Die Musik der Zukunft im Programm

43. Leipziger Jazztage überzeugen mit hochkarätigen Konzerten

Leipzig.

Für den letzten großen Abend der 43. Leipziger Jazztage am Samstag ist das Opernhaus lange ausverkauft. Rund 100 Musiker bevölkern die Bühne im ersten Teil: der traditionsreiche MDR-Rundfunkchor und die junge Leipziger Big Band Spielvereinigung Sued. Nach einem Libretto der Schriftstellerin Nora Gomringer hat der amerikanische Komponist John Hollenbeck ein Auftragswerk geschrieben für einen Ort, an dem vor 30 Jahren Geschichte geschrieben wurde.

"Inseparable. Unteilbar" heißt es, und es ist erstaunlich, wie selbstverständlich sich die beiden verschiedenen Großformationen miteinander verschränken. Integriert sind Worte aus einem offenen Brief des Bürgermeisters von Lampedusa, der Mittelmeerinsel, die zum Sinnbild des massenhaften Geschäfts mit Flüchtlingsschicksalen geworden ist. Alles fließt ein in ein Ineinanderdriften der Ebenen dieses nicht unter Ambition begrabenen Unternehmens, das mit Leitbegriffen wie Toleranz und Solidarität zum imposanten Beispiel dafür wird, welche anregenden Impulse das Festival mit seiner diesjährigen klugen Programmatik "Zukunftsmusik" zu setzen vermag.

Anschließend werden die Rückspiegel ausgeklappt mit Blick dorthin, wo schon einmal eine Zukunft des Jazz begonnen hatte. John McLaughlin, Gitarrenweltbürger, ist mit seinem Quartett 4th Dimension da, dem E-Bassisten Étienne M'Bappé aus Kamerun, dem britischen Keyboarder und Schlagzeuger Gary Husband und dem Drummer Ranjit Barot aus Bombay, der mal knochentrocken trommelt, dann wieder mit Konnakol-Gesängen McLaughlins Faible für Indien unterstützt. "Ich hoffe, dass you have fun", sagt derjenige, den Miles Davis einst in seine elektrifizierten Bands holte. Dann beginnt die Zeitreise mit "Trilogy" des Mahavishnu Orchestras aus dem Jahr 1972. Es wird laut, immer wieder zelebriert McLaughlin, der mit 77 Jahren so aussieht, als hätte er nicht viel falsch gemacht im Leben, seine von den Mitspielern furios grundierten Hochgeschwindigkeitsritte. Jeder darf in abgezockten Solos brillieren, und besonders wenn M'Bappé schwarzbehandschuht seinen Fünfsaiter streichelt oder sich zu atemnehmenden Dialogen mit seinem Meister trifft, ist diese Musik ganz von heute. Dann wieder gibt es Reminiszenzen an McLaughlins Band Shakti und seinen 2014 verstorbenen Freund Paco De Lucía.

Ein schönes Finale für ein Festival, das wieder einmal viel mehr war als eine bloße Aufeinanderfolge vieler Konzerte. "Mensch und Maschine" standen zehn Tage lang im Zentrum der 29 Konzerte an zwölf Spielorten. Es war ein Hörfest mit vielen gewagten Acts, die durchweg Leute anzogen, herausforderten und nicht enttäuschten, weil das die Kunst des Jazz als genau die Forschungsabteilung der zeitgenössischen Musik abbildete, die sie zukunftsfähig macht. Damit bleiben die Leipziger Jazztage weit und breit ohne Vergleich.

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