Die Menschenbilder der Billhardts

Er reiste dorthin, wo Krisen und Revolutionen das Leben durcheinander schüttelten: Thomas Billhardt, gebürtiger Chemnitzer und einer der bekanntesten Fotografen der DDR. Seine Bilder aus Vietnam gingen um die Welt. Gelernt hatte er das Fotografieren von seiner Mutter, er gab es an seine Kinder weiter. Und die machten fast alles anders als er.

Chemnitz.

Die Fotos seines Vaters, zum Beispiel von der kubanischen Revolution mit Ché Guevara, aus dem Vietnamkrieg oder vom neuen chilenischen Präsidenten Allende, Fotos also, die Weltgeschichte festhielten und teils weltweit gedruckt wurden, waren für ihn nichts besonderes. "Diese Fotos waren immer da", sagt Steffen Billhardt. Er ist mit ihnen aufgewachsen - als Kind des zu den Krisen- und Kriegsgebieten rasenden Vaters Thomas Billhardt, einem der bekanntesten Fotografen der DDR. Doch eine kleine Geschichte im großen Weltenlauf ließ den Sohn neu auf den Vater blicken.

So 13 Jahre alt sei er wohl gewesen, erzählt Steffen Billhardt, als er in Berlin bei einer Ausstellung mit Fotos seines Vaters aus dem Vietnamkrieg ein Punker-Pärchen sah, so mit richtigem Hahnenkamm auf dem Kopf - das vor den Fotos geweint habe. "Da habe ich gemerkt, was die Fotos meines Vaters bewirken können", sagt Steffen Billhardt. Er ist selbst Fotograf geworden und hat die Fotografen-Tradition seiner Familie fortgesetzt, die bei seiner Großmutter begann. Unter dem Titel "Fokussiert. Die Chemnitzer Fotografenfamilie Billhardt" zeigt das Industriemuseum Chemnitz ab Freitag Werke aller drei Generationen, die ihren Ursprung in Chemnitz haben.

Oder fast. Denn Steffen Billhardts Großmutter Maria Schmid wurde am 31. Juli 1901 in Marburg an der Drau im damaligen Österreich und heutigen Slowenien geboren. Die Familie siedelte sich nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in Graz an, wo Schmid ihre Gesellenprüfung als Fotografin ablegte. 1924 zog sie nach Deutschland und arbeitete in Chemnitz - zunächst als Hausmädchen. Doch sie muss zielstrebig gewesen sein: 1927 eröffnete sie ihr erstes eigenes Atelier an der Weststraße auf dem Chemnitzer Kaßberg und heiratete 1934 den Autoverkäufer Karlheinz Billhardt. 1937 kam Sohn Thomas zur Welt, 1938 Sohn Steffen. Ein Glück, das nicht lange ohne Schatten blieb: Der Zweite Weltkrieg kam, das Geschäft von Maria Schmid wurde zerstört, bereits zuvor war sie mit ihrer Familie aufs Land geflohen. Doch sie blieb zielstrebig, zäh, leidenschaftsgetrieben.

Bereits 1945 begann sie wieder zu arbeiten, zunächst auf dem Land, 1946 zurück in Chemnitz. Und sie verlor auch nicht den Mut, als ihr Sohn Steffen 1947 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Es blieb ihr Sohn Thomas, den sie beinahe wie eine Glucke hütete, nach "Thommy, Thommy" rief, wenn er nicht schnell genug in Sichtweite war, und der wiederum erlebte, wie seine Mutter zig Chemnitzer ablichtete - als Porträts, auf Hochzeiten und Jubiläen. Mit viel Liebe habe sie die Menschen fotografiert, die sich ihre Familien, ihr Heim, ihr neues kleines Glück nach den Kriegsjahren aufbauten. Beliebt seien die Fotografien gewesen, stadtbekannt die Fotografin. In den 1950er-Jahren erhielt sie von der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig das Diplom als "Kunstschaffende im Fotografenhandwerk". Bis zu ihrem 75. Lebensjahr fotografierte sie.

Und erlebte, wie ihr Sohn seine Liebe zu den Menschen auf ganz anderen Wegen dokumentierte. Sie hatte ihn selbst noch als Fotografen ausgebildet und dann mit Argusaugen darüber gewacht, dass er sich weiterbildete. Er studierte an der Fachschule für Angewandte Kunst in Magdeburg, später an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Noch während des Studiums war er als Reportage-Fotograf im Auftrag des FDJ-Zentralrats unterwegs und reiste nach Kuba, um die Revolution zu dokumentieren - es war die Initialzündung für Billhardts Interesse an Krisengebieten. Er habe damals in Kuba in den Augen der Menschen Hoffnung gesehen, sagt er, Hoffnung darauf, dass das Leben ein besseres werde.

Seitdem wollte er "so nah wie möglich an den Menschen dran sein, um zu zeigen, wie es ihnen wirklich geht". Und in vielen Ländern, die er bereiste, ging es ihnen, wie er sagt, weniger gut als in der DDR, nicht selten ging es ihnen regelrecht dreckig. Billhardt reiste nach dem Studium als freier Fotograf unter anderem nach Chile, Bangladesch, Libanon, Nicaragua, Kambodscha und Vietnam. Er arbeitete zwar vor allem für Zeitungen und Illustrierte der DDR, für Buchprojekte und Ausstellungen. Doch unter anderem die Bilder, die den Schrecken des Vietnamkrieges zeigten, machten Billhardt bekannt - auch über die Grenzen der DDR hinaus. Unter anderem druckten "Stern", "Spiegel", das "Life Magazine" in New York und "Paris Match" Bilder von ihm. Billhardt fotografierte aber auch daheim - von Ulbricht über Honecker bis hin zu Egon Krenz.

Er galt nicht als systemkritisch, daraus macht er bis heute keinen Hehl. Er habe damals an den Sozialismus geglaubt, habe aber auch die Enge der DDR begriffen. Er hielt seinem Land die Treue, weil er reisen durfte. Und das habe er vor sich rechtfertigen können, weil er nicht an die Strände, sondern in die Kriegsgebiete dieser Welt reiste. Um mit Kriegsbildern zu zeigen, wie wertvoll der Frieden ist.

Die Wiedervereinigung bewertet er heute als Glücksfall, doch so enttäuscht er damals von den Verfehlungen der Machthaber in der DDR war, ist er heute von jenen enttäuscht, die mit Freiheit nichts anfangen können: Mit fast 80 nahm er die Kamera wieder in die Hand und fotografierte Demonstranten eines Pegida-Ablegers. Der Hass, den er in den Augen der Menschen sah, ließ ihn danach nicht gut schlafen. Heute bezeichnet er sich als Antikriegsfotograf, betont oft, wie sinnlos Krieg ist, und bemüht sich um Ausstellungen und Katalogprojekte, damit seine Fotos weiter davon erzählen können. Kein Wunder, möchte man meinen, dass es ein bisschen gedauert hat, bis er die Fotos seines 1966 geborenen Sohnes Steffen ernst nahm, wie dieser selber sagt.

Auch er ließ sich zum Fotografen ausbilden, arbeitete zunächst als Kameraassistent beim Fernsehen der DDR, studierte später an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, fand aber zur Fotografie zurück - seit Anfang der 1990er-Jahre fotografiert er für die Werbe- und Modeindustrie, lebte ab 1993 zunächst in den USA. Es ist die große Freiheit seit der Wiedervereinigung, die er ausleben kann, auch die der kommerziellen Fotografie.

Er habe nie das Bedürfnis verspürt, in Kriegsgebiete zu reisen, worüber Vater Thomas sagt: Gott sei Dank, so habe er wenigstens keine Angst um seinen Sohn haben müssen. Stolz sei er auf den Sohn, auch wenn sich dieser in einer völlig anderen Welt bewegt: War der Vater Einzelkämpfer, ist der Sohn oft mit Stylisten unterwegs, fotografiert schöne Frauen, Mode und Schmuck in Luxusdimensionen. Er hat großen Respekt vor seinem Vater, aber man könne den Menschen auch nicht nur das Schlechte der Welt vor Augen führen, deshalb rücke er selbst gern das Schöne in den Mittelpunkt. Sagen wir, als weiteren Aspekt dieses Lebens. Und einen ganz anderen fügte seine 1969 geborene Schwester Katrin hinzu.

Der Vater wollte unbedingt, dass sie Fotografin wird, bewirkte damit aber das Gegenteil. Sie wurde Töpferin, Ergotherapeutin, arbeitete auch als Aufnahmeleiterin und Regieassistentin bei Fernsehen, Film und Werbung. Und fotografierte mehr oder weniger still und leise, immer mehr vor allem, als der Krebs kam. Und überraschte den Vater mit ihrem Blick auf die Welt. Sie fotografierte Details ihrer Umwelt, auf Fußböden, an Wänden, fand Strukturen, die andere nicht sehen. Ihre Fotos sind wie abstrakte Malerei, Poesie.

Im vergangenen Jahr ist Katrin Billhardt gestorben. Ihr Bruder lebt heute in Singapur, Thomas Billhardt wohnt mit seiner Frau Anita in Kleinmachnow. Maria Schmid- Billhardt starb 1983. Auf dem Chemnitzer Nikolaifriedhof wurde ihr zu Ehren eine Erinnerungsstele errichtet.

In der Ausstellung im Industriemuseum sind nun erstmals Fotografien aller vier Billhardt-Fotografen vertreten. Sie führt die Familie zusammen, sagt Museumschef Oliver Brehm, wie es im wirklichen Leben nicht mehr möglich ist.

Die Ausstellung "Fokussiert. Die Chemnitzer Fotografenfamilie Billhardt" im Industriemuseum Chemnitz wird am Donnerstag für geladene Gäste eröffnet und ist ab Freitag öffentlich zugänglich bis 2. Dezember: dienstags bis freitags, 9 bis 17 Uhr, samstags, sonntags, feiertags, 10 bis 17 Uhr.

 

www.saechsisches-industriemusem.de

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