Die Japan-Europa-Schmelze

Schloss Augustusburg widmet sich mit seiner Schau "Große Augen garantiert" dem Phänomen Manga - und schafft mit simplen Mitteln einen verblüffend guten Zugang.

Augustusburg.

Die vielleicht erst einmal schützende, letztlich aber immer kontraproduktive Weigerung, sich mit der verwirrenden Vielschichtigkeit der kulturellen Phänomene unserer großen Welt auseinanderzusetzen, ist längst in den oberen Zirkeln des Kulturbetriebs selbst angekommen. Zum Beispiel Manga: Fans dieser erfolgreichen asiatischen Popkultur prägen, verkleidet als Trickfilm- oder Comicfiguren, seit Jahren das Bild der Leipziger Buchmesse. Doch wie wenig diese sogenannten "Cosplayer" dabei verstanden werden, machte in diesem Jahr der Literaturjournalist Carsten Otte deutlich: Im schäumenden Kommentar "Kein Ort für nackte Hasen" forderte er im Südwestfunk, derlei Figuren sollten von der Messe verschwinden, da sie die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung im Literaturbetrieb konterkarierten. Was folgte, war ein Aufstand im Internet nebst Schlagabtausch im Feuilleton, wobei sich die Debattentiefe um das Thema auf die Ebene "darf die Jugend bunt, frei und durchgeknallt sein oder nicht und wenn ja, wo" erschöpfte - und ansonsten an den Manga-Fans selbst, die darüber hinaus sowieso vor allem als beliebte Foto-Deko dienen, meilenweit vorbeiging.

Daher ist es nur begrüßenswert, dass Schloss Augustusburg mit seiner aktuellen Sonderschau "Mangamania - Große Augen garantiert" das Phänomen einmal fundiert aufs Tablet hebt, auch wenn das Thema Manga so vielschichtig und komplex ist, dass selbst wesentlich potentere Häuser daran schwer zu heben hätten und Mut zur Lücke ergo eine Grundvoraussetzung der Schau ist. Natürlich kommt die Ausstellung auch bunt daher, will mit hohem Mitmach-Faktor die Schwelle für Familien und Touristen niedrig hängen. Aber: Sie trifft von der ersten Tafel an einen passenden Sound zum Phänomen. In Augustusburg wird Manga als Kunstform einerseits sehr ernst genommen, andererseits aber auch kein Diskurs á la Buchmesse aufgedrückt. Man komme erst einmal und schaue!

Den Einstieg bilden in der Ausstellung kunstvolle wie skurril anmutende japanische "Bilder der fließenden Welt", Farbholzschnitte aus der Edo-Zeit im 17. Jahrhundert, teilweise aus der hauseigenen Sammlung, die man als Urform der Mangas sehen kann. Weiter geht es mit dem Frauenbild im Manga, das in den 1930er-Jahren erstmals seine starke europäische Prägung erfuhr. An dieser Stelle zeigt sich bereits, wo die Schau dünn bleibt, dünn bleiben muss angesichts der begrenzten Möglichkeiten: Dass Mangas, eine Assimilation der europäischen Kultur im Japanischen, durch ihren späteren Siegeszug hierzulande eine erhebliche, oft verborgene Japanisierung des Europäischen bewirkt haben und damit als Musterbeispiel für eine lustvolle kulturelle Globalisierung "von unten" gelten müssen, bei der Inhalt und Tiefe keineswegs auf der Strecke geblieben sind, wird in der Ausstellung bestenfalls angerissen.

Aber der Anspruch von "Mangamania" ist vor allem, beim Besucher einen Fuß in die Tür zu stellen und einen offenen Zugang zu dem Thema zu schaffen. Und anzureißen, wie unfassbar vielfältig und reich das Ergebnis ist: Eine umfassende Erklärung will die Schau gar nicht liefern - in das unendliche Wirrwar der vielen tausend Heftserien mit jeweils eigenen Universen voller skurriler, oft nur für Insider verständlicher Figuren begibt sie sich nicht.

Wer einmal in einer Buchhandlung vor einem Manga-Regal stand und sich von der bunten Vielfalt bereits erschlagen fühlte, bevor er auch nur ein Heft in die Hand nehmen konnte, versteht aber sofort, dass das ein Vorteil ist: Augustusburg zeigt einen behutsamen, leichten Weg in die Materie, dosiert den Schauwert familientauglich. Das macht auch Außenstehenden jede Menge Lust, sich am Ende der Ausstellung in die bereitstehende Mini-Bibliothek zu fläzen und einige Manga-Bände durchzusehen. Und auch sonst gibt es vielfältige Zugänge, etwa mit einer riesigen Magnetwand, an der man selbst Manga-Charaktere gestalten kann und dabei mehr über die unheimliche Variationsbreite simpler Grundzutaten erfährt als aus langen Erklärungen. Es gibt interaktive Videospiele, Filmsequenzen, eine beeindruckende Auswahl aufwendiger Cosplayer-Kostüme sowie Bastel- und Zeichentische - Manga ist eine Kunst, die zum Selbermachen geradezu einlädt. Dass die Schwelle vom Konsum zur Eigenkreativität bei diesem Phänomen so niedrig ist wie bei kaum einer anderen Kunstform, dürfte zu den am meisten unterschätzen Positiveigenschaften der Szene gehören.

Dass kritische Blickwinkel, etwa zu den oft kruden Rollenbildern in den Geschichten und Filmen, hier nicht zur Sprache kommen, lässt sich gut verschmerzen: Hier gilt es, erst einmal den Boden für eine tiefere Auseinandersetzung zu ebnen. Und angedeutet wird der Aspekt immerhin - mit einer kleinen "Ab-18"-Ecke, in der der Bogen von recht deftiger japanischer Erotik-Kunst des 18. Jahrhunderts bis zu Porno-Animes geschlagen wird - ohne dabei in die nicht untypischen drastischen Bereiche dieses Sub-Zweigs der Szene vorzudringen.

Die Ausstellung "Mangamania - Große Augen garaniert" ist noch bis 10. Dezember auf Schloss Augustusburg zu sehen. Geöffnet ist täglich von 9.30 bis 18 Uhr.

www.die-sehenswerten-drei.de

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