Die Mauer in den Museen

Dreißig Jahre nach der Wende will die Ausstellung "Utopie und Untergang" in Düsseldorf die Kunst der DDR rehabilitieren. Dabei unterscheidet die Schau nicht zwischen "offizieller" und "inoffizieller" Kunst.

Düsseldorf/Leipzig.

Als Willi Sitte 1974 zum Präsidenten des Verbands Bildender Künstler der DDR gewählt wurde, durfte A. R. Penck im Landschon nicht mehr ausstellen. Studium und Mitgliedschaft im Verband waren ihm verweigert worden. Seine Bilder musste er in den Westen schmuggeln. Den Humor aber hatte er nicht verloren, schickte er dem linientreuen Sitte doch Reproduktionen von dessen Gemälden, auf denen er Verbesserungsvorschläge eingezeichnet hatte. Zur Polarisierung trug das natürlich nur weiter bei. Es heißt, der westdeutsche Sammler Peter Ludwig habe 1979 in einer Ausstellung mit Kunst aus der DDR Werke von Penck abhängen lassen, weil Sitte ihn dazu gedrängt habe. Worauf sich Vernissagegäste aus Protest prompt Buttons mit dem Slogan "I like Penck" anhefteten.

Kunst aus der DDR erregte immer schon die Gemüter im Westen. Willi Sitte und A. R. Penck, der 1980 ausgebürgert wurde, sind nur zwei Positionen von vielen, die es in diesem Staat gab. Während sie in der alten Bundesrepublik durchaus präsent waren und regelmäßig gezeigt wurden, fanden sie nach dem Mauerfall im Westen nicht mehr statt.

Zählt man die große Retrospektive der Berliner Nationalgalerie (2004/05) nicht mit, die von der Bonner Bundeskunsthalle übernommen wurde, so fand in den alten Bundesländern nach 1990 nicht eine einzige Überblicksausstellung statt. Auch in den Sammlungen der großen westdeutschen Museen ist Kunst aus der DDR immer noch unterrepräsentiert. Nicht selten ist sie in Depots der Dokumentationszentren verschwunden. Die Mauer befindet sich nicht nur in den Köpfen, sie verläuft auch quer durch die deutsche Museenlandschaft.

Eine Ausstellung des Kunstpalasts in Düsseldorf soll das nun ändern. Mit 130 Werken von 13 Künstlern will die Schau "Utopie und Untergang" einen kursorischen Überblick über die Malereigeschichte der DDR geben und Vielfalt und Widersprüchlichkeit spiegeln. Ohne kulturpolitische Hintergründe zu verschweigen, sollen die Werke unter ästhetischen Gesichtspunkten bewertet und Begriffe wie "Staatskünstler" und "DDR-Kunst" ebenso hinterfragt werden wie die Unterteilung in "offiziell" und "inoffiziell". Dass das nicht jedem passt und immer noch ein Politikum ist, zeigt einmal mehr das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", das schon zwei Wochen vor der Eröffnung polemisierte, ob "DDR-Kunst" denn zu Recht rehabilitiert werde.

Natürlich, will man einwenden und auf Frank-Walter Steinmeier verweisen, der als Schirmherr schreibt, Kunst sei immer Spiegel der Zeit und darum politisch. "Es wäre aber ein Fehler", so der Bundespräsident, "Kunst auf diese politisch-gesellschaftliche Bedeutung zu reduzieren." Natürlich darf Emil Nolde nicht aus den Museen entfernt werden, weil er mit den Nazis sympathisierte. Natürlich muss Ernst Ludwig Kirchner gezeigt werden, auch wenn er Minderjährige malte. Und natürlich muss auch Willi Sitte in einer Ausstellung über Kunst in der DDR zu sehen sein. Alles andere hieße, die Geschichte zu glätten und die Kunstfreiheit zu beschneiden.

Zumal die Fronten nicht immer klar verliefen und selbst ein Kulturfunktionär wie Sitte bei der "5. Deutschen Kunstausstellung" 1962 als Formalist abgewiesen und bespitzelt wurde, bevor er Mitglied im Zentralkomitee der SED und selbst Informant der Stasi wurde. In der von Steffen Krautzik kuratierten Schau hängen sie darum alle gleichwertig nebeneinander, die Vertreter der Leipziger Schule, die Sozialistischen Realismus propagierten, sowie die Einzelgänger und Dissidenten. Bernhard Heisigs "Brigadier II" (1968/79) und Gerhard Altenbourgs "Ecce Homo" (1949). Werner Tübkes als Vorarbeit für sein Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen entstandene "Weihnachtsnacht 1524" (1976) und der "Strauß mit roten und gelben Blüten" (1948) von Hermann Glöckner, der als wichtigster Abstrakter der DDR gilt. Wolfgang Mattheuers "Die Flucht des Sisyphos" (1972) und der "Sprechakt" (1966) des von der Stasi observierten Carlfriedrich Claus, dessen Blätter der Düsseldorfer Sammler Willi Kemp DDR-Grenzern als Kinderzeichnungen deklarierte, um sie in den Westen zu bringen.

Elisabeth Voigt und Wilhelm Lachnit sind gar erstmals im Westen zu sehen. Cornelia Schleime reiste zur Eröffnung extra an. Konsequenterweise hätten auch Walter Womacka und Sighard Gille in die Ausstellung gehört. Auch sie prägten mit ihren riesigen Auftragswerken am Haus des Lehrers in Berlin und im Foyer des Gewandhauses in Leipzig die Kunst der DDR. Ebenso die Bauarbeiterbrigaden von Günther Brendel oder der Volkskünstler Eberhard Buchholz. Ob sie nur wegen der selbst auferlegten Reduzierung auf 13 Positionen fehlen, sei dahingestellt. Hartwig Ebersbach, Arno Rink, Hans-Hendrik Grimmling oder Volker Stelzmann sucht man schließlich auch vergebens. Eine Ausstellung wie die des Museums der bildenden Künste in Leipzig, das sich in "Point Of No Return" mit 106 Künstlern nur der Wendezeit widmet, kann da natürlich mehr leisten.

Wie dem auch sei. Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft. Der Kunstbetrieb auch. Dass Kunst aus der DDR erst 30 Jahre nach dem Mauerfall im Westen ankommt, sagt viel über westdeutsche Ignoranz und das Desinteresse am Osten aus. Ob der neue Wissensdurst in den alten Ländern über das Wendejubiläum hinaus Bestand hat, wird sich zeigen. Ein Anfang, als den Kurator Stefan Krautzik seine Ausstellung idealerweise verstanden wissen will, ist immerhin gemacht.

Die Ausstellung "Utopie und Untergang. Kunst in der DDR" ist bis 5. Januar 2020 dienstags bis sonntags 11 bis 18, donnerstags bis 21 Uhr im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4 - 5, zu sehen.

kunstpalast.de

 

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