Die müde Flucht der Schneiders

Die Dokumentation "Der Auf-Schneider" im Ersten wollten am Montag lediglich 1,57 Millionen Zuschauer sehen. Haben die Übrigen etwas verpasst?

Chemnitz.

Das Erste ist ein Spezialist für das Genre Doku-Drama. Es gab eine Reihe bedeutender Produktionen. Erinnert sei an "Todesspiel" oder "Die Manns - Ein Jahrhundertroman". Am Montagabend gab es in der ARD "Der Auf-Schneider" um den ehemaligen deutschen Immobilienkönig und verurteilten Straftäter Jürgen Schneider zu sehen.

Im Doku-Drama vermischt man Dokumentar- und Spielfilmelemente miteinander. Tatsächlich geschehene Ereignisse werden von Schauspielern nachgestellt. Das Ganze wird um Interviews oder Nachrichtenbilder ergänzt. Ziel ist es, Zuschauern komplizierte Sachverhalte anschaulich und unterhaltsam zu vermitteln. Über Schneider wurde bereits viel geschrieben, es gab spannende Dokumentationen, es gibt Bücher und sogar den sehenswerten Spielfilm "Peanuts - Die Bank zahlt alles" mit Ulrich Mühe und Iris Berben in den Hauptrollen. Warum es eines weiteren Doku-Dramas bedurfte, dürfte wohl das Geheimnis der Programmmacher im Ersten bleiben. "Der Auf-Schneider" mit Reiner Schöne und Gesine Cukrowski in den Hauptrollen hatte über das Bekannte hinaus nämlich nichts Erhellendes zum größten deutschen Immobilienskandal beizutragen.

Mit frisierten Immobiliendeals häufte der Unternehmer in den 90er-Jahren einen gigantischen Schuldenberg an. "Also, das Prinzip ist einfach. Jeder, der bauen will, braucht Geld. Damit ihm die Banken dieses Geld geben, rechnet er sein Objekt größer als es ist. Je größer, desto mehr Geld bekommt er", erklärte Schneider 2009 in einem Interview mit der "FAZ". "Alle haben betrogen, ausnahmslos alle. Schon aufgrund des mörderischen Wettbewerbs in dieser Branche", so der heute 84-Jährige. So wies er wies im Frankfurter Einkaufsparadies Zeilgalerie die Bruttofläche als netto vermietbare Ladenfläche aus - und widmete auf dem Papier Lagerräume, Gänge, Technikkeller und selbst Toiletten zu Verkaufsflächen um. Das führte zu Fantasiemieten und viel zu hoch angesetzten Einnahmen. Doch mit den scheinbar fantastischen Renditeaussichten gelang es ihm, immer neue Kredite der Banken zu generieren.

In Leipzig wie in ganz Sachsen ging der Immobilienmogul nach der Wende auf Einkaufstour und besaß hier zeitweise 59 Häuser in bester Lage, eine eigene Baufirma, eine Sandgrube, einen Steinbruch und ein Kiesunternehmen. Führte er die meisten Bauvorhaben auch nicht zu Ende, so gilt er doch bis heute als ein Retter der Stadt. Der SED-Staat hatte viele einst prächtige Barock-, Jugendstil- und Gründerzeithäuser einfach verkommen lassen. Viele Leipziger sind ihm bis heute dankbar, dass zum Beispiel der Bartels Hof mit seinen hübschen Erkern und Giebeln zu alter Pracht erwachen konnte. Das war Anfang der 90er-Jahre nicht selbstverständlich. Das DDR-Fernsehen hatte im Wendeherbst 1989 die erschütternde Reportage "Ist Leipzig noch zu retten?" ausgestrahlt. Eine eindeutige Antwort gab es damals nicht. Zu hoch schienen die nötigen Investitionen zu sein. Geld, das die DDR nicht hatte. Doch Schneider eben auch nicht.

Wie es ihm gelang, sich immer wieder Geld zu leihen und warum die deutsche Kreditwirtschaft mit ihren Kontrollmechanismen versagte, hätte Schwerpunkt des Doku-Dramas sein können. Stattdessen hält sich "Der Aufschneider" lang mit der Flucht der Schneiders nach Miami auf, was schnell ermüdet. Überhaupt wirkt der Film aus der Zeit gefallen. Schneider häufte bis 1994 bei 50 Banken einen Schuldenberg von über fünf Milliarden DM an und setzte sich mit 250 Millionen DM, die er auf Schweizer Konten deponierte, in die USA ab. Doch für die Banken waren die Verluste mindestens verschmerzbar, wenn nicht gar "Peanuts", wie der damalige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper damals den Kreditausfall von 50 Millionen DM für sein Haus nannte.

Angesichts des Berliner Flughafenbaus, der zum Milliardengrab mutiert, und der Finanzkrise von 2008 scheinen Schneiders Verfehlungen heute weit harmloser als es das Dokudrama weismachen will.

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