen und sind derart stabil, dass sie einen Menschen tragen können. Etwas ganz Besonderes sind auch die Blüten, die bis zu 40 Zentimeter Durchmesser haben. Sie öffnen sich nämlich nur des Nachts, zeigen sich in der ersten Nacht weiß, in der zweiten rosafarben. In der dritten Nacht hat sich die Blüte oft schon verausgabt und beginnt wieder im Wasser zu versinken. Das Schauspiel hat der Victoria den Beinamen "Königin der Nacht" eingebracht.

Kein Wunder, wer dieses je erleben durfte, wollte so eine Seerose haben. Dieser Wunsch aber scheiterte zumeist schon daran, dass sich nur die Wenigsten ein richtig großes beheiztes Becken leisten konnten, auf das die anspruchsvolle Victoria nun einmal besteht. Das ist vielleicht auch schon der größte Nachteil der tropischen Seerosenarten: Sie mögen nicht nur viel Sonne, wie alle anderen Seerosen auch, sondern sie brauchen auch warmes Wasser, was in unseren Breitengraden bedeutet, dass sie in der Regel nicht winterhart sind. Dennoch müssen Seerosenfreunde nicht gleich verzweifeln, denn es gibt nicht nur die erwähnten zahlreichen Seerosenarten, sondern mittlerweile auch winterharte Sorten, die sich im kühleren heimischen Gartenteich halten lassen. Und schon längst tragen Seerosen nicht mehr allein das reine, unschuldige Weiß, wie unsere hiesige Nymphaea alba, die Weiße Seerose. Lange führte sie ein Mauerblümchendasein, bis Mitte des 19. Jahrhunderts tropische Formen und neue Züchtungen faszinierten, Seerosen generell in Mode kamen. Die Farbskala reicht heute von der hellgelben Gold Medal über die rosa leuchtende Angelique bis zur lavendelblauen Key Largo. Andere Sorten blühen tiefrot, blau, quittengelb. Es scheint fast nichts an Farben und Formen zu geben, was es auf Gartenteichen nicht gibt. Wer sich für etwas ganz Exotisches entscheidet, muss allerdings für ein Überwintern im Keller sorgen.

Aber das passt jetzt nicht mehr in unser Kopfkino. Was zeigt es? Einen stillen See im Sonnenlicht. Kein Lüftchen weht, weiße oder zartrosa Seerosenblüten inmitten der dunkelgrünen Blätter schmücken ihn. Libellen schweben über der Idylle. Das ist Sommer. Soooo schön.

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