Die fantastischen Vier

Das Janoska-Ensemble, ein Quartett von Vollblutmusikern aus der Slowakei, zählt sich zur Klassikszene und räumt doch mit manch strenger Regel der Branche auf. Mit welcher, das kann man am Wochenende in Chemnitz live mit ihnen erleben.

Chemnitz.

So sommerlich die Temperaturen am Mittwochmittag im Orchesterprobenraum unterm Dach der Chemnitzer Oper auch sind - irgendwie wirken die Mitglieder der Robert-Schumann-Philharmonie, die kurz vor 14 Uhr zur Pause drängen, entspannt, erfrischt, gelöst. Das könnte an der Musik liegen, die sie eben gerade probiert haben: Sie klingt vom Grundton klassisch, dann und wann aber auch nach Wiener Kaffeehaus, nach Balkan, nach Urlaub unter südlicher Sonne, vertraut und doch ungewohnt.

Zudem war das Orchester nicht unter sich: Mit Ondrej Janoška, Roman Janoška (Violine), František Janoška (Klavier) und Julius Darvas (Kontrabass) hat es eben unter der Leitung von Kapellmeister Jakob Brenner die erste Verständigungsprobe für zwei Konzerte hinter sich gebracht, die Samstagabend sowie Sonntagvormittag im Straßenbahnbetriebshof Adelsberg stattfinden.

"Janoska Ensemble Goes Symphonic" lautet der Titel des Programms, das die in Wien lebenden Vollblutmusiker aus der Slowakei bereits mit drei Sinfonieorchestern präsentiert haben. "Die Chemnitzer sind das erste deutsche Orchester, mit dem wir meine erste Sinfonie spielen. Es ist also auch deren deutsche Erstaufführung", erläutert František Janoška. Der Pianist ist in Sachen Komposition und Arrangements Erster unter Gleichen in dem Quartett, das mit dem "Janoska Style" seit 2013 die Musikwelt aufrollt. Und es war eine gute Entscheidung, die Einladung aus Chemnitz anzunehmen, weiß er jetzt: "Das Orchester hat sich von der ersten Note an voll auf uns eingelassen, und Jakob Brenner ist eine sehr musikalische und zielstrebige Persönlichkeit."

"Janoska Style" - das ist eine einzigartige Mischung aus Klassik, Jazz, Weltmusik aus allen erdenklichen Quellen zwischen Bratislava und Brasilien - und vor allem gewürzt mit viel Improvisation: Die, sagt Ondrej Janoška, sei in den vergangenen Jahrhunderten aus der klassischen Kunstmusik praktisch verschwunden, obwohl deren beste Köpfe brillante Improvisatoren waren. Mit ihrem Stil zu musizieren, wollen die Vier diese unerschöpfliche Quelle der Kreativität auch im Dunstkreis der Klassik wieder zum Sprudeln bringen. So, wie sie im Jazz selbstverständlich dazugehört. Szenenapplaus für exponierte Soli inklusive. Nicht als Privileg nur für sich: In besagter Sinfonie, "Variations along the Danube", deren Programm eine mitreißende, klangfarbreiche Reise entlang der Donaumetropolen in vier Sätzen verspricht, geben sie auch dem Orchester und einzelnen Musikern ausgiebig Gelegenheit zur Spontaneität. Wie sie es auch bei Workshops mit Musikstudenten tun. "Das setzt ungeahnte Kräfte frei", so František Janoška. "Als ob man einen Schalter umlegt."

Auch in komponierten Passagen wird das Orchester nicht zum "Wasserträger" für vier brillierende Solisten degradiert, sondern agiert mit ihnen musikalisch-technisch auf Augenhöhe. Hoch motivierend, wie die Musiker unlängst bei der Arbeit mit einem italienischen Sinfonieorchester feststellen durften: "Der Orchestermanager erzählte uns, die Musiker seien zum ersten Mal eine Stunde früher als üblich zur Probe gekommen, um sich in die Noten einzuarbeiten", erzählt Darvas.

In der Familie Janoška wird in der sechsten Generation Musik gemacht. Die haben sie mithin mit der Muttermilch aufgesogen, von klein auf zusammen musiziert und wurden vom Vater spielerisch gefördert wie gefordert: "Ging er auf Konzertreise, hat er uns immer eine Melodie hinterlassen, auf die er von uns bei seiner Rückkehr Variationen hören wollte", erinnert sich František Janoška. Die drei Brüder sind Väter von insgesamt acht kleinen Kindern, die sich musikalisch ebenso hoffnungsvoll entwickeln.

Heute spielen die drei Herren in renommierten Orchestern und beschlossen vor rund sechs Jahren, gemeinsam mit Julius Darvas, dem Mann ihrer Schwester, zusätzlich ihr eigenes Ding zu machen - auch weil Freunde wie Starsopran Anna Netrebko und Cellist Mischa Maisky ihnen dringend dazu geraten hatten. Sie verarbeiten sowohl klassisches Material als auch Standards aus Pop und Jazz - oder verschmelzen diese. So beginnt ihre Coverversion des Beatles-Standards "Yesterday" mit einem später Eigenleben entwickelnden Zitat aus der ersten Cellosuite von Johann Sebastian Bach - dem "größten Jazzer aller Zeiten", wie Roman Janoška ihn nennt. Musik, die selbst ein so traditionsbewusstes Label wie "Deutsche Grammophon" (DG) überzeugte: Dem dort 2016 erschienenen Debütalbum, das sich laut DG-Pressestelle sehr gut verkaufte, folgte im April die zweite CD, "Revolution", die neben "Yesterday" und zwei weiteren Beatles-Covers unter anderem Eigengewächse und die Ouvertüre zu "Figaros Hochzeit" mit jiddischem Akzent enthält.

Die Vier genießen das Tourleben, das ihnen allein dieses Jahr rund 100 Konzerte zwischen Texas und Hongkong beschert: "Wir arbeiten und sind doch in der Familie!", sagt Ondrej. Dass ihre Chemnitzer Konzerte mit dem Straßenbahnbetriebshof an einem unüblichen Ort stattfinden, bringt extra Abwechslung. Zu Musikern, die die Improvisation lieben, passt das irgendwie.

Die Konzerte mit dem Janoska-Ensemble und der Robert-Schumann-Philharmonie finden am Samstag, 19 Uhr, sowie am Sonntag, 11 Uhr, im Straßenbahnbetriebshof Chemnitz-Adelsberg, Carl-von-Ossietzky-Straße 186, statt. Kartentelefon: 0371 4000430. www.theater-chemnitz.de

 

 

 

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