Die helfende Hand

Mit der Ausstellung "Aus Sachsen!" präsentieren die Kunstsammlungen Chemnitz hiesige zeitgenössische Kunst, die Kunsthistoriker Werner Schmidt aus den Wendejahren für die Ostdeutsche Sparkassenstiftung zusammengetragen hat.

Chemnitz.

Werner Schmidt war ein besonderer Mensch. Geboren 1930 in Pirna, Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik in Leipzig und Berlin, wurde er schon in jungen Jahren, 1959, Direktor des Kupferstichkabinetts in Dresden. Als solcher beschränkte er sich keineswegs auf die Verwaltung des zweifellos bedeutenden und reichhaltigen Erbes, sondern setzte wie sonst nur wenige die Macht seiner Position dafür ein, auch offiziell ungeliebten, diskriminierten, ignorierten Künstlerinnen und Künstlern ein Podium zu geben, ihre Werke der Nachwelt zu bewahren. Hermann Glöckner, Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus sind nur die inzwischen Bekanntesten, deren Arbeiten Schmidt ankaufte, in die Sammlung des Kupferstichkabinetts aufnahm, in Ausstellungen, manchmal privat zu Hause, zeigte. Aber auch Arbeiten westlicher Künstler - Horst Antes, Hans Hartung, Picasso - holte der Freigeist Schmidt nach Dresden. Er organisierte als einer der Ersten in der DDR ab 1963 Aktionen, die vor allem junge Leute für die Kunst begeistern sollten. Eine Anerkennung seines jahrzehntelangen Wirkens: Ende 1989 wählten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den Freigeist zu ihrem Direktor.

So war es nur folgerichtig, dass einige Jahre später 2001 der Ostdeutsche Sparkassen- und Giroverband Werner Schmidt beauftragte, ein Porträt der Kunst im Sachsen der 90er-Jahre zusammenzustellen. Bei Atelier- und Galeriebesuchen sammelte Schmidt mehr etwa 120 Grafiken, wenige Gemälde, entstanden zumeist zwischen 1970 und der Jahrtausendwende, abseits der ganz großen Namen. Kein Glöckner, kein Claus, kein Altenbourg. Stattdessen die damals jungen Rosa Loy, Lutz Fleischer, Moritz Götze, Eberhard Havekost, Jürgen Höritzsch, Uwe Kowski, Frank Maibier, Carsten Nicolai, Osmar Osten, Neo Rauch. Und die etwas Älteren, die in der DDR wenig bis keine offizielle Anerkennung gefunden hatten oder im Schatten anderer standen, aber unbeirrt ihren eigenen künstlerischen Weg gegangen waren: Angela Hampel, Christine Heitmann, Gerda Lepke, Gudrun Petersdorff, Mitglieder der Clara-Mosch-Gruppe, Hartwig Ebersbach, Eberhard Göschel, Erich-Wolfgang Hartzsch, Wolfgang E. Biedermann, Strawalde, Matthias Stein, Werner Wittig.

Dies war in Zeiten, da die Deindustrialisierung im Osten Deutschlands ihre Wirkungen am härtesten spüren ließ, die Arbeitslosigkeit bei mehr als 20 Prozent lag, die Menschen vielfach das pure Überleben mehr interessieren musste als die Kunst, auch eine nicht zu unterschätzende Unterstützung für den Aufbau und die Konsolidierung eines sächsischen Kunstmarktes. Denn auch die Künstler hatten unter der Situation zu leiden. Das 1989/90 kurz aufflackernde internationale Interesse an ostdeutscher Kunst war relativ schnell wieder erloschen und hatte den üblichen Kunstmarktmechanismen Platz gemacht. Da war die Würdigung eines kontinuierlichen, vielstimmigen Kunstschaffens in Sachsen sowohl ein materielles, vor allem aber ideelles Zeichen, das ganz dem jahrzehntelang von Werner Schmidt gelebten universellen Verständnis von Kunst entsprach.

All dies spiegelt sich mehr oder weniger direkt in den Arbeiten wider, die jetzt in den Kunstsammlungen Chemnitz unter dem Motto "Aus Sachsen!" zu sehen sind. Bis 2017 war die Sammlung in einem Objekt des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, wie er inzwischen heißt, in Lichtenwalde zu sehen. Nachdem das Haus aufgegeben wurde, kommt die Sammlung nun als Dauerleihgabe an die Kunstsammlungen Chemnitz und bietet einen aufschlussreichen Einblick in diese "Zwischenzeit", in der Künstler unbeirrt ihren Weg weitergingen, unbeeinflusst von Moden und Markt, in der andere suchten und sich neu fanden, in der Entdeckungen zu machen sind, die den Arbeiten bekannterer Maler und Grafiker nicht nachstehen. Eine Ausstellung, die die Möglichkeit bietet, wie die Kunsthistorikerin Susanne Altmann sagt, die "Werke von ihrem zeitgeschichtlichen Kontext zu befreien, sie chronologisch und global einzuordnen". Nicht jedes Kunstwerk wird die Zeiten überdauern, manche ihrer damaligen Positionen haben Künstler inzwischen aufgegeben, verwirklichen sich jetzt in ganz anderen Medien, manche Sehnsucht aus den damaligen Werken ist noch immer nicht eingelöst. Auch dies macht die Ausstellung sehenswert.

Zur Eröffnung der von Kerstin Drechsel kuratierten, großzügig und sehenswert gehängten Ausstellung spielten mit dem Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer und dem Gitarristen Helmut "Joe" Sachse passenderweise zwei Wegbegleiter, Zeitgenossen jener Jahre, die ähnliche Erfahrungen machen mussten wie die bildenden Künstlerinnen und Künstler. Vielleicht auch deshalb spornten sie sich zu einem wilden Feuerwerk auf Trommelfellen und Stahlsaiten an, das noch einmal die ganze Wut und den ganzen Mut der Verzweiflung hörbar machte, die die Jahrtausendwende prägten. Dies wird einer Ausstellung gerecht, die man mit Gewinn sowohl als ein Vermächtnis des 2010 verstorbenen Werner Schmidt wie auch eine Hommage an den freien Geist der Kunst sehen kann.

Die Ausstellung "Aus Sachsen!" mit Werken zeitgenössischer Malerei und Grafik aus der Sammlung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung ist bis 22. April in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. Geöffnet ist dienstags sowie donnerstags bis sonntags 11 bis 18 und und Mittwoch 14 bis 21 Uhr. www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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