Die letzten Zeugen

Unfall oder Mord? Eine Ausstellung in Ingolstadt wendet sich der Arbeit der Rechtsmediziner zu und führt mit drastischen Bildern und Exponaten "Vom Tatort ins Labor"

Ingolstadt/Berlin. Wie hat sich das Image der Rechtsmediziner in den vergangenen Jahren entwickelt? Nimmt man Fernsehserien zum Maßstab - positiv. Statt am Seziertisch teilnahmslos Wurststullen zu verzehren und zynische Witze zu reißen, stiehlt im Münster-"Tatort" Jan-Josef Liefers als Medizinprofessor dem ermittelnden Kommissar Axel Prahl gern die Schau. Im ZDF hatte Ulrich Mühe schon vor Jahren als "Der letzte Zeuge" gleich die Hauptrolle übernommen. Ganz zu schweigen von den US-Vorbildern wie "CSI" und "Quincy", in denen die eigentlichen Ermittler längst zu bloßen Statisten degradiert sind.

Dass das dort vermittelte Bild mit der Wirklichkeit aber nur sehr wenig zu tun hat, daran stört sich der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos schon lange. Natürlich verdanke sein Berufsstand solchen Serien eine große Popularität, "aber wir führen weder Ermittlungen durch noch stürmen wir mit vorgehaltener Waffe Wohnungen", sagt der Leiter der Berliner rechtsmedizinischen Institute von Charité und Land Berlin, die täglich sechs bis 13 Fälle mit zweifelhafter Todesursache auf den Seziertisch bekommen.

Gemeinsam mit der Kuratorin Navena Widulin hat Tsokos deshalb die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf" initiiert, die nach ihrer Premiere im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité jetzt im künftigen Bayerischen Polizeimuseum im Turm Triva in Ingolstadt zu sehen ist. Die Ausstellung soll Einblicke in rechtsmedizinische Arbeitsweisen geben. "Auf behutsame Weise", wie Tsokos versichert. "Behutsam" zumindest aus Sicht abgehärteter Rechtsmediziner.

Eine ausgestreckte Hand und ein Fuß ragen unter einem weißen Tuch hervor. Dort wo man den Kopf vermutet - rotes Blut. Daneben ein dreiarmiger Kerzenständer aus massivem Metall. Gleich zu Beginn des Rundgangs erwartet den Besucher die Szenerie eines Tatorts, die der eines tatsächlichen Berliner Raubmordfalles nachempfunden ist. Klebestreifen markieren gefundene Fingerabdrücke und Haare. Pfeile weisen auf Blutspitzer auf Blümchentapete und Wollteppich hin. Auf dem Koffer des Rechtsmediziners liegt ein elektronisches Thermometer - zur Bestimmung der Körper- und der Umgebungstemperatur und damit des Todeszeitpunkts, der sich keineswegs, sagt Tsokos, so minutenpräzise wie im Fernsehen ermitteln lasse.

Von hier aus vollzieht die Ausstellung jene Schritte nach, die zum Alltag von Rechtsmedizinern gehören und im Fall von "Anna M., 78 Jahre" schließlich den Täter und seinen Komplizen überführten - vom marmornen Seziertisch für die Obduktion über eine Vitrine mit Abstrichröhrchen, DNA-Modell und für Laien kaum aufschlussreichen Diagrammen bis hin zum Gerichtssaal, in dem Rechtsmediziner schließlich als Gutachter aussagen. In der Ausstellung wird er durch einen Zeugenstand und eine Kollektion von "Asservaten" illustriert: zwei Dutzend Mordwerkzeuge, Klapp- und Springmesser, Pistolen, Kneifzangen, ein schwerer Glas-Aschenbecher, Seile, ein Verlängerungskabel, ein elektrisches Küchenmesser.

Ersticken, Vergiften, Erhängen, Schuss- und Stichverletzungen: Auch wenn Tsokos und Kollegen nicht müde werden, zu betonen, es sei nicht ihr Anliegen, effektheischend Voyeurismus zu bedienen, sondern Wissenswertes auf eine faktendichte, gelehrsame Weise zu vermitteln, erscheint der zweite Teil der Ausstellung als eine Art Schaukabinett der Schrecken. Mithilfe von in Laborschränken präsentierten Wachsmodellen und von Fotos, die auf metallene Seziertische aufgeklebt sind, werden dort neun verschiedene nichtnatürliche Todesarten präsentiert. In der Abteilung "Brand" sind zum Beispiel Aufnahmen eines verkohlten Leichnams auf der Rückbank eines ausgebrannten Autos zu sehen, das während der Fahrt auf einer Landstraße unvermittelt explodierte.

Auf dem Boden des Wagens fand man, wie die begleitenden Texttafeln mitteilen, Spuren von Benzin und ein Feuerzeug. Der Fahrer, so stellten die Experten fest, war von der Explosion nach hinten geschleudert worden. Der Zahnabgleich machte eindeutig, dass es sich bei dem Toten zweifelsfrei um den bereits vermissten Fahrzeughalter handelte, der sich auf diese Art das Leben genommen hatte. Ein anderes Foto zeigt den Kehlkopf eines Krankenhauspatienten, der trotz Schluckbeschwerden und dem ärztlichen Verbot zu essen, eine Mandarine vom Nachttisch seines Bettnachbarn stibitzte - und daran erstickte. In einem Lungenpräparat steckt das versehentlich eingesogene Mundstück einer Tabakpfeife.

Bewusst ausgespart, sagt Tsokos, habe man aus Platzgründen die historische Entwicklung des Fachs. Auch auf die Präsentation von Missbrauchs-, Kindstodfällen oder Serientötungen sei aufgrund ethischer Bedenken verzichtet worden. Was aber tatsächlich fehlt, ist auch nur eine Andeutung der politischen Implikationen, die das Thema Rechtsmedizin birgt. Von DNA-Tests und Täterdateien ist zwar die Rede, zu den datenschutzrechtlichen Debatten, wie sie in den vergangenen Jahren in diesem Zusammenhang geführt worden sind, hat die Schau aber nichts beizutragen.

Ein Manko, zumal die Expertensicht dazu vermutlich Erhellendes hätte beitragen können. Auch Zahlenmaterial bietet Tsokos nur mündlich - dafür aber mit demselben Potenzial, einem Schauer einzujagen, wie es auch viele Exponate und Bilder der Ausstellung in sich bergen.

Weil in Deutschland vergleichsweise wenig obduziert werde, sagt Tsokos, bleibe laut Schätzungen jedes zweite Tötungsdelikt - nicht nur Morde, sondern auch fahrlässige Tötungen - unentdeckt. Auch in Altenheimen vermutet er eine "hohe Rate nichtnatürlicher Todesfälle, die nicht erkannt werden". Wenn die Leichenschau dort vom Hausarzt auf Experten überginge, erklärt Tsokos, "hätten wir vermutlich nicht auf jedem zweiten Totenschein Herzversagen stehen". Eine unbeabsichtigte Überdosierung von Medikamenten etwa sei gar nicht selten.

 

Die Ausstellung

Im Turm Triva in Ingolstadt, bis 11. September - dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, freitags und samstags bis 20 Uhr. Zutritt ab 16 Jahren.

www.tatort-ingolstadt.de

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