Die neue Realität

Der Autotune-Effekt hat die Popmusik der letzten Jahre fast so drastisch geprägt wie der Verzerrer den Rock seit den 70ern: Was steckt hinter dem Gerät, das vor 20 Jahren erstmals die Charts auf den Kopf stellte?

Do you believe in life after love?" fragte Cher im Herbst 1998, doch als sich ihr Überhit "Believe" hartnäckig in den Charts festsetzte, verloren viele den Glauben an das Popparadies: Bisher schien die glänzende Projektionsfläche besiedelt von funkelnden Talenten, die gleichzeitig unglaublich gut tanzen, aussehen und eben singen konnten. Doch Cher förderte ein schmutziges Geheimnis des Musikgeschäfts zutage: Auto-Tune. "Believe" war die erste Musikproduktion, die Autotune verwendete, und zwar so offensichtlich, dass es klang als würde Cher durch die Matrix hindurch über Liebe und Glaube singen.

Autotune hat nichts mit tiefergelegten Sportwagen zu tun, sondern mit automatischer Tonhöhenkorrektur - es handelt sich um ein Gerät (mittlerweile gibt es den Effekt auch als Software-Plugin), das, simpel gesagt, schiefe Töne gerade biegt. Mit ihm hätten beispielsweise Milli Vanilli niemals schlecht zu Playbacks performen müssen, denn Autotune funktioniert auch live: Es lässt ausgemachte Nichtsänger Melodien treffen und macht aus guten noch bessere Sänger. Wenn man es mit der Korrektur aber absichtlich übertreibt, entsteht ein seltsam welliges "Zwitschern" in der Stimme, das Musiker in eine Art singende Menschmaschine verwandelt. Ursprünglich war das ebenso eine "Fehlfunktion" wie die Verzerrung beim Übersteuern eines Verstärkers, der ja eigentlich den Ton nur lauter machen, dabei aber klar klingen sollte - doch Musiker haben derlei schon immer gern zur Bereicherung genutzt. Da der markante "Missbrauch" von Autotune erstmals mit "Believe" bekannt wurde, spricht man heute auch vom "Cher-Effekt".

Erfunden wurde das Gerät von einem Mann namens Andy Hildebrand: Ein ausgebildeter Geophysiker und versierter Flötenspieler, mit Popmusik hatte er nicht viel am Hut. Er entwickelte eine Software, die mittels eines komplexen Algorithmus seismische Daten analysierte und Ölfirmen dabei half, Bohrlöcher zu finden. Als er 40 war, studierte er nochmal Musik - und entdeckte, dass er mit dem gleichen Algorithmus auch Unebenheiten in Tonspuren aufspüren konnte: Autotune war geboren - und mit ihm Hersteller Antares, der das Gerät 1996 für 19-Zoll-Racks auf den Markt brachte: Die Originalteile erreichen, obwohl Softwaren längst mehr kann, heute gepfefferte Gebrauchtpreise.

Autotune wird wahlweise als Untergang oder als Zukunft der Populärmusik gehandelt. Das "Time"-Magazin erklärte es einst neben Crocs-Latschen und Spam-Mails zu einer der schlimmsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts - andere sehen darin schlicht das wichtigste Musikinstrument unserer Zeit. Für die Kritiker klingt es verdächtig nach Betrug, nach Musik, so manipuliert wie die Abgaswerte eines Dieselmotors. Sie beklagten Authentizitätsverlust: Die Brüche, die kleinen Unsauberheiten einer Stimme, mit Autotune lassen sie sich wegretuschieren wie die menschlichen Makel der Gesichter auf den Fernsehzeitschriften. "Meine Frau trägt Make-Up, ist sie deshalb gleich böse?", fragte Hildebrand, mit der Kritik konfrontiert.

In der digitalisierten Postpopwelt ist Autotune zunächst nur eine Technik, heute meist Standardausstattung in Aufnahmestudios. Wenn es ein wichtiges Instrument ist, dann vor allem eines zum Zeit sparen, eines der optimierten, effizienten Musikproduktion, Hits als Fließbandware. Musste man zuvor wegen einer versemmelten Note ganze Takes nochmal aufnehmen, lässt man sie heute einfach durch Autotune laufen, rettet damit Takes, rettet damit auch Zeit und Geld. 99 Prozent aller Populärmusiker, so eine kolportierte Dunkelziffer, nutzen mittlerweile Autotune, und 99 Prozent aller Hörer bemerken davon nichts.

Man gibt eine Tonart ein, dann analysiert Autotune die Tonhöhen der Gesangsspur, prüft, ob ein Ton vom nächsten richtigen Halbton abweicht und zieht ihn gegebenenfalls auf die korrekte Tonhöhe, ohne dabei die Geschwindigkeit zu verändern. Die Geschwindigkeit, mit der wiederum die Korrektur erfolgt, kann man vorher festlegen: Erfolgt sie dem Song-Tempo angemessen, hört man das kaum, doch je beschleunigter man korrigieren lässt, desto verfremdeter, maschineller, desto mehr Cher klingt die Stimme.

Auch wenn Eifel65 ("Blue") und Daft Punk (One More Time) große Autotune-Hits hatten, revolutionierte der Cher-Effekt vor allem den Hip Hop: Der Rapper T-Pain etwa perfektionierte die Autotune-Ästhetik, traf sich mehrfach mit Hildebrand, als Autotune noch in den Kinderschuhen steckte und wendete den Effekt nicht nachträglich an, sondern sang seine Tracks direkt mit Autotune ein.

2008 veröffentlichte Kanye West mit "808s & Heartbreak" sein viel gepriesenes Autotune-Album, auf dem er über den Tod seiner Mutter und über Einsamkeit sang, und den Effekt wie einen Schleier über seine Stimme legte. Er klang wie jemand, der trotz der Trauer einfach nur funktionieren musste, ein trauriger Rap-Bot. Danach war der Effekt überall: Im Indie, wo sich Kritikerlieblinge wie James Blake und später Bon Iver oder Lambchop an der kunstvoll verwischten Grenze zwischen Post-Dubstep, Folk und Neo-Soul entlangsangen, im Dancehall, in der elektronischen Musik, vor allem aber im Rap und R'n'B, im Cloudrap hat es ein eigenes Genre gefunden. Autotune ist eine Technik und eine eigene Ästhetik - das Musikinstrument der Digitalisierung.

Chers "Believe" stellte also gleichzeitig die aktuelle Gretchenfrage der Popmusik: Man kann es als Apokalypse der Authentizität sehen oder als legitimes künstlerisches Ausdrucksmittel. Widerstand regte sich vor allem im Rock- und Indiegenre, auch Jay-Z forderte 2009 den "Death of Autotune", musste sich spätestens 2018 aber seiner Gattin Beyoncè geschlagen geben, die ihre Stimme auf dem gemeinsamen Album ordentlich mit Autotune polierte.

Autotune wird oft mit plastischer Chirurgie verglichen, die Schönheits-OP für Stimmen. Aber Pop war schon immer auch Plastik; wer Authentizität will, hört Jazz, Blues oder Folk, denn das war nie der Anspruch im Pop - der will nur Projektionsfläche sein. Vielmehr ist Autotune für Musik das, was Photoshop für die Fotografie ist: Man kann es subtil einsetzen, die Belichtung, den Kontrast, die Farben eines Fotos nachbearbeiten, der Betrachter wird es kaum merken. Man kann es aber auch mit Effekten übertreiben, bis es nicht mehr natürlich aussieht. Soll es aber auch gar nicht.

Mischung aus Sänger und Syntheziser, aus Mensch und Maschine, Emotion und Information, es klingt gleichzeitig mechanisch kalt und gefühlsduselig, und passt perfekt zu den von Opioiden vernebelten Text- und Klangwelten vieler Cloudrapper. Mittlerweile ist Autotune eher wie ein Instagram-Filter: Ein Realtitätsverfremder, leider auch ein Gleichmacher, es spiegelt die oft oberflächliche Uniformität der Generation Insta, die digitale Distanz, mit der man die Welt durchs Smartphone-Display betrachtet. Vielleicht ist es der Untergang der Echtheit, vielleicht ist es aber auch genau deswegen die Stimme unserer Zeit.

 

Cher benutzt in "Believe" den Autotune vor allem, um den Refraintitel markant rollen zu lassen. War angeblich ein Versehen.

 

Kanye West verbiegt seine Stimme in "Welcome To Heartbreak" mit dem Autotune-Effekt sehr maschinell und kühl.

 

James Blake wendet Autotune in "I Never Learnt To Share" eher als eine sanfte Verfärbung an, die nicht sofort auffällt.

 

Trettmann nutzt derbes Autotune als "Standard": Für ihn ist der Effekt so prägend wie ein zerrender Marshall für Angus Young.

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